Tagebuch aus dem französischen Trainingscamp: Mit dem Rad nach Alpe d’Huez, Skiroller-Sprints, Lauf-ABC und mehr
Bei ihrem ersten längeren Trainingscamp in Ceillac in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur im Südosten des Landes hat das französische Männerteam im wahrsten Sinne des Wortes die Straße erobert.
300 km auf dem Rad zum Einrollen
Normalerweise fahren die Teams mit dem Auto ins Camp. Doch die französischen Männer haben den Weg in ihr Domizil auf 1.600 m Höhe allein mit Muskelkraft zurückgelegt. An einem milden Freitagmorgen stiegen Quentin Fillon Maillet, Emilien Claude, Oscar Lombardot und Gaëtan Paturel aus dem A-Kader gemeinsam mit dem B-Team in den Sattel, um von Chambéry aus zum berühmten Anstieg nach Alpe d’Huez hinaufzuklettern. Bei ihrer Tour über 170 km mussten sie mehr als 4.000 Höhenmeter überwinden. Nach einer Übernachtung im Alpenort ging es am nächsten Tag weiter ins Camp. Diesmal standen 130 km und weitere gut 3.000 Höhenmeter auf der Uhr. Die letzten 13 km hinauf nach Ceillac erinnerten stark an die steilen Serpentinen am Stilfser Joch. Schießtrainer Siegfried Mazet erklärte: „Wir wollten mal etwas anderes machen, anstatt sechs Tage nur am Schießstand zu verbringen. Einige Jungs sind noch nie einen solch harten Anstieg hochgefahren, daher war es für sie eine spannende Erfahrung.“
Neuer Olympiazyklus beeinflusst Trainingsplan
Die vielen Stunden im Sattel waren der Auftakt eines sechstägigen Trainingslagers, bei dem vor allem die Arbeit am Schießstand sowie einige Bergtouren im Mittelpunkt standen. Chefcoach Simon Fourcade ergänzte: „Mit dem neuen Olympiazyklus werden wir einige Änderungen an unserem Trainingsplan vornehmen. Wir gehen zwar auch in die Höhe, aber nicht mehr so intensiv wie in den letzten drei Jahren.“
Tag 1 am Schießstand: 10x150 Sprints mit Schießen
Obwohl die neue Saison noch weit weg erscheint, stieg am zweiten Tag im Camp die Intensität beim Schießen spürbar an. Nach der Erwärmung stand zunächst ein 30-minütiges Training mit schnellen Runden am Schießstand und Ein-Schuss-Übungen auf dem Programm. Im Mittelpunkt stand eine kontrollierte Atmung. Die Haupteinheit bestand aus hochintensiven Sprints auf einer zweispurigen, 150 m langen Geraden, die zum Schießstand führt. Anschließend feuerten die Athleten fünf Schuss mit kontrollierter Atmung ab, legten die Gewehre zurück und wiederholten das Ganze zehnmal. Bei jedem Sprint wurde bis zum letzten Meter um den Sieg gekämpft: „Das waren die ersten intensiveren Schießeinheiten. Daher fiel es einigen schwer, sich nach dem harten Sprint schnell auf ein kontrolliertes, präzises Schießen einzustellen.“
Nach dem Mittagessen und einer Ruhepause ging es auf einer leichten, zweistündigen Tour zum nahegelegenen Gipfel hinauf und wieder zurück.
Tag 2 am Schießstand: Laufintervalle
Nach der ersten harten Einheit der Saison folgte ein zweiter intensiver Tag. Statt Skiroller schnürten die Athleten ihre Laufschuhe. Statt Schießübungen zur Erwärmung kamen die Athleten bei strahlendem Sonnenschein mit Lauf-ABC auf Temperatur. Dabei standen die französischen Biathleten echten Laufprofis in nichts nach, die sich mit Kniehebelauf, Anfersen, A-Skips usw. warm machten. Nach kurzem Anschießen und 15 weiteren Minuten Erwärmung gingen drei Gruppen zu je vier Athleten auf eine 600 m lange Schleife mit einer Schießeinlage je Runde und einem kurzen Erholungslauf zurück zum Gewehrständer. Im Gegensatz zu den Sprints am Vortag war das Tempo gleichmäßig und kontrolliert, sodass die Scheiben leichter fielen. Nach der Einheit zeigten sich die Coaches zufrieden. Mazet sagte „Mir gefallen nicht nur die Ergebnisse, sondern vor allem, dass alle so fokussiert und ehrgeizig bei der Sache sind.“
Nach dem zweiten intensiven Tag in Folge stiegen alle zufrieden in die Kleinbusse, um zurück zum Ferienhaus zu kommen, wo es Mittag gab. Niemand musste die Skiroller nehmen. Anschließend entspannten einige in der Sonne, andere spielten Darts. Nach fünf harten Tagen gab es zur Belohnung einen freien Nachmittag.
50/50-Tag
Nach einer weiteren Nacht und anschließendem Frühstück ging es zurück ins beschauliche Ceillac. Am kleinen Schießstand mit 16 Bahnen stand das an, was Mazet eine „50/50“-Einheit nennt: 50 Schüsse auf Papier, 50 Schüsse auf Metall, lange Skiroller-Runden und das über fast drei Stunden. „Das Tempo ist mir egal, ihr müsst einfach die Ziele treffen. Zunächst geht es ums Treffen, dann schießt ihr schneller. Trefft ihr nicht, gibt es keinen Grund, schneller zu schießen!“ Bei der Einheit gab es einige Kommentare und Lerneffekte, wobei der Coach einräumte: „Ich sollte besser den Mund halten und später darüber sprechen!“
Gutes Camp an einem guten Ort
Während Mazet den Schießstand im Blick behielt, war Fourcade draußen auf der Runde, um die Technik seiner Athleten zu filmen und zu analysieren. All das gehört zur Frühphase der Saison dazu. Mit Blick auf das erste richtige Camp sagte er: „Es war ein wirklich gutes Camp an einem wirklich schönen Ort, an dem wir nicht so oft sind. Es ist Teil unserer Strategie, manche Dinge anders zu machen und auch mit dem B-Kader zusammenzuarbeiten. Wir gehen auf dieselben Runden, Radtouren, bauen Teamgeist auf und arbeiten gut am Schießstand zusammen.“
Und dann geht wieder alles von vorne los: Essen, Schlafen, Trainieren. Im Biathlon wird der Grundstein für Erfolge eben im Sommer gelegt.
Fotos: IBU/ Nordic Focus, Louis Schwartz/French Biathlon, Jerry Kokesh