Selina Gasparin: „Kinder sollen Sport und Schule vereinen können“
Als eine der erfolgreichsten Biathletinnen der Schweiz weiß Selina Gasparin, wie hart der Weg an die Weltspitze ist, gerade für junge Sportler:innen, die Schule und Training miteinander vereinbaren müssen. Das fordert auch das Familienleben heraus. Mit einer eigenen Schule will die 42-Jährige Eltern entlasten und Kinder für Sport begeistern.
Biathlonworld: Selina, im August öffnen sich die Türen der Rätischen Privatschule in Chur, die du gegründet hast. Wie ist die Idee dafür entstanden?
Selina Gasparin: Meine Tochter ist elf Jahre alt und macht Rhythmische Sportgymnastik. Sie trainiert 23 Stunden pro Woche am Stützpunkt. Leider kann sie ihren Sport nicht mit der Schule vereinbaren. Durch das Training und die Wettkämpfe verpasst sie viele Unterrichtsstunden. Für mich als alleinerziehende Mutter ist es sehr stressig, unser Familienleben mit dem Sport zu kombinieren. Ich wollte für dieses Problem eine Lösung finden und habe mir Gedanken über ein neues Schulkonzept gemacht. Seit über einem Jahr arbeite ich gemeinsam mit einem Team an dieser Idee.
BW: Was ist das Konzept der Rätischen Privatschule?
SG: Wir bieten eine Ganztagsbetreuung für die Kinder an. Wer will, kann von sieben bis 17 Uhr in der Schule sein. Es gibt Betreuung vor dem Unterricht, während der Mittagszeit und auch am Nachmittag. Wir bieten verschiedene Sportarten an. Gleichzeitig gibt es vielfältige Möglichkeiten, auch musische und künstlerische Interessen zu entfalten. Jeder soll das machen, was ihn interessiert, und so die ganz eigenen individuellen Ziele verfolgen.
BW: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt werden, um eine eigene Schule in der Schweiz zu gründen und erfolgreich zu eröffnen?
SG: Im ersten Schritt brauchten wir die Bewilligung von dem Kanton, eine Schule eröffnen zu dürfen. Es gibt viele Vorgaben, aber wir haben unsere Ideen für die Gestaltung des Stundenplans, die Ferienzeiten und ein spezialpädagogisches Konzept eingebracht.Das Ziel war, keine Abstricheam Lernstoff für den Sport zu machen, wie das häufig an Sportschulen der Fall ist. Die Schüler sollen beides auf einem hohen Level machen können, um dann auf eine weiterführende Schule gehen zu können oder eine Ausbildung zu starten. Unsere Schule ist für die Primar- und Sekundarstufe, mit maximal 12 Schülern in einer Klasse. Nach dem das Konzept klar war, haben wir nach Lehrern und Schulräumen gesucht. Jetzt geht es bis zur Eröffnung im August noch an den Feinschliff.
BI64 - In focus: Selina Gasparin - School opening
BW: Was möchtest du mit deinem Schulkonzept für Familien erleichtern?
SG: Mir ist es wichtig, alles an einem Ort zu haben. Ich weiß, wie schwierig es für Familien ist, die Hobbys ihrer Kinder in den Familienalltag zu integrieren, gerade, wenn die Eltern in Vollzeit arbeiten und die Kinder unterschiedliche Interessen haben. Dann hast du am Nachmittag kaum noch Energie, dein Kind mehrmals die Woche zum Training zu fahren, Hausaufgaben zu machen und nebenbei noch Abendessen vorzubereiten und den Haushalt zu organisieren. Mir ist wichtig, dass die Eltern von diesem Dauerstress erlöst werden, und die Kinder gleichzeitig Sport machen können.
BW: Welche Aufgaben wirst du übernehmen, wenn das neue Schuljahr im August startet?
SG: Ich werde die Sportkurse am Nachmittag organisieren. Wir werden Biathlon machen, aber ich freue mich auch darauf, gemeinsam mit den Kindern andere Sportarten auszuprobieren. Jeder soll das finden, was zu seinen Stärken passt. Sport war für mich eine Lebensschule und das möchte ich an die nächste Generation weitergeben. Ich freue mich, zu sehen, wie motiviert die Kinder sind und wie sie sich untereinander unterstützen und pushen. Kinder, die Sport machen, sind aufgeweckter und ausgeglichener. Dabei geht es nicht nur darum, Leistung zu bringen, aber wer es mit dem Leistungssport versuchen will, wird bei uns gute Bedingungen dafür vorfinden.
BW: Was wünschst du dir für deine Schule in der Zukunft?
SG: Ich wünsche mir, dass wir langfristig Erfolg mit unserem Konzept haben und auch andere Städte entdecken, welchen Mehrwert eine solche Ganztagsschule bringt, und es dann auch umsetzen. Ich hoffe, wir finden in Zukunft Sponsoren für unsere Schule, damit die Eltern nicht die komplette Finanzierung übernehmen müssen und unsere Schule für noch mehr Kinder zugänglich wird.
Foto: Courtesy Selina Gasparin