Drei Champions und die Frage nach dem Karriereende
Das Wort „Karriere“ hat im Leben von Athletinnen und Athleten eine große Tragweite. Denn der Eintritt in den Profisport ist für viele ein Schritt ins Unbekannte, der aufregend und beängstigend zugleich sein kann. Zum Ende der Saison 2025/26 haben wir mit Marte Olsbu Røiseland, Weronika Nowakowska sowie der frisch in „Biathlon-Rente“ gegangenen Paulina Bátovska-Fialková darüber gesprochen, wie man sich als Profi am besten auf diesen unausweichlichen Schritt vorbereitet.
Gespür für den richtigen Zeitpunkt
Marte Olsbu Røiseland, die 2023 mit Platz zwei im Massenstart am Holmenkollen ihre Karriere beendete, sagt: „Man muss bei dieser Frage auf sein Herz hören. Ich war mir einst sicher, dass ich nach den Olympischen Spielen 2022 aufhören würde, aber mein Herz hat etwas anderes gesagt. Es war die richtige Entscheidung, noch ein Jahr dranzuhängen. Vielleicht waren die Ergebnisse da nicht mehr so gut, aber ich konnte jedes einzelne Rennen genießen.“
Weronika Nowakowska ist ebenfalls überzeugt, dass eine Athletin spürt, wann es Zeit ist, das Gewehr an den berühmten Nagel zu hängen: „Du musst mit dir selbst verbunden sein. Das ist extrem wichtig.“
„Wenn du über einen längeren Zeitraum keinen Spaß mehr beim Training oder im Wettkampf verspürst, wenn du keine Vorfreude mehr hast oder nicht mehr von Top-Ergebnissen träumst, dann ist wahrscheinlich ein guter Moment, um aufzuhören“, so die Polin.
„Wenn es im Biathlon nur um die Wettkämpfe ginge, würde ich sicher weitermachen“, räumt Bátovska-Fialková ein. „Aber es braucht eben extrem viel Training, und das werde ich nicht vermissen. Ich will zu Hause sein, nicht mehr so viel reisen. Ich brauche den ganzen Stress mit all den Plänen und der ganzen Logistik nicht mehr.“
Neue Prioritäten
Obwohl der Biathlon einen zentralen Teil ihres Lebens ausmachte, verschoben sich bei allen drei Champions irgendwann die Prioritäten – für sie ein klares Zeichen, den Profisport hinter sich zu lassen.
„Du musst dir zunächst darüber klar werden, was du sein willst. Ich wollte in erster Linie Mutter sein und erst danach Biathletin“, so Bátovska-Fialková, die nach der Geburt ihres ersten Kindes noch zwei weitere Saisons an den Start ging. Im Weltcup hat sie dabei die Rückkehr aufs Podium geschafft, unter anderem in der abgelaufenen Saison. Aber sie wusste, dass Top-Leistungen volle Aufmerksamkeit erfordern.
„Ich widme vielleicht nur noch 80 oder 90 % meiner Energie dem Biathlon. Das reicht aber nicht, so viel ist sicher. Um in der Spitze dabei zu sein, musst du 100 % oder mehr geben.“
Diese Erfahrung machte auch Røiseland in ihrer „Zusatzsaison“ 2022/23: „80 % reichen nicht. Es gibt so viele gute Athletinnen. Ich habe gespürt, dass ich keine 100 % mehr geben kann. Da wusste ich, dass ich besser etwas anderes machen sollte.“
Frühe Vorbereitung als Schlüssel
Für Nowakowska lag der Schlüssel für einen sanften Übergang ins „normale Leben“ darin, sich auf das Karriereende und die Zeit danach vorzubereiten.
„Nach meinen Erfolgen wollte ich mich irgendwann auch um andere Dinge in meinem Leben kümmern. Nicht nur um den Sport. Zusammen mit meiner Schwester habe ich ein Café eröffnet. Dadurch war klar, dass ich nach dem Karriereende eine Aufgabe habe.“
Die Polin gesteht, dass sie sich nicht sicher war, ob dies der richtige Weg für sie sei. Aber es hat ihr die finanzielle und mentale Sicherheit für alle künftigen Schritte in ihrem Leben gegeben. Dazu gehörte für sie auch, eine Familie zu gründen und zu studieren.
„Ich bin fest davon überzeugt, dass eine gewisse Vorbereitung auf die Zeit nach der Karriere wichtig ist. Das kann ich allen Athletinnen und Athleten nur wärmstens empfehlen. Je eher sie sich Gedanken über die Zeit nach dem Sport machen und auf sich Acht geben, umso besser.“
Sinnfrage ohne Sport
Die Frage „Wer bin ich ohne den Sport?“ beschäftigt viele Profis nach dem Karriereende. Denn viele neigen dazu, sich über den Sport zu definieren, so wie sich auch andere Menschen mit ihrem Beruf identifizieren. Dadurch wird es nicht leichter, nach dem Karriereende neue Wege einzuschlagen.
„Ich sehe viele, die sich viel länger durchkämpfen, als sie vielleicht sollten“, meint Nowakowska. „Denn sie haben Angst vor dem normalen Leben – Rechnungen, Miete, eigene Zeitplanung oder selbst Einkäufe. All diese Dinge sind dir während der Profikarriere eher fremd.“
„Häufig sage ich, dass ich jetzt mein zweites Leben lebe. Ein neues Leben nach meinem ersten“, lacht die Polin. „Ich glaube, Athletin zu sein, macht einen Großteil unserer Persönlichkeit aus. Aber es sollte nicht das Einzige sein. Denn ansonsten läufst du Gefahr, dass du dich mit 30 oder so als Mensch in einer anderen Rolle neu finden musst.“
Immer mit dem Biathlon verbunden
Für alle drei Champions war es wichtig, einen Weg jenseits der Wettkämpfe zu finden. Genauso wichtig war es für sie aber auch zu wissen, dass sie dem Biathlon weiterhin verbunden bleiben werden. Weronika Nowakowska und Marte Olsbu Røiseland arbeiten mittlerweile als TV-Expertinnen, Paulina Bátovska-Fialková würde ihre Erfahrung gern an die nächste Biathlon-Generation in der Slowakei weitergeben.
„Im Moment möchte ich eine Pause einlegen und etwas Abstand zum Biathlon gewinnen. Aber ich werde dem Sport in jedem Fall verbunden bleiben, in welcher Form auch immer. Wenn ich gebraucht werde, bin ich da“, so die Slowakin. „Jetzt wünsche ich mir erstmal ein etwas ruhigeres Leben. Ich will mehr Zeit zu Hause zusammen mit meiner Tochter und meinem Mann verbringen.“
Das Ende der Profikarriere muss keinen Abschied vom Biathlon bedeuten. Nur die Perspektive wird sich ändern – ob an der Strecke, im TV-Studio oder wie Dorothea Wierer in einem Interview in Oslo freudestrahlend sagte, zu Hause auf der Couch.