„Ich will wieder Spaß am Biathlon und an der Bewegung haben“ – wie ihre Rückenprobleme Davidova verändert haben
„Das musste ich mental erst mal verarbeiten, und so ganz ist mir das, ehrlich gesagt, glaube ich nie gelungen.“ Das sind die Worte von Marketa Davidova, die in den letzten zwei Saisons nicht um Platzierungen, Siege oder Titel kämpfen konnte, sondern von der Ersatzbank zuschauen musste.
Im tschechischen Biathlon ist Davidova in den letzten zehn Jahren eine feste Größe gewesen. Mit Weltcupsiegen, einem WM-Sieg auf der Pokljuka 2021 und konstant guten Leistungen hat sie schon immer mehr mit Zuverlässigkeit als mit Schlagzeilen geglänzt. Doch dann kamen Rückenprobleme, verpasste Rennen, zwei Eingriffe und die Umstellung auf einen Alltag, der für sie völlig neu war.
Immer, wenn Rennen ohne mich liefen, hat mir der Sport wahnsinnig gefehlt
Ein überraschend emotionales Eingeständnis einer Athletin, die jahrelang auch unter großem Druck immer ausgeglichen wirkte. Doch diese Offenheit erklärt vielleicht, warum man Davidova im tschechischen Wintersport so großen Respekt genießt, auch in Jahren, in denen ihr Name in den Ergebnislisten schwer zu finden ist.
Die Olympischen Winterspiele in Mailand/Cortina in diesem Frühjahr waren wohl einer der schwierigsten Momente. Die meisten Athletinnen und Athleten träumen davon, in Topform bei den Winterspielen aufzulaufen. Davidova reiste in dem Wissen an, dass sie körperlich nicht in der Lage sein würde, ihre Bestleistungen abzurufen. Trotz ihrer Rückenprobleme erkämpfte sie sich einen Platz im Olympia-Kader und ging schließlich in der Mixed-Staffel und im Sprint an den Start, der für sie das letzte Rennen vor einer zweiten OP im April war.
Das Schwierigste waren wohl die Winterspiele. Ich konnte in meinem Zustand nur eingeschränkt teilnehmen, was besonders frustrierend war.
Die Frustration hatte sich schon lange Zeit angestaut. Der erste Eingriff im März 2025 stellte ihren Alltag völlig auf den Kopf. Fast drei Monate lang musste sie an Krücken gehen. Sitzen war schwierig. Auch Stehen konnte sie immer nur für kurze Zeit. Die meisten Tage verbrachte sie im Liegen. „Am Anfang war es viel schwieriger als ich erwartet hatte, sowohl körperlich als auch mental.“
Im Leistungssport lernen Athletinnen, dass man sich kontinuierlich verbessern muss. Schneller. Stärker. Besser. In der Reha ging nichts davon. Stattdessen musste Davidova noch einmal bei Null anfangen, mit ganz kleinen Schritten.
„Nach dem Eingriff musste ich die simpelsten Dinge wieder neu lernen. Auch ganz einfache Dinge wie Gehen haben sich völlig neu angefühlt.“ Dieser Satz sagt wohl mehr über ihren Leidensweg als jeder Arztbrief.
Davidova, die ihren Körper als Profi-Sportlerin jahrelang an seine Grenzen getrieben hatte, musste grundlegend umdenken. Die wichtigste Lektion drehte sich nicht um Training oder Leistung, sondern um Geduld. „Geduld, vor allem Geduld. Ich habe außerdem begriffen, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist.“
Eine Lektion, die für sie unerwartet kam. Nach ihrem Durchbruch in der Saison 2018/19 und Gold auf der Pokljuka schien sie prädestiniert für eine Sportlerkarriere voller Highlights. Stattdessen musste sie in den letzten zwei Jahren auf die harte Tour lernen, wie schnell sich das Blatt im Sport wenden kann. „Wir nehmen es oft als selbstverständlich hin, dass wir gesund und schmerzfrei sind. Wir sollten das mehr zu schätzen lernen, und aktiv daran arbeiten.“
Interessanterweise war eine Strategie für ihren Genesungsprozess, Abstand vom Biathlon zu gewinnen. Während viele Athletinnen und Athleten in ihren Verletzungspausen jedes Rennen verfolgen, fand Davidova, dass das die Situation nur noch schlimmer macht. „Das hat mir einfach nicht gutgetan“, erklärt sie. „Die Rennen zu sehen und zu wissen, dass ich nicht dabei sein kann, hat es nur noch schwerer gemacht.“
Stattdessen konzentrierte sie sich auf die Menschen, die ihr nahestehen. Ihre Familie war in den Monaten nach dem Eingriff eine große Unterstützung, und Freunde kamen zu Besuch, als sie selbst das Haus nicht verlassen konnte. Statt Sport zu treiben verbrachte sie Zeit mit Pferden, um ein Stück Normalität zurückzugewinnen und einen Ausgleich zu haben.
Die Erfahrung hat sie auf eine Art und Weise geprägt, die weit über den Sport hinausgeht. Davidova hat sich nicht als Sportlerin verändert, als Mensch aber schon. Auf die Frage, ob sie wieder ganz die Alte sein wird, wenn sie zurückkommt, antwortet sie ohne Zögern. „Nein.“ Nicht, weil sie glaubt, dass sie dann schneller laufen oder besser schießen kann als vorher, sondern weil schwierige Lebensphasen unweigerlich ihre Spuren hinterlassen.
Ich wäre gern nachsichtiger und weniger streng mit mir. Geduld ist noch nie eine meiner Stärken gewesen. Meistens will ich alles immer sofort, deswegen hoffe ich, dass ich aus dieser Erfahrung gelernt habe, dass manche Dinge einfach Zeit brauchen.
Auch jetzt braucht sie noch viel Geduld. Zwar steht Davidova seit Kurzem wieder auf Skirollern, und der Alltag dreht sich wieder mehr ums Training, doch noch schaut sie lieber nicht zu weit in die Zukunft.
„Als ich zum ersten Mal wieder auf Skirollern stand und auf dem Rad saß, war ich sehr vorsichtig, weil ich nicht wusste, was mich erwartet“, sagt sie. „Das ist mit jeder Trainingseinheit ein Stück besser geworden. Körperlich bin ich noch nicht wieder da, wo ich mal war, aber mental fühle ich mich schon wieder viel mehr wie ich selbst.“ Der Fortschritt lässt hoffen, auch wenn nicht klar ist, wie lange es dauern wird.
Das ist vielleicht der bemerkenswerteste Aspekt ihrer Geschichte. In einem Sport, in dem sich alles um Resultate, Ranglisten und Medaillen dreht, ist Davidovas Definition von Erfolg jetzt überraschend einfach. Ihre Antwort auf die Frage, was die nächste Saison zu einem Erfolg machen würde, dreht sich nicht um Platzierungen. „Es wäre schon ein großer Sieg, eine ganze Saison zu überstehen.“
Und dann schiebt sie noch einen Satz hinterher, der vielleicht noch viel tiefer blicken lässt. „Vor allem will ich wieder Spaß am Biathlon und an der Bewegung haben.“ Bei einer Athletin, für die Erfolg immer vom Siegen abhing, ist das vielleicht die größte Veränderung.
Fotos: IBU Photopool & M. Davidova