„Irgendwann ist es einfach genug“ – Kühn erklärt, wann ihm klar wurde, dass es Zeit war, in den Ruhestand zu gehen
Johannes Kühn bestritt 2012 sein erstes Weltcup-Rennen. Mehr als 14 Jahre später beendet er nun seine aktive Karriere und blickt auf viele Jahre zurück, die ihn geprägt haben. Im Interview mit Biathlonworld spricht er über seine Höhepunkte, mentale Herausforderungen und seine Zukunft.
Biathlonworld: Johannes, wie waren die ersten Wochen nach deinem Rücktritt vom Biathlon für dich?
Johannes Kühn: Ich genieße diese Zeit, aber es fühlt sich ungewohnt an, keinen festen Tagesablauf mehr zu haben. Als Sportler wusste ich immer, wann ich wo sein musste und was ich zu tun hatte – an diese neu gewonnene Freiheit muss ich mich noch gewöhnen. Aber natürlich ist es schön, zu Hause bei meiner Familie zu sein.
BW: Wann hast du beschlossen, deine Biathlonkarriere zu beenden?
JK: Ich gehörte zu den älteren Athleten im Team, und es war klar, dass ich mir irgendwann die Frage stellen musste, wie lange ich das noch machen will. Außerdem musste ich mir Gedanken über eine Karriere außerhalb des Sports machen, die irgendwann beginnen musste. Hinzu kam, dass es mir in den letzten ein, zwei Jahren immer schwerer fiel, meine Koffer zu packen und den ganzen Winter über weg zu sein. Natürlich war es vor der Saison mein Ziel, an den Olympischen Spielen teilzunehmen, und ich war enttäuscht, dass ich es nicht geschafft habe, aber das hatte sich bereits während der Saison abgezeichnet. Ich machte das schon so lange, dass ich kein Ziel mehr hatte, auf das ich hinarbeiten konnte. Also habe ich dann entschieden, dass ich nicht mehr bereit war, so viel Energie dort reinzustecken. Irgendwann reicht es, das muss man akzeptieren.
BW: Was fällt dir beim Abschied am schwersten?
JK: Ich habe die Freiheit aufgegeben, mein eigener Chef zu sein. Als Leistungssportler ist man im Alltag unabhängig. Das ist jetzt nicht mehr so. Ich habe es immer als Privileg empfunden, dass Sport mein Beruf ist – das können nur sehr wenige Menschen von sich behaupten. Jetzt muss ich in einen normalen Alltag finden. Ich werde es vermissen, mit dem Team zu reisen und an Wettkämpfen teilzunehmen, denn das hat mir wirklich Spaß gemacht.
BW: Wenn du auf deine Karriere zurückblickst, worauf bist du heute am meisten stolz?
JK: Ich bin stolz auf den Weg, den ich im Biathlon gegangen bin. Ich komme aus Passau, was nicht gerade eine Wintersportregion ist. Meine Karriere verlief nicht immer geradlinig und es war nicht immer einfach – das macht mich umso stolzer auf meine Erfolge. Ich habe einen Weltcupsieg errungen, stand bei Einzel- und Staffelrennen auf dem Podest und habe mir 2025 endlich meinen Traum von einer WM-Medaille erfüllt. Diese Staffelmedaille war für mich ein sehr emotionaler Moment; besonders der Zieleinlauf wird mir in Erinnerung bleiben.
BW: Welche Phase deiner Karriere war mental am anspruchsvollsten?
JK: Meine beiden Schulterverletzungen waren eine körperliche und mentale Herausforderung, vor allem beim zweiten Mal, im November 2016, weil ich dadurch die gesamte Saison aussetzen musste. Ich wusste nicht, ob meine Schulter jemals wieder ganz heilen würde, und obendrein musste ich von einem Tag auf den anderen mit dem Biathlon pausieren. Eine schwierige Entscheidung meiner Trainer war, dass ich bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking nicht in der Staffel starten durfte. Rückblickend kann ich das verstehen, aber damals brach für mich eine Welt zusammen. Auch die letzte Saison war schwierig, denn natürlich will man in einer Olympia-Saison nicht im IBU-Cup antreten. Jeder Tag war ein Kampf und eine Zitterpartie, weil ich mich fragte, ob ich den Sprung in den Kader schaffen würde, und ich war erleichtert, als die Aufstellung für Antholz bekannt gegeben wurde. Die ständige Anspannung war nervenaufreibend.
BW: Seit deinem ersten Weltcup-Rennen sind 14 Jahre vergangen. Wie hat sich der Biathlon seitdem verändert?
JK: Meiner Meinung nach ist das allgemeine Wettbewerbsniveau deutlich gestiegen. Es gab schon immer herausragende Athleten, die regelmäßig aufs Podest kamen, aber früher konnte man es selbst mit drei Schießfehlern noch auf den 20. Platz schaffen. Das ist heute nicht mehr möglich. Viele Nationen haben Spitzensportler, und Deutschland hat nicht mehr den Vorsprung in Ausrüstung und Technik, den es vielleicht noch vor zehn Jahren hatte. Was sich nicht geändert hat: die gute Stimmung unter den Athleten und die Atmosphäre im Stadion.
BW: Wie stellst du dir die Zukunft des deutschen Biathlons vor?
JK: Ich hoffe, dass die deutschen Athleten ihre starken Leistungen im Training öfter in Wettkampfergebnisse umsetzen können. Die öffentliche Kritik in Deutschland ist sehr laut, weil die Fans vor dem Fernseher nicht immer das volle Potenzial der Athleten zu sehen bekommen. Den Zuschauern ist oft nicht bewusst, wie viel die Athleten in ihre eigene Leistung investieren. Jeder versucht, sein Bestes zu geben, aber das gilt für andere Nationen genauso. Ich kann bestätigen, dass die Entschlossenheit und das Engagement der deutschen Athleten sehr groß sind. Es ist normal, dass sich gute und schlechte Phasen abwechseln. Aber die Rahmenbedingungen müssen auch stimmen, vor allem, wenn man junge Menschen für den Sport begeistern will. Dazu gehört, dass Sportanlagen saniert werden und Vereine die nötige Unterstützung erhalten.
BW: Was sind deine Pläne für die Zukunft?
JK: Im Moment steht für mich die Zeit zu Hause mit meiner Familie an erster Stelle. Beruflich möchte ich ein duales Studium beginnen, um im gehobenen Dienst beim Zoll zu arbeiten. Ich bin mir aber noch nicht ganz sicher, in welchem Bereich genau ich später arbeiten möchte. Mir ist wichtig, dass ich im Chiemgau bleiben kann.
BW: Wenn Biathlonfans in zehn Jahren auf Johannes Kühn zurückblicken, woran sollten sie sich dann erinnern?
JK: An meinen Weltcupsieg in Hochfilzen, den emotionalen Zieleinlauf in der Staffel bei der Weltmeisterschaft 2025 und viele spannende Biathlonrennen mit großartiger Unterhaltung.
Fotos: IBU Archiv