„Es fühlt sich an wie urlaub. ein sehr, sehr anstrengender urlaub“ – Jacquelin spricht über Rennrad-Abenteuer

Es ist vier Monate her, dass Emilien Jacquelin bei den Olympischen Winterspielen Mailand Cortina 2026 die langersehnte Bronzemedaille im Verfolger und Gold mit der Staffel gewann. Jetzt hat er dem Biathlon den Rücken zugekehrt und erfüllt sich einen Kindheitstraum als Radprofi.

„190 Kilometer, 4250 Höhenmeter.“

An einem Spätnachmittag im Juni kommt Jacquelin vom Rennrad-Training zurück nach Villard-de-Lans, nach 07:30 Stunden auf der Straße bei 34 Grad im Schatten. Er schaut auf seinen Fahrradcomputer: „190 Kilometer, 4250 Höhenmeter. Eigentlich sollten es 4500 Meter sein, das hatte ich so geplant. Vermutlich hat der Radcomputer nicht sauber aufgezeichnet.“

Vor einem Monat hatte sich der 31-Jährige bei einer Trainingsfahrt auf einer nassen, ölverschmierten Straße das Schlüsselbein gebrochen. Aber Jacquelin erholte sich schnell von der OP und ist schon wieder fit. „Ich merke das gar nicht, wenn ich auf dem Rad sitze.“

6500 Kalorien nachladen

Wir gehen ins Haus, und die Prioritäten sind klar: Erst mal esssen. Von seinem Decathlon CMA CGM Team hat Jacquelin einen Ernährungsplan bekommen. Er erfasst alles, was er isst, und hält sich bei den Portionsgrößen genau an den Plan. „Ich habe über 6500 Kalorien verbrannt, dazu meinen normalen Grundumsatz von 2500, also muss ich etwa 9000 Kalorien zu mir nehmen, um das auszugleichen.“ Innerhalb einer Stunde isst er eine große Portion Haferbrei, zwei Sandwiches, eine Portion Nudeln mit Käse und trinkt zwei Cola, und das ist noch nicht alles. „Vermutlich werde ich nicht alle 9000 schaffen, aber in ein paar Stunden esse ich dann noch eine Pizza oder drei.“ Er lacht. Kurz bevor er zurückkam hat seine Mutter übrigens noch eine Kiste Cola und eine riesige Tüte Haribo vorbeigebracht.

Die meisten Menschen würden wohl aussehen wie ein Kugelstoßer, würden sie sich so ernähren, aber Jacquelin ist drahtiger und leichter als in der Biathlon-Saison. „Ich habe vorher etwa 80,5 Kilo gewogen, jetzt sind es 77,5 Kilo. Ich verbrenne als Rennradfahrer mehr Kalorien.“

„Mental nicht so hart wie Schießen“

Dabei findet er Rennradfahren auch mental leichter als Schießen. „Ich muss jetzt 5 Stunden fahren, und nach 4 Stunden geht die Intensität hoch. Beim Biathlon sind es 30 Minuten Aufwärmen, dann eineinhalb Stunden hohe Intensität, Auslaufen und ab nach Hause. Das ist ganz anders. Man kann in Bestform sein, aber wenn man schlecht schießt, kostet es viel Kraft, das zu analysieren und sich zu verbessern. Peloton und Abfahrten muss man auch fahren lernen, aber momentan geht es nur um mein Tempo und Wattzahlen. Das ist mental bei Weitem nicht so hart wie Schießen.“

Rennen „die größte Herausforderung“

Jacquelin, dessen letztes Radrennen 14 Jahre zurückliegt, weiß genau, dass Training und Rennen zwei ganz verschieden paar Schuhe sind. „Ich weiß nicht, wie es im Rennen laufen wird. Es gibt Dinge, die ich kontrollieren kann. Jeden Tag diszipliert trainieren, meine Ernährung, genügend Schlaf, an der Intensität arbeiten, mir neue Fähigkeiten aneignen und mich auf dem Rad entspannen. Niemand weiß, wie ich im Peloton reagieren werde. Das ist die größte Herausforderung, aber ich denke, im August bin ich bereit für ein Rennen. Ich weiß nicht, ob das Team das auch so sehen wird; da muss ich mich überraschen lassen. Und wenn der Renntag dann da ist, konzentriert man sich wie im Winter einfach ganz aufs Rennen. Ich denke, wenn ich morgen an den Start gehen müsste, würde mein Kopf in den Rennmodus schalten.“

„Wenn die reine Freude da ist, ist mir egal, ob ich gewinne oder verliere.“

Der zweifache IBU Verfolgungsweltmeister fand im Februar bei den Winterspielen von Mailand Cortina die Freude am Biathlon nach vielen harten Jahren wieder, in denen er „Biathlon so gemacht hatte, wie andere das wollten ... zu viel Fokus auf Technik, auf perfektes Schießen.

