„Ich habe jedes Detail verfeinert“ – Acht Jahre später ist Kuzmina bereit für ihr Olympia-Comeback

Von ihrem Debüt im Alter von 21 Jahren in Oberhof 2006 bis zu ihren vierten Olympischen Spielen zwanzig Jahre später umspannt Anastasia Kuzminas Karriere drei Jahrzehnte, 30 Weltcup-Podestpläze, ein komplettes Set an WM-Medaillen und eine Medaille von allen Olympischen Winterspielen, an denen sie teilgenommen hat – dreimal Gold und dreimal Silber. In dieser Saison war ihre bisherige Bestleistung Rang 19, doch Kuzmina erinnerte uns daran, dass Olympia seine eigenen Regeln hat – und dass manchmal einem Athleten die ganz große Überraschung gelingt.

Biathlonworld: Wie fühlen Sie sich angesichts der immer näher rückenden Olympischen Spiele?

Anastasia Kuzmina: Wir befinden uns bereits in der letzten Phase der Saison, in der es darum geht, unsere Form zu testen und sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Im Moment fühle ich mich ein bisschen müde, aber gleichzeitig bin ich auch sehr aufgeregt und merke, dass ich in Richtung Saisonhöhepunkt immer besser in Form komme.

BW: Was motiviert Sie am meisten: die Freude am Wettkampf, die Teilnahme an weiteren Olympischen Spielen oder die Menschen und das Team um Sie herum?

AK: Es sind gemischte Gefühle und es ist schwer, einen Hauptgrund herauszupicken. Ich fühle mich, als ob etwas beinahe Unwirkliches vor mir liegt – nach einer langen Pause kehre ich zurück, komme langsam wieder in Form und bereite mich auf meine vierten Olympischen Spiele unter slowakischer Flagge vor. Das ist eine große Ehre und etwas, das ich sehr schätze.

Gleichzeitig sind die Olympischen Spiele an sich eine einzigartige Herausforderung. Man sieht oft, dass selbst perfekt vorbereitete Athleten nicht immer Erfolg haben, während jemand, den man nicht auf der Rechnung hatte, alle überrascht.

BW: In unserem letzten Interview sprachen Sie über Ihr Comeback nach knapp viereinhalb Jahren Pause vom Top-Biathlon. Wie würden Sie Ihre Rückkehr heute beschreiben?

AK: Es war ein langer, schwieriger Weg. Während meiner Abwesenheit hat sich der Sport stark verändert – junge Athleten waren unglaublich gut vorbereitet und selbst meine ehemaligen Konkurrentinnen zeigten Leistungen, die ich nie von ihnen erwartet hätte.

Plötzlich waren überall Schnellschützinnen und rasante Läuferinnen anzutreffen, teilweise sogar vergleichbar mit dem Herrenbiathlon. Es wurde klar, dass nur harte, systematische Arbeit zum Erfolg führen würde.

In den vergangenen drei Jahren habe ich an jedem Detail gefeilt, mir neue Gewohnheiten zugelegt und mich selbst auf eine neue Weise kennengelernt. Das härteste war, motiviert zu bleiben und nicht aufzugeben, als es nicht alles wie geplant lief.

BW: Wo sehen Sie Ihre heutige Form im Vergleich mit dem Höhepunkt Ihrer Karriere?

AK: Es ist schwierig, das direkt zu vergleichen. Die Ski- und Wachsverfahren haben sich verändert und ich habe ehrlich gesagt ein Jahr gebraucht, um mich an das neue Material und das Gefühl unter meinen Füßen zu gewöhnen.

Meine Technik und meine Körperparameter haben sich ebenfalls verändert, zusammen mit einigen physiologischen Anpassungen. Ich brauche länger, um mich zu erholen, aber mein Muskelgedächtnis funktioniert noch. Das Schwierigste war, es im Training nicht zu übertreiben, denn ich weiß noch, wie ich früher trainiert habe. Wenn ich zu hart rangegangen bin, brauchte ich längere Ruhezeiten und konnte einige geplante Einheiten nicht absolvieren. Die richtige Balance zu finden, war eine Herausforderung.

BW: Was halten Sie bisher von dieser Weltcupsaison? Und was sind Ihre Ziele und Erwartungen für die Olympischen Spiele?

AK: Bisher hat mir die Weltcupsaison einige große Enttäuschungen beschert, vor allem am Schießstand, obwohl ich sehr hart gearbeitet habe. Mein Hauptziel war es, zu zeigen, dass ich anders bin – dass ich fehlerfrei schießen kann und keine Strafrunden in Kauf nehmen muss. Vor der olympischen Saison habe ich meine Waffe ausgetauscht. Es fühlte sich an, als müsste ich noch einmal neu schießen lernen. Zum Glück habe ich einen geduldigen Schießtrainer, meinen ehemaligen Teamkollegen Martin Otčenáš, den ich sehr respektiere. Meine Schießleistung sollte nun eigentlich passen, also muss ich meinem Muskelgedächtnis vertrauen und während des Rennens entspannt bleiben. Darauf liegt mein Hauptaugenmerk in Hinblick auf Olympia. Meine Form wird immer besser, aber im Biathlon ist die Schießleistung entscheidend. Mein Hauptziel ist es, das Laufen und Schießen im richtigen Moment auszubalancieren. Medaillen scheinen in weiter Ferne zu liegen, weil die Konkurrenz so groß ist. Aber meine Aufgabe ist es, beide Elemente in Einklang zu bringen.

BW: Was ist Ihre schönste Erinnerung an die vergangenen Olympischen Spiele?

AK: Wahrscheinlich das Einzelrennen in Pyeongchang. Ich habe Silber gewonnen, aber Einzelrennen habe ich nie wirklich genossen. Sie sind lang, mit vier Schießeinlagen und verlangen extreme Konzentration.

Doch in diesem Rennen kam alles zusammen. Ich habe mich toll gefühlt – als würde ich über den Schnee fliegen. Alles hat gepasst und ich habe an mich geglaubt. Das erinnert mich daran, dass die Momente, die wir fürchten, zu den schönsten im Leben werden können.

BW: Welchen Rat würden Sie jüngeren Athleten geben, die sich auf ihre ersten Olympischen Spiele vorbereiten?

AK: Bei meinen ersten Spielen in Vancouver stand für mich das Erlebnis im Vordergrund. Im Leistungssport, vor allem im Biathlon, fällt das „Genießen“ oft hinten runter, weil jeder Wettkampf harte Arbeit ist. Ich verstehe unter genießen, das Rennen an sich und die Atmosphäre aufzunehmen und das Schicksal ein bisschen mitspielen zu lassen. Die besten Ergebnisse erzielt man meistens, wenn man nicht damit rechnet. Mein Rat an junge Athleten ist, die Olympischen Spiele zu genießen. Und wenn sie gut vorbereitet sind, werden sich auch gute Ergebnisse einstellen.

BW: Was bereitet Ihnen außerhalb des Biathlonsports die größte Freude?

AK: Das Gefühl, Teil einer großen Familie zu sein, zu der ich seit vielen Jahren gehöre, bedeutet mir sehr viel.

Fotos: Manzoni & Deubert / IBU

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