„Spannend und beängstigend zugleich“ - Dorothea Wierer ist bereit für den letzten Tanz

Dorothea Wierer ist im Biathlon eine lebende Legende. Die Italienerin war die erste Frau seit Magdalena Forsberg, die zweimal in Folge den Gesamtweltcup der Frauen gewinnen konnte, glänzte bei ihrer Heim-WM mit zwei Einzel-Goldmedaillen und inspirierte eine ganze Generation mit ihrem Charme und ihren Leistungen. Mit 35 hat die Italienerin nun ihr Karriere-Ende bei den Winterspielen 2026 in Milano-Cortina angekündigt, ein perfekter Abschied auf den Loipen, auf denen sie als Kind Skilaufen lernte.

Nicht für viele Athletinnen schließt sich der Kreis so schön am Ende der Karriere, mit einem Abschied genau dort wo man zum ersten Mal auf Skiern stand. Das ist spannend und beängstigend zugleich, aber mein Ziel ist, das aus ganzem Herzen zu genießen, egal mit welchem Resultat,“ sagte Wierer diesen Sommer in einem Interview.

Training, Erwartungen und mehr Freiräume

Auch ihren Sommer ist sie anders angegangen, hat ihren Trainingsplan angepasst, um Freiraum für andere Aktivitäten zu schaffen und alle Sommerbiathlon-Rennen bis jetzt ausgelassen (mehr dazu in diesem Artikel). Man darf also gespannt sein, in welcher Form sich die Italienerin in dieser Woche beim Loop One Festival präsentiert. Für viele Fans ist das Event in München eine letzte Gelegenheit, sie noch einmal laufen zu sehen.

Mein Gefühl sagt mir, dass mir ein bisschen Vorbereitung noch fehlt, aber ich kann den Saisonstart kaum erwarten,“ sagt sie selbst. „Ich weiß, dass ich den Hebel innerlich meist erst im November umlege, wenn es nach Norden geht und ich nach Norwegen reise. Dann bin ich wirklich wieder im Wettkampfmodus.

Natürlich bin ich auch latent nervös, wie es danach weitergeht, weil ich weiß, dass jetzt alles zum letzten Mal passiert und dann ist es vorbei. Aber das ist normal, wenn man den Schritt ins Ungewisse wagt. Es ist ein großes Privileg, dass ich viele Möglichkeiten und Angebote habe, das hilft mir, ruhig zu bleiben.“ Weiter sagt sie: „Aber letzten Endes weiß man als Athletin nie, wie der Alltag danach sich anfühlen wird. Das muss ich wohl einfach auf mich zukommen lassen.“

Sie hatte immer gesagt, mit 30 wolle sie sich vom Biathlon verabschieden sein, und nun ist es doch über ein Jahrzehnt gewesen. Wierer ist länger geblieben als die meisten Konkurrentinnen. Noch vor ein paar Jahren hätte sie das auch selbst nicht geglaubt.

Ich habe mir immer gesagt, dass ich mit 30 damit durch sein werde – und jetzt bin ich immer noch dabei. Ich glaube, das liegt daran, dass meine Karriere so viel besser verlaufen ist als ich mir je hätte träumen lassen. Ich habe mich nie als besonders starke Biathletin gesehen, also habe ich mehr gewonnen, als ich für möglich gehalten hatte“, sagt sie lächelnd.

Wir fragen sie, ob sie ihre Erfolgsrennen noch einmal angeschaut hat, und sie verneint das klar – zumindest nicht freiwillig.

Wenn jemand in den sozialen Medien Aufnahmen vom Verfolger in Antholz 2020 teilt (sie gewann Gold nach einem legendären Zweikampf mit Marte Olsbu Röiseland nach dem letzten Schießen), dann kommen alle Gefühle von diesem Tag noch einmal in mir hoch. Das war vermutlich das emotionalste Rennen meines Lebens, und wenn ich Ausschnitte davon sehe, kann ich zu mir sagen: ‚Vielleicht war ich doch eine starke Biathletin!‘ Gefühlt habe ich mich nie so.

Blick nach vorn – und auf die Zeit nach dem Biathlon

Während der Sommerspiele in Paris 2024 erlebte sie Sport aus einer neuen Perspektive, als sie für Eurosport Italia als Expertin im Einsatz war. Sie brachte die Fans ganz nah ran ans Geschehen und lernte gleichzeitig viel über Sportjournalismus.

Das hat mir viel Spaß gemacht,“ erklärt sie: „Ich hätte nicht gedacht, dass man emotional so mitgeht, und ich habe viele großartige Menschen kennengelernt. Aber ob ich jetzt direkt nach der Biathlonkarriere in den Journalismus wechsle? Nein, dafür bin ich einfach zu viel und zu oft unterwegs gewesen. Ich glaube, ich bleibe einfach mal eine Weile zuhause und stelle den Koffer in den Schrank.

Vielleicht, auch wenn man es nicht so direkt sagen würde, ist ihr auch sehr bewusst, wie die Zeit vergeht, und nicht nur dann, wenn sie darüber scherzt, wie alt sie sich an den nasskalten Tagen der Wintersaison fühlt.

Vielleicht ja,“ sagt sie grinsend, „aber im Herzen bin ich immer noch jung ... Ich bin jedenfalls immer noch genauso unvernünftig wie damals!“ Sie lacht lauthals. 

Aber das liegt vielleicht auch am Training mit dieser jungen Mannschaft, da vergesse ich völlig, dass ich schon 35 bin.“

Die Biathlonfans können es jedenfalls kaum erwarten, die Legende beim Loop One Festival wieder in Aktion zu sehen – vielleicht zum letzten Mal auf Asphalt – bevor sie sich auf den Weg in den Winter und zum olympischen Heimspiel macht. Ein letztes Sommerrennen. Noch ein letzter Winter, der seinen Lauf nimmt. Für Dorothea Wierer hat sich der Kreis fast geschlossen.

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