Simon Eder zählt auch mit 39 nicht zum alten Eisen

Neun Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City gewann Simon Eder den WM-Titel der Junioren im Einzel über 15 km. Damals traf er 19 von 20 Scheiben. Zwanzig Jahre später bereitet sich der Österreicher im zarten Alter von 39 Jahren auf eine weitere Saison im BMW IBU-Weltcup vor. Noch immer schießt er um die 90 %. Und er möchte auch in der 17. Saison in Folge einen Podestplatz feiern. Nach einem dreiwöchigen intensiven Trainingsblock hat der hoch motivierte Eder die Halbzeit seiner Vorbereitung erreicht. Mitte Juli baute er eine regenerative Woche ein und nahm sich Zeit für ein Gespräch mit uns.

BW: Vor vier Jahren lautete das Ziel Peking. Nun ist Olympia 2022 Geschichte und du bist immer noch da.

SE: Aufzuhören ist nicht so einfach. Jeder spürt eine andere Motivation. Dominik Landertinger wollte mit einer WM-Medaille Schluss machen, und das ist ihm gelungen. Doch der richtige Zeitpunkt wird nicht immer von Zielen wie einem Podestplatz bestimmt. Ich möchte wirklich noch weitermachen und im Weltcup mitmischen. Mein Vater ist bis 41 Rennen gefahren und würde das auch heute noch tun, wenn er könnte. Als ich jung war, habe ich mir immer vorgestellt, wie ich meinen 40. Geburtstag zusammen mit meiner Frau in einer schönen Berghütte und einem guten Whisky feiere. Jetzt denke ich, dass ich in Oberhof sein werde. Je mehr mein Karriereende näher rückt, desto mehr schätze ich sie wert. Ich will noch ein, zwei Jahre trainieren und Wettkämpfe bestreiten. Denn ich liebe meinen Job, das ist das Wichtigste.

BW: Hättest du vor zehn Jahren gedacht, dass du dich im Sommer 2022 auf die neue Biathlonsaison vorbereitest?

SE: Vor zehn Jahren schon, fünf Jahre davor eher nicht. Damals ging es mir nicht gut und ich dachte, ich müsste meine Karriere früh beenden. Zwei Jahre lang fühlte ich mich ausgelaugt und konnte nicht trainieren. Aber ich habe den Sport unglaublich vermisst. Vielleicht bin ich deshalb immer noch dabei. Mit sechs habe ich bei den Österreichischen Meisterschaften mein erstes Rennen bestritten, es fühlte sich an wie der Weltcup. 33 Jahre später habe ich noch immer großen Spaß am Biathlon und möchte der Sportart auch nach meiner aktiven Karriere treu bleiben. Vielleicht als Trainer oder Techniker.

BW: Was ist dein Erfolgsgeheimnis, um mit 39 immer noch konkurrenzfähig zu sein?

SE: Gesundheit ist das Wichtigste. Es gab Jahre, da war ich krank. Dabei kann selbst ein kleiner Infekt große Auswirkungen auf deine Saison und die Ergebnisse haben.

BW: Jakov Fak und Simon Eder sind die beiden letzten verbliebenen Athleten von Ridnaun 2002. Hattest du damals geahnt, dass deine Leidenschaft für den Biathlon so lange anhält?

SE: Damals habe ich mit den Augen eines Jungen in die Zukunft geblickt. Dieser Blick war nicht realistisch, Probleme gab es in meiner Vorstellung nicht. Mein Ziel war es, Junioren-Weltmeister zu werden. Das habe ich geschafft. Die Jahre danach waren schwierig. 2002 dachte ich, ich könnte eines Tages die Weltcup-Gesamtwertung holen. Dann habe ich gemerkt, dass das alles andere als einfach ist. Also habe ich meine Ziele Schritt für Schritt angepasst. Zuerst wollte ich es in den Weltcup schaffen und habe hart an mir gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen. Dann wollte ich eine Staffelmedaille holen, weil es in einer Einzeldisziplin noch unrealistisch war. In den Jahren 2008 und 2010 hatten wir ein gutes Team zusammen und konnten sowohl bei Olympia als auch bei den Weltmeisterschaften die Silbermedaille gewinnen.

BW: Du warst in 16 aufeinanderfolgenden Saisons jeweils mindestens einmal auf dem Podium, ob allein, mit der Staffel oder im Single-Mixed-Wettbewerb. Überrascht dich das?

