Neue Stars, gleicher Schwung: Chinas Aufstieg im Parabiathlon geht weiter

Die chinesischen Parabiathleten zählten zu den größten Überraschungen der Spiele in Peking und gewannen dort ihre ersten 12 paralympischen Medaillen. Allerdings konnten sie im Medaillenspiegel nicht an der Ukraine vorbeiziehen. In Val di Fiemme haben sie ihre Ausbeute in nur zwei Rennen fast verdoppelt und ihrer Kollektion weitere 11 Medaillen hinzugefügt. Jiayun Cai und Yue Wang werden am Freitag um ihre dritten Goldmedaillen in dieser Woche kämpfen – und um den Titel des größten Stars der Spiele.

Vor 2022 gab es über den chinesischen Parabiathlon nicht viel zu sagen. Eine Geschichte aus den frühen Jahren ist allerdings legendär: Als die chinesischen Parabiathleten 2002 in Salt Lake City ankamen, erfuhren sie erst vor Ort, dass die Rennen nicht im klassischen Stil – auf den sie sich vorbereitet hatten –, sondern im Skating-Stil ausgetragen wurden. Nach schwierigen Anfängen betraten sie erneut 2018 in PyeongChang die Parabiathlon-Bühne, doch ihre Leistungen waren weit vom Medaillenniveau entfernt.

Die Aussicht auf Paralympische Heimspiele 2022 ließ China einige Jahre vorher ein ambitioniertes Entwicklungsprogramm ins Leben rufen. Im Biathlon umfasste dieses Programm auch die Weltklassetrainer: Ole Einar Björndalen und Daria Domracheva wurden unterstützt vom berühmten Schießtrainer Jean-Pierre Amat. Das Projekt wurde kurz nach den Spielen in Peking eingestellt, und ein Großteil der Fortschritte, die in dieser Zeit erzielt worden waren, ging verloren. Im Parabiathlon trumpft die chinesische Mannschaft, die bereits vor vier Jahren beeindruckte, in Val di Fiemme noch stärker auf.

Das hatte sich bereits beim einzigen Auftritt der chinesischen Nationalmannschaft beim Weltcup in Notschrei abgezeichnet. Die chinesischen Athleten erkämpften acht Siege, neun zweite Plätze und neun dritte Plätze und zeigten damit die stärkste Mannschaftsleistung in der jüngeren Weltcupgeschichte. Ihre Tiefe und Vielseitigkeit werden auch dadurch unterstrichen, dass China als einzige Mannschaft Athleten in allen drei Kategorien bei den Herren und Damen stellt. Und sie treten in allen sechs Wettkampfklassen an. Die einzige Medaille, die sie in Val di Fiemme noch holen müssen, ist in der Sitzend-Kategorie der Damen. Diese Chance wird sich ihnen in der Sprint-Verfolgung am Freitag bieten. Yilin Shan stand bereits zuvor in dieser Saison auf den Treppchen.

Der Kern des Teams besteht aus den Medaillengewinnern von Peking: Zixu Liu, Mengtao Liu, Zhiqin Zhao und Yue Wang haben alle ihre Erfolge von vor vier Jahren wiederholt und standen erneut auf dem Podium. Wang tritt in Kategorie IV der Damen an und sicherte sich die Siege in beiden Rennen in Val di Fiemme. Keine andere Athletin hat jemals drei Medaillen in dieser Kategorie gewonnen.

„Natürlich verleihen mir diese beiden Siege viel Selbstbewusstsein vor dem letzten Rennen. Als Athletin will ich immer gewinnen und mein Bestes geben. Aber ich will mir nicht zu viel Druck machen, sondern entspannen und die Spiele genießen. Ich war bei den Spielen in Peking noch sehr jung und mental noch nicht ausgereift. Nach diesen Wettkämpfen habe ich an mir gezweifelt, aber dank der Unterstützung meiner Trainer, meiner Familie und den Menschen in meinem Leben bin ich gewachsen. In den letzten vier Jahren konnte ihr viel Erfahrung sammeln. Das hat mich mental gestärkt und mir geholfen, hier noch besser zu sein“, sagte Wang.

Neben Wang sicherte sich auch Jiayun Cai zwei Siege. In der Stehend-Kategorie der Herren trat er gegen einige der erfolgreichsten Athleten des Sports an, darunter Mark Arendz, Grygorii Vovchynskyi und Benjamin Daviet. Cai, der sein internationales Debüt im Dezember 2024 gegeben hatte, musste zu Beginn seiner Parabiathlonkarriere einige Herausforderungen meistern, einschließlich wiederholter Erfrierungen während des Trainings. Cai stammt aus Südchina. Dort schneit es kaum und er musste sich erst an die harten Winterbedingungen gewöhnen. In Val di Fiemme spielte im das Wetter allerdings in die Hände: Sonne, Temperaturen über dem Gefrierpunkt und man konnte sogar den Duft von Sonnencreme riechen.

Ein weiterer Athlet, der hier sein paralympisches Debüt gab und gleich bei seinen ersten Spielen auf dem Treppchen stand, ist der 39-jährige Zhongwu Mao. Er sicherte sich Silber im Sitz-Rennen der Herren über 12,5 km.

„Die Silbermedaillen bedeutet mir viel. Sie ermutigt mich dazu, mich weiterhin zu verbessern. Ich bin sicher, dass ich in den kommenden Tagen noch stärker werden kann. Diese Paralympischen Spiele sind ein historischer Moment für das chinesische Team. Sie werden viele Menschen mit Behinderungen inspirieren, nach einem besseren Leben zu streben und ihre Träume zu verfolgen“, sagte Mao.

Eine der größten Überraschungen ereignete sich beim Einzel der Herren in der Kategorie IV: Hesong Dang gewann Gold, obwohl der 26-jährige noch nie zuvor in einem internationalen Rennen auf dem Treppchen gestanden hatte. Doch am Sonntag dominierte er den Wettkampf und siegte mit über zwei Minuten Vorsprung. Im Ziel verriet er seine Erfolgsformel:

„Ich habe jeden Tag trainiert, weil ich unbedingt eine Goldmedaille gewinnen oder auf dem Podium stehen wollte. Ich habe früh am Morgen begonnen und bis acht Uhr abends trainiert – jeden Tag. Manchmal dachte ich ans Aufgeben, aber mein großer Traum hat mich durchhalten lassen“, sagte Dang.

Die Athleten werden in der Mixed-Zone von den Medien belagert. Chinesische Journalisten sind in Val di Fiemme in der Überzahl – und haben am meisten zu feiern. Vielleicht können sie am Freitag in der Sprint-Verfolgung, dem letzten Biathlonwettkampf dieser Paralympischen Spiele, noch mehr jubeln.

Fotos: IBU | Barbieri

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