Oleksandra Kononova – Bereit für ein neues paralympisches Kapitel
Die Ukraine ist eine Supermacht im Parabiathlon. Das zeigt die Anzahl an Medaillen, die sie bei den Paralympischen Spielen gewonnen haben. Ukrainische Athleten standen insgesamt 77 Mal auf dem Treppchen. Das schaffte keine andere Nationalmannschaft. Eine Athletin aus dieser herausragenden Parabiathlon-Generation, die bald selbst zu diesem Vermächtnis beitragen kann, ist Oleksandra Kononova – neunmalige Weltmeisterin und zweifache Mutter.
Bevor der Sport die treibende Kraft in ihrem Leben wurde, verliefen Kononovas Tage eher normal, manchmal sogar schwierig. Der Sport veränderte alles. Er bot ihr die Chance eines besseren Lebens – mit einem klaren Ziel und der Möglichkeit, dieses auch zu verfolgen. Schnell stellten sich erste Erfolge ein. Mit gerade einmal 19 Jahren wurde sie ins paralympische Team für Vancouver berufen. Dort sicherte sie sich Gold im Einzel der Damen über 12,5 km in der Stehendkategorie. Dazu kamen zwei weitere Siege in Langlaufrennen. So wurde sie zu einem der größten Stars dieser Spiele.
Ihre Errungenschaften blieben nicht unbemerkt. 2010 wurde sie zur Ukrainischen Sportlerin des Jahres ernannt. In Sotschi verteidigte sie ihren paralympischen Titel im Einzel. Gleichzeitig sicherte sie sich mehrere Weltmeistertitel: Sie stand in neun von zehn Ausgaben, an denen sie teilnahm, auf dem Treppchen.
Zuhause hat Kononoval eine ganze Wand ihrer Medaillensammlung gewidmet. Doch wenn sie sie anschaut, sieht sie mehr als nur Gold, Silber und Bronze.
„Ich sehe nicht nur Auszeichnungen, sondern ein Spiegelbild meines Lebens – jeder Schritt, jede Anstrengung, jeder Sieg. Eine sticht besonders heraus. Die Medaille von den Spielen in Peking liebe ich am meisten. Sie war die begehrteste und wertvollste. Ein Preis für meinen Glauben: Der Beweis, dass ich nicht aufgegeben habe, egal, welche Steine in meinem Weg lagen.“
Aufgrund von gesundheitlichen Problemen konnte Kononoval bei den Paralympischen Spielen 2018 in PyeongChang nicht an den Start gehen. Vier Jahre später kehrte sie in Peking auf das Podium zurück. Sie gewann Silber im 10km-Biathlonrennen und Gold im Langlauf über 10km.
In Hinblick auf die kommenden Paralympischen Spiele ist Kononova so motiviert wie eh und je. Doch das Umfeld hat sich verändert. Jüngere Athleten bringen Schnelligkeit und Ambitionen auf die Strecke. Kononoval ist zwar schon 35, kann aber um eine Medaille mitkämpfen. Vor einem Jahr gewann sie die Kristallkugel für den Gesamtsieg. Beim letzten Weltcup in Jakuszyce triumphierte sie in der Sprintverfolgung – ein Wettkampftyp, der in Val di Fiemme seine paralympische Premiere feiern wird.
„Mein Ziel ist es, starke Leistungen zu zeigen und es den jüngeren Mädels, die gerade am Anfang ihrer Karriere stehen, nicht leicht zu machen. Es ist schwierig, gegen jüngere Athletinnen anzutreten, doch es ist etwas Besonders, zusammen mit ihnen auf dem Treppchen zu stehen – und zu spüren, dass man noch auf Topniveau mit den Besten mithalten kann“, sagt Kononova.
Als eine der meistdekorierten Athleten im ukrainischen Sport kennt Kononova die Erwartungen – von außen und ihre eigenen.
„Ich erwarte immer mehr von mir selbst. Ich will die bestmöglichen Ergebnisse abliefern und bin enttäuscht, wenn es nicht so läuft wie geplant“, sagt sie, „Dann konzentriere ich mich darauf, meine Fehler zu korrigieren und mich zu verbessern. Meine Familie glaubt an mich – meine Kinder, alle, die mir nahestehen, und meine Trainer sind mit mir gemeinsam den Weg zum Erfolg gegangen. Sie wissen, wie schwierig dieser Weg sein kann, was ich durchgemacht habe und sie kennen die Hürden, die ich überwinden muss. Ihr Glaube an mich verleiht mir Stärke und hilft mir dabei, an das Unmögliche zu glauben. Dank ihnen habe ich genügend Energie, um weiterzumachen. Das Schwierigste ist, sie nicht zu enttäuschen.“
Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine hat es für sie eine noch tiefere Bedeutung, ihr Land zu vertreten.
„Der Krieg hat alle Ukrainer verändert“, sagt Kononova, „Im Krieg geht es ums Überleben, um den Widerstand und die Stärke einer ganzen Nation, um Glauben und Hoffnung. Wir kämpfen für die Freiheit und die Unabhängigkeit, für Frieden für unsere Kinder. Krieg bedeutet Schmerz und Leid, doch wir werden für unser Land kämpfen, für jeden Podestplatz und für den Ruhm der Ukraine. Wir sind das ukrainische Volk. Wir bleiben stark und wir werden siegen.“
Neben der Strecke und dem Schießstand spielt Kononova auch zu Hause eine wichtige Rolle.
„Mutter und Leistungssportlerin zu sein, ist oftmals schwierig“, gibt sie zu, „Die Verantwortung, gute Leistungen zu zeigen, ist groß, doch die Verantwortung für deine Kinder ist noch größer. Trainingslager und Wettkämpfe bedeuten immer Trennungen, doch der Sport hat mich Ausdauer und die Fähigkeit gelehrt, Schwierigkeiten zu meistern. Wir fallen hin, wir stehen auf und wir machen weiter. Mutter zu sein, hat mich gelehrt, Situationen zu akzeptieren, wie sie sind. Ich bin emotional stärker und stabiler. Ich versuche, eine gute Mutter zu sein. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich mit meinen Kindern.“
Für junge Athleten – mit anderen Beeinträchtigungen – hat Kononova einen einfachen, aber mächtigen Rat: „Glaubt nicht, dass es ewig so bleibt. Nutzt jeden Moment, hier und jetzt. Nehmt jede Chance in die eigenen Hände, um so lange wie möglich dieses Sportlerleben zu leben, wenn das euer Ziel ist.“
Und was würde sie sich selbst in jungen Jahren sagen? „Du bist genau dort, wo du sein sollst.“ Für Oleksandra Kononova sind diese Worte weniger eine Bestätigung, sondern eher eine Zusammenfassung für ihre Karriere, die vollständig auf Glauben beruht – an sich selbst, ihre Familie und ihr Land.
Photos: IBU | Wlaźlak