Natalie Wilkie verwandelt Biathlon-Traum in paralympisches Gold
Bei den letzten beiden Auflagen der Paralympischen Winterspiele hat sich Natalie Wilkie ein kleines Denkmal im Para Langlauf gesetzt. Nach vier Jahren intensiver Arbeit am Schießstand und in der Loipe zählt die Kanadierin nunmehr zu den weltbesten Para Biathletinnen. Bei den Paralympischen Winterspielen Milano Cortina 2026 in Val di Fiemme erreichte Wilkie einen Erfolg, den sie jahrelang im Blick hatte: eine paralympische Goldmedaille im Biathlon.
„Ich könnte jetzt abreisen und wäre überglücklich“, sagte Wilkie nach dem Gewinn ihrer zweiten Medaillen in Val di Fiemme. Zum Auftakt am Samstag gewann sie im Sprint über 7,5 km Silber hinter Oleksandra Kononova. Einen Tag später ließ sie im Einzel über 12,5 km der Konkurrenz jedoch keine Chance. Nach fehlerfreiem Schießen gewann sie mit über anderthalb Minuten Vorsprung vor der Chinesin Zhiqing Zhao und bescherte Kanada damit die erste Goldmedaille im Para Biathlon der Frauen.
Wilkie kam nach einem schweren Unfall im Juni 2016 zum Para Sport. Im Werkunterricht in der Schule verlor die damals 15-Jährige vier Finger ihrer linken Hand an einer Hobelmaschine.
„Nach dem Unfall bin ich zum Para Langlauf gekommen und habe mich mit einem Stock abgestoßen. Einige Jahre später haben mich meine Teamkollegen auf den Biathlonsport aufmerksam gemacht. Ich hatte große Lust, es auszuprobieren. In meinem ersten paralympischen Biathlon-Rennen habe ich sieben von zehn Scheiben verfehlt und landete weit hinten“, so die Kanadierin. „Doch nach jahrelangem konsequentem Training ist es deutlich besser geworden und ich wurde spürbar erfolgreicher.“
Schon vor ihrem Durchbruch im Biathlon avancierte die Kanadierin zu einer der erfolgreichsten Athletinnen im Para Langlauf. Sie gewann siebenmal paralympisches Edelmetall, darunter insgesamt dreimal Gold bei den Spielen in PyeongChang 2018 und Peking 2022.
Ihr schneller Aufstieg im Biathlon ist beeindruckend. Wilkie sicherte sich bisher fünf WM-Titel und kann 14 Siege im Weltcup vorweisen. In dieser Saison gewann sie die Große Kristallkugel als Beste der Gesamtwertung. Vor diesem Winter konzentrierte sich Wilkie in der Vorbereitung gezielt auf den Biathlon. Diese Entscheidung sollte sich letztlich auszahlen.
„Mein großes Ziel war es, bei den Spielen 2026 eine Medaille im Biathlon zu gewinnen. Dieser Erfolg bedeutet mir enorm viel“, so die Kanadierin.
Wilkies Markenzeichen am Schießstand ist ihre Geduld. Sie weiß, dass sie bei der Schießzeit noch Luft nach oben hat.
„Ich schieße noch relativ langsam. Aber ich treffe ziemlich gut. Das hat sich definitiv zu einer meiner Stärken entwickelt. Mir ist meist bewusst, dass ich am Schießstand etwas Zeit einbüßen werde, weil ich behutsam am Abzug bin. Ich merke das besonders, wenn ich nervös bin. Wenn die Scheiben fallen, hilft mir das. Vor allem in Wettkämpfen mit Zeitstrafe.“
Wilkie schreibt ihre Fortschritte auch dem Training mit ihrer Landsfrau und Scharfschützin Brittany Hudak zu.
„Das Training mit Brittany hat mich weitergebracht. Sie ist eine unglaubliche Schützin und ich habe in den letzten Jahren so viel von ihr gelernt.“
Die Leistungsdichte in Wilkies Klasse ist enorm. Das macht den Sport ihrer Ansicht nach noch spannender. Bei den Wettkämpfen in Val di Fiemme nehmen elf Frauen in der stehenden Klasse teil. Bemerkenswert ist, dass jede von ihnen im Weltcup schon mindestens einmal auf dem Podium stand.
„Das Niveau in diesem Feld ist sehr hoch. Viele Athletinnen haben das Zeug fürs Podium. Das macht die Wettkämpfe äußerst spannend.“
Bei den Wettkampfformaten fühlt sich die Kanadierin im Einzel besonders wohl:
„Das Einzel liegt mir wahrscheinlich am besten, da es sehr schießlastig ist. Ich mag aber auch den Sprint, da es ein schnelles Rennen ist, bei dem man zügig abdrücken muss.“
Bei den Paralympics hat Wilkie noch einen Wettkampf im Para Biathlon vor sich. Am Freitag startet sie in der Sprint-Verfolgung. Dieses Format sagt ihr am wenigsten zu, obwohl sie in diesem Winter in Canmore bereits einen Sieg in dieser Disziplin feiern konnte.
Während sich zahlreiche Athletinnen intensiv auf die Rennen vorbereiten, geht es Wilkie eher locker an. Vor den Wettkämpfen verziert sie sich das Gesicht gern mit etwas Glitzer.
„Für mich ist es wichtig, im Wettkampf vor allem Spaß zu haben. Einige Athletinnen ziehen sich vor dem Rennen komplett zurück, ich genieße lieber den Moment. Bei uns im Team ist es zu einem kleinen Ritual geworden, uns vor den Rennen das Gesicht mit etwas Glitzer aufzuhübschen. Das erinnert mich daran, dem Prozess zu vertrauen und die Sache einfach zu genießen.“
Bei den Paralympischen Spielen 2026 passte der Glitzerstaub in Wilkies Gesicht zur Farbe der Medaille, die sie sich erhofft hatte. Im Sprint funkelte sie silbern und wurde Zweite. Im Einzel wählte sie Gold. Besser hätte es nicht laufen können.
Natalie Wilkie hat gezeigt, wie der Weg von der unsicheren Schützin zum Platz ganz oben auf dem paralympischen Podium gelingen kann – und wie ein Traum mit etwas Glitzer Wirklichkeit wird.
Photos: IBU | Barbieri