SE: Oh, das wusste ich nicht! Das erhöht natürlich den Druck für den kommenden Winter. Es ist immer ein großes Ziel und eine große Motivation, aufs Podest zu kommen. Ich kenne sehr viele Athleten, die genauso hart arbeiten und noch nie auf dem Podium standen. Für mich ist es ein großes Privileg. Wir hatten großartige Jahre mit der Männerstaffel. Manchmal waren wir nach einem dritten Platz sogar enttäuscht. Einige Jahre später in Ruhpolding sicherte uns Landi den dritten Rang – unser einziges Podium in jener Saison. Ich habe das zugehörige Bild meiner Mutter geschenkt, weil ich wusste, dass ein Podestplatz etwas Besonderes ist. Die Single-Mixed hat im Übrigen auch sehr viel zu dieser Strähne beigetragen.

BW: Hast du mit zunehmendem Alter dein Training angepasst, um fit und konkurrenzfähig zu bleiben?

SE: Die großen Umfänge habe ich noch nie trainiert. Vielleicht bin ich deshalb nicht so schnell. Ich weiß genau, wie viel Training mein Körper verkraftet. Daher versuche ich, zwischen 600 und 700 Stunden zu trainieren, dafür mit hoher Qualität. Vergangenen Winter habe ich 37 Rennen bestritten, da bleibt während der Saison sowieso keine Zeit zum Trainieren. Für mich zählt die Trainingsqualität mehr als die Anzahl der Trainingsstunden. Wichtig ist, dass du nach jedem Trainingsblock eine Woche zur Regeneration einbaust und dich auf die nächsten Trainingswochen vorbereitest. Was man in der Ruhewoche macht, ist dabei gar nicht entscheidend.

BW: Deine letzte Saison war ziemlich gut. Am Ende warst du 15. im Gesamtweltcup, hattest einige Top-Ten-Platzierungen, warst 7. im Olympischen Massenstartrennen ... Wie zufrieden warst du damit?

SE: Ich war sehr zufrieden. In erster Linie geht es um die eigenen Erwartungen, nicht um die von außen. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die ich in meiner Laufbahn gelernt habe. Wenn die Erwartungen von außen zu hoch sind, hörst du nicht mehr auf dich selbst. Vor Peking habe ich zu meiner Tochter gesagt, dass ich mir eine Top-Ten-Platzierung wünsche. Nach dem zehnten Platz mit der Staffel sagte sie: „Papa, du hast es geschafft!“. Dabei dachte ich nur an die eisige Kälte und daran, wie langsam wir waren. Aber ich war überglücklich mit Rang sieben im Massenstart. Die Ziele müssen realistisch sein.

BW: Fällt es dir mit dem Alter schwerer, Sport und Familie unter einen Hut zu bekommen?

SE: Meine Familie sieht meine Leidenschaft und weiß, wie viel mir der Biathlon bedeutet. Sie macht das alles erst möglich. Wenn ich manchmal nach einer harten Trainingseinheit nach Hause komme, bin ich wohl nicht so der Vorzeigepapa. Dann will ich nicht spielen, sondern mich einfach nur ausruhen. Aber ich werde das richtig genießen können, wenn ich aufgehört habe und nicht mehr über 20 Stunden die Woche trainiere. Meine besten Leistungen habe ich abgerufen, nachdem ich Vater geworden bin. Also hat das definitiv etwas mit meinem Leben gemacht. Wenn man Familie hat, ist Zeitmanagement sehr wichtig.

Darüber hinaus habe ich das Privileg, von meinem Vater trainiert zu werden. Er ist immer da, besser geht es nicht.

BW: Neue Saison, neues Glück. Welche Ziele hast du dir gesteckt?

SE: Ricco Groß hat zwar gesagt, dass man seine Ziele schwerer erreicht, wenn man sie nicht für sich behält, sondern öffentlich macht. Doch mein großes Ziel ist es, vor meinem Karriereende noch einmal in einem Einzelwettbewerb auf dem Podium zu stehen. Das ist nicht unmöglich, aber dafür muss ich alle Scheiben treffen. Eine Top-Ten-Platzierung in einem Einzelrennen und ein Podestplatz mit der Staffel nehme ich mir auch noch vor. Die größten Chancen dafür gibt es sicherlich im Single-Mixed-Wettbewerb. Ehrgeizige Ziele also, und hoffentlich auch realistische.

Fotos: IBU Christian Manzoni, Evgeny Tumashov, Jerry Kokesh

Share this article

Header iconAbonniere unseren Newsletter