Olympia in tieferen Lagen erfordert kein Höhentraining? Trainer sagen, so einfach ist das nicht
Da im nächsten Olympiazyklus alle wichtigen Biathlon-Meisterschaften unterhalb von 1.100 Metern stattfinden, werden die Teams ihr Höhentraining im Vergleich zu ihrer Vorbereitung auf Mailand-Cortina neu überdenken? Siegfried Mazet, Armin Auchentaller, Patrick Oberegger und Mats Overby erläutern, wie – und in welchem Umfang – sich ihre Pläne ändern.
Nach zwei aufeinanderfolgenden Olympiazyklen, bei denen Großveranstaltungen in großer Höhe stattfanden, steht der Biathlonsport nun vor einer ganz anderen Vierjahresphase. Ab der Weltmeisterschaft 2027 werden alle großen Medaillenwettkämpfe unterhalb von 1.100 Metern über dem Meeresspiegel ausgetragen, was in den Olympischen Winterspielen 2030 in Le Grand-Bornand gipfeln wird.
Wir haben drei Spitzentrainer gefragt, ob dieser neue Zyklus ihre Pläne grundlegend verändern wird: Armin Auchentaller, der nach vielen Jahren als Cheftrainer des US-Teams nach Slowenien gewechselt ist, Siegfried Mazet, der kürzlich nach zehn Jahren als Trainer der norwegischen Spitzenmannschaft nach Frankreich zurückkehrte sowie das Duo, das Mazet ablösen soll – Patrick Oberegger und Mats Overby, die nun das norwegische Team leiten.
Nach zwei Olympiazyklen, in denen Austragungsorte in großer Höhe im Mittelpunkt standen, werden in den nächsten vier Saisons alle großen Meisterschaften unterhalb von 1.000 Metern stattfinden. Ändert das Ihre langfristige Planung, beginnend mit diesem Sommer?
Siegfried Mazet: Nach zwei Olympischen Spielen in Höhenlagen über 1.600 Metern kehren wir nun wieder zu „normaleren“ Höhen zurück, was unsere Planung definitiv beeinflussen wird. Wir werden weiterhin Trainingslager in mittleren und hohen Lagen abhalten, unter anderem weil dort kühlere Temperaturen und bessere Trainingsbedingungen herrschen. Selbst jetzt befinden wir uns in Ceillac (Frankreich) und genießen die frische Luft, während ein Großteil Europas mit sehr warmem Wetter zu kämpfen hat.
Patrick Oberegger & Mats Overby: Ja, das gibt uns die Möglichkeit, verschiedene Periodisierungsmodelle und Trainingskonzepte auszuprobieren. Gleichzeitig liegt unser Hauptaugenmerk weiterhin auf grundlegenden Fähigkeiten und Anforderungen.
Armin Auchentaller: Nicht wirklich. Meine langfristige Planung wird sich nicht wesentlich ändern. Ich werde in etwa den gleichen Umfang an Höhentraining beibehalten, da ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass es ein sehr wichtiger Teil unserer Vorbereitung ist.
Das Höhentraining wird natürlich ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung bleiben. Ändern sich jedoch die Ziele dieser Trainingslager, wenn die wichtigsten Meisterschaften nicht mehr in der Höhe stattfinden, oder gehen Sie sie im Großen und Ganzen auf die gleiche Weise an?
Auchentaller: Für mich bleibt der Ansatz weitgehend derselbe. Das Hauptziel ist nach wie vor auf der Optimierung der Fähigkeit des Körpers, Sauerstoff effizienter zu transportieren und zu verwerten, um letztendlich die Ausdauer zu steigern.
Mazet: Der Schwerpunkt verschiebt sich definitiv, da die Trainingslager nicht mehr so lang sein müssen. Früher mussten wir viel früher anreisen, um uns vor Meisterschaften in Höhenlagen richtig akklimatisieren zu können. Jetzt geht es eher darum, den richtigen Ort auszuwählen und dort qualitativ hochwertig zu trainieren, anstatt uns speziell auf Wettkämpfe wie die Olympischen Spiele in Antholz vorzubereiten.
Bei Norwegen war die Höhenlage ein wichtiges Thema, da die Athleten in der Regel in Meereshöhe leben und trainieren; daher mussten wir drei Wochen in der Höhe verbringen, um nennenswerte Vorteile zu erzielen. In Frankreich ist das anders. Viele Athleten leben bereits auf etwa 1.200 Metern und fahren regelmäßig noch höher Ski, sodass die Höhenlage einfach Teil ihrer alltäglichen Umgebung ist. Ein spezielles Training wird daher weniger benötigt.
Oberegger & Overby: Wir sehen zwei Hauptziele für das Höhentraining:
• die gezielte Vorbereitung auf wichtige Wettkämpfe, die in der Höhe stattfinden,
• die Entwicklung der körperlichen Leistungsfähigkeit und der Schießleistung.
Wir werden an der gleichen Gesamtphilosophie festhalten, aber ein oder zwei Trainingslager mit einem anderen Schwerpunkt und einer anderen Trainingsumgebung durchführen. Wir versuchen immer, mit einer langfristigen Perspektive von vier bis acht Jahren zu planen.
Stehen Athleten, die in tieferen Lagen aufgewachsen sind und dort regelmäßig trainieren, bei Meisterschaften in solchen tieferen Lagen vor anderen Herausforderungen oder Möglichkeiten?
Auchentaller: Es wird definitiv eine Chance für Athleten sein, die in tieferen Lagen aufgewachsen sind und dort trainieren, da sie nicht denselben Anpassungsprozess durchlaufen müssen, der für große Meisterschaften in Höhenlagen erforderlich ist.
Oberegger & Overby: Ja, allerdings darf man auch die Prinzipien nicht vergessen, die sich in früheren Olympiazyklen bewährt haben.
Mazet: Für Athleten, die bereits in der Höhe leben, ändert sich nicht viel. Was dieser Zyklus bietet, ist mehr Flexibilität, an verschiedenen Orten zu trainieren und stärker an der Intensität zu arbeiten. Momentan sind wir jedoch noch dabei, die französische Mannschaft zu bewerten. Daher haben wir unseren langfristigen Plan noch nicht endgültig festgelegt.
Bei den letzten großen Medaillenwettkämpfen haben die Medien neben der Höhenanpassung und der Form der Athleten viel über die Skipräparierung gesprochen. Welche Rolle spielt die Höhenlage im Vergleich zu anderen Faktoren wie Kondition, Skipräparierung oder Treffsicherheit?
Oberegger & Overby: Diese Frage lässt sich nur schwer präzise beantworten. Im Spitzensport zählt alles, was Sekunden einsparen kann. Entscheidend ist, die Stärken und Schwächen des Teams zu kennen und dann auf der Grundlage einer Kosten-Nutzen-Analyse und klarer Prioritäten sinnvolle Entscheidungen zu treffen.
Mazet: Alles ist wichtig. Tolle Skier nützen nichts, wenn man nicht fit ist, genauso wie eine hervorragende Kondition eine schlechte Skipräparierung nicht ausgleichen kann. Jede Abteilung hat ihre Aufgabe: Die Trainer sorgen für die Kondition, die Wachstechniker bereiten die Skier vor, und dann sind da noch das Schießen und das Selbstvertrauen, das die Athleten in die großen Wettkämpfe mitbringen.
Für mich ist es eine der obersten Prioritäten, sicherzustellen, dass die Athleten bereits im Januar gute Leistungen zeigen, denn Erfolge vor den Meisterschaften schaffen Selbstvertrauen und Gelassenheit.
Auchentaller: Die Skipräparierung ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Leistungsfaktoren, da sie enorme Zeitunterschiede ausmachen kann. Eine optimale körperliche Verfassung ist ebenso grundlegend. Im Vergleich zu diesen beiden Elementen hat die Höhenlage meiner Meinung nach einen geringeren Einfluss. Sie wird erst dann wirklich entscheidend, wenn bereits eine gute Form und gute Skier vorhanden sind.
Vier Jahre mögen lang erscheinen, doch Erfolge bei Olympia werden schon lange vor Beginn der Spiele vorbereitet. Und auch wenn sich die Ansätze unterscheiden, ist eines klar: Die ersten Schritte auf dem Weg in die französischen Alpen 2030 werden bereits heute schon gemacht.
Photos by Authamayou and Nordnes/NordicFocus Grega Valančič/Sloski Biathlon