Expertenmeinung Nové Město: Ivona Fialkova über schwierige Entscheidungen vor den Olympischen Spielen

Nachdem die olympischen Nominierungen feststehen und Milano–Cortina 2026 immer näher rückt, analysiert Ivona Fialkova das sensible Gleichgewicht zwischen der Jagd nach Weltcuppunkten und dem richtigen Formhöhepunkt. Vom elitären Männer-Trio und der Konstanz von Lou Jeanmonnot bis hin zu den taktischen Herausforderungen in Nové Město und Antholz bietet die ehemalige Weltcup-Athletin einen Insiderblick auf Form, Druck, Höhe und olympische Entscheidungsprozesse.

Die Leistungen von Tommaso Giacomel, Eric Perrot und Sebastian Samuelsson in Ruhpolding haben mich nicht überrascht. Schon vor dem Saisonstart zählten diese drei mit zu meinen Favoriten auf den Sieg im Gesamtweltcup. Sie sind sehr erfahren, gut in Form und vor allem mental starke Athleten, die auch unter Druck gute Leistungen erbringen.

Nach Ruhpolding stehen sie vor einer schwierigen Entscheidung: Werden sie in Nove Mesto na Morave antreten oder die Rennen auslassen? Kein Athlet schafft es, von Ende November bis Ende März in Topform zu sein. Manche lassen Oberhof aus, andere Nove Mesto. Im Kampf um den Weltgesamtsieg ist das schwierig, da jedes Rennen zählt. Für Tommaso Giacomel ist es besonders schwer, da er derzeit führt. Doch ich denke, sein Hauptaugenmerk liegt auf der Heimolympiade.

Die Strecken in Nove Mesto sind anspruchsvoll. Oftmals liegt schwerer, tiefer, nasser Schnee und es gibt einige gefährliche Abfahrten. Es ist schwierig zu sagen, wessen Stil am besten dazu passt. Abhängig von den Bedingungen könnte Eric Perrot es am einfachsten haben.

Lou Jeanmonnot erlebte in Ruhpolding eine außergewöhnliche Woche. Ihre Beständigkeit ist kein Zufall. Sie zählt seit mehreren Saisons zu den schnellsten Athletinnen und wenn eine Athletin sich auf ihren Skiern wohlfühlt, dann zeigt sich das auch am Schießstand. Ihre Trefferquote ist sehr hoch und jedes erfolgreiche Rennen macht sie selbstbewusster. Je öfter man unter Druck gute Leistungen zeigt, desto leichter wird es beim nächsten Mal.

Hanna Oeberg ist ebenfalls gut in Form und schaffte einen Sieg und einen zweiten Platz. Damit sie so weitermachen kann, muss sie gesund bleiben. Wenn man als Athletin nicht krank wird, kann die Bestform zwei bis vier Wochen anhalten.

Eine weitere Athletin, die mich in dieser Saison besonders beeindruckt hat, ist Suvi Minkkinen. Sie war sehr beständig und stark, vor allem in den schwierigen Wochen in Oberhof und Ruhpolding.

In Hinblick auf Nove Mesto und die Olympischen Spiele muss man natürlich mit Überraschungen rechnen. In Tschechien werden die Einzel ausgetragen, das heißt gute Schützen haben einen Vorteil. Wenn einige Topathleten die Rennen auslassen, um sich auf Olympia vorzubereiten, eröffnen sich dem Rest des Feldes viele Möglichkeiten – auch den Athleten aus dem IBU Cup. Bei Olympia sind Überraschungen quasi garantiert. Athleten, die gut vorbereitet und bereits an die Höhenlage angepasst sind – vor allem jene, die in der Höhe leben und trainieren – werden einen Vorteil haben. Es ist schwierig, Namen zu nennen. Einem kleineren Team wie Slowenien anzugehören, hat Vor- und Nachteile. Der größte Vorteil ist, dass man weniger unter Druck steht und mit weniger Konkurrenz während der Qualifikation zu kämpfen hat. Der Nachteil ist, dass den Topathleten Trainingspartner fehlen, die sie antreiben und an ihre Grenze bringen können. Es ist also schwieriger, Drucksituationen im Training zu simulieren und die Kontrollrennen vor der Saison spiegeln oft nicht das wahre Wettkampfniveau wider.

Meine Vorbereitungen für die Olympischen Spiele 2018 in PyeongChang und 2022 in Peking wurden stark davon beeinflusst, dass sie in Asien stattgefunden haben. Wir mussten uns auf die Zeitverschiebung, das regionale Essen, den Druck der Medien, andere Schneearten und sehr kalte Bedingungen einstellen. Und ich möchte lieber nicht über die Covid-Regeln in Peking sprechen.

Insgesamt unterscheidet sich die Vorbereitung auf Olympia von der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft, da der Austragungsort oft unbekannt ist. Dieses Mal ist es allerdings Antholz-Anterselva. Dieses Stadion kennt jeder. Das macht diese Olympischn Spiele zu etwas Besonderem.

Meine Schwester Paulina hatte eine starke Woche in Annecy-Le Grand Bornand und stand bereits zehn Mal auf dem Weltcup-Treppchen. Sie zählt zu den weltweit schnellsten Läuferinnen, doch im Biathlon kommt es letztendlich aufs Schießen an. Manchmal hängt alles von einem einzelnen Treffer ab. Sie hat gute Chancen, aber ehrlich gesagt gilt das für viele Athletinnen. Paulina genießt Kontaktrennen, daher denke ich, dass ihre Chancen für Olympia am besten in der Verfolgung oder im Massenstart stehen.

Ich habe meine Karrierebestleistung mit Rang sechs in der Verfolgung der Weltmeisterschaft 2020 in Antholz-Anterselva erzielt. Die Strecke sieht einfach aus, ist es aber nicht. Alles schlägt sich am Schießstand nieder. Mein Rat wäre es, das richtige Tempo zu wählen – langsam anfangen und in der zweiten Hälfte des Rennens das Tempo anziehen.

Nove Mesto liegt 1.000 Meter tiefer als Antholz-Anterselva und zwischen den beiden Wettkampfreihen liegen nur zwei Wochen. Diejenigen Athleten, die in Nove Mesto antreten, werden nicht viel Zeit haben, danach zu trainieren. Wichtig sind Ruhephasen. Und man muss schnellstmöglich nach Antholz-Anterselva reisen, um sich an die Höhe anzupassen. Die Höhentrainingslager im Sommer und Herbst waren entscheidend, da die Athleten sehen konnten, wie sie auf die Höhe reagieren und wichtige Anpassungsphasen herausgefiltert haben.

In Nove Mesto liegt der schwierigste Teil der Strecke gleich am Anfang bis zu den berühmten Tunneln. Danach folgt ein kurzer steiler Anstieg, oft in tiefem Schnee.

Der Schießstand ist ziemlich laut, da viele Fans darum herum stehen. Und es ist oft windig. Mein Rat lautet: Nicht von der Atmosphäre ablenken lassen. Die Athleten sollten die Bahnen am Anfang oder Ende des Schießstands wählen. Dort ist der Wind meist besser zu beherrschen.

Header iconTWIB 25/26 - Experts' corner Nove Mesto - Ivona Fialkova

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