Ich hatte so oft so viel Angst zu verlieren, dass ich es nicht aufs Podest geschafft habe. ... Seit meiner Pause 2022 habe ich mich eigentlich nur zweimal wie ich selbst gefühlt, in Le Grand Bornand, weil mir dort das Publikum dabei hilft, Vollgas zu geben. Wenn diese reine Freude da ist, ist es mir egal, ob ich gewinne oder verliere.“

Respekt von Ole Einar

Bei den Winterspielen fühlte er sich nach einem knappen vierten Platz im Sprint zwei Tage später beim Verfolger „wieder wie ich selbst. Es war das erste Mal, dass die Biathlonwelt akzeptiert hat, wie ich schieße, laufe und Risiken eingehe, auch wenn es nicht der ideale Ansatz ist, um Olympiasieger zu werden. ... Ich bin auch schon mal besser gelaufen als bei den Winterspielen. Ich war so überrascht als Ole Einar Björndalen zu mir kam und sagte: ‚Glückwunsch, Respekt.‘ Er wäre der Erste, der nach zwei Fehlschüssen hätte sagen müssen: ‚Er ist so schlecht!‘ Das alles hat mir sehr geholfen, das Saisonende entspannter anzugehen und nur gute Rennen abzuliefern. Ich habe meine Freude am Biathlon wiedergefunden.“

„Das ist meine Medaille. ... Ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen“

Diese Medaille machte ihn zu Recht „stolz auf zwei Dinge. Zum einen darauf, eine olympische Einzelmedaille gewonnen zu haben. Unabhängig von der Farbe macht mich das sehr stolz. Ich habe hart dafür gearbeitet und habe sie verdient. Zum anderen bin ich stolz darauf, dass ich das mit mir geschafft habe, wie ich bin, mit allen Stärken und allen Schwächen. Ich kann voller Stolz sagen: ‚Das ist meine Medaille, die ich mit mir gewonnen habe.‘ Ich habe mein Schicksal selbst in die Hand genommen. Nicht viele Menschen können von sich sagen, dass sie beim letzten Schießen alleine dastanden und um Gold geschossen haben. Ich habe ab der ersten Runde riskiert und am Ende zweimal verfehlt, aber das gehört eben dazu.“

Jacquelin macht sich dabei nichts vor. Sollte er zum Biathlon zurückkehren, wäre es ein langer Weg zu den Alpen-Spielen 2030. „Quentin, Emilien, Eric und ich wollen 2030 alle dabei sein, aber das ist gar nicht so einfach. Es gibt viele hochmotivierte, starke Nachwuchsathleten. Ich weiß, dass ich 2030 nur dabei sein kann, wenn ich so ambitioniert und motiviert bin wie die Jungs. Das will ich mit diesem Rennrad-Abenteuer erreichen.“

„Motiviert wie damals mit 20“

„Ich habe am Montag nach den Winterspielen von dieser Chance (Rennrad zu fahren) erfahren, und den ganzen März im Hinterkopf gehabt, dass das meine letzten Rennen sein könnten. Man weiß es nie. Vielleicht bin ich bei den Winterspielen 2030 dabei, vielleicht nicht. Momentan denken meine Trainer und Mannschaftskameraden alle, dass ich zurückkommen werde. Egal wie es ausgeht, ich habe meinen Frieden damit. Momentan konzentriere ich mich voll und ganz aufs Radfahren. Es ist großartig, das jetzt zu hundert Prozent und als Profi machen zu können. Ich fühle mich im Training so motiviert wie mit 20.“ Ein Trainingslager im Juli wird entscheidend für Jacquelins weitere Rennradkarriere sein. „Das ist ein wichtiges dreiwöchiges Trainingslager auf der Höhe mit dem Nachwuchs und dem Kader für die Vuelta (a España), das wird also richtig hart. Ich konzentriere mich ganz darauf, für dieses Trainingslager in der bestmöglichen Form zu sein. Nach fünf oder sechs Tagen wird sich zeigen, ob es passt. Sie haben gesagt, dass es nicht um Resultate geht, sondern um Potential und darum, wie ich zurechtkomme. Wenn das gut aussieht, kann es weitergehen.“

Ganz egal, wie sich seine Rennrad-Karriere entwickelt, Emilien Jacquelin strahlt bis über beide Ohren und platzt fast vor Freude. „Im Grunde fühlt es sich an wie Urlaub. Ein sehr, sehr anstrengender Urlaub.“

Fotos: IBU/Ola Wizor, Emilien Jacquelin/Decathlon CMA CGM, Louis Schwartz/French Biathlon

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