Bei den Männern zeichnet sich ein Generationenwechsel ab. Die junge Generation mit Johan-Olav Botn, Eric Perrot und Tommy Giacomel wird die restlichen Rennen der Saison wohl dominieren. Botn hat in acht Einzelrennen nur fünf Scheiben stehen gelassen, hat drei Siege auf dem Konto und führt die Gesamtwertung mit 113 Punkten Vorsprung an. Auch Perrot hat sich gefangen und macht mit inzwischen drei Podestplätzen jetzt auch Jagd auf den Gesamtsieg. Giacomel demonstrierte zuletzt brillante Nervenstärke im Massenstartsieg von Annecy Le Grand Bornand und bleibt ein ernstzunehmender Konkurrent.
Lou Jeanmonnot setzte sich in Annecy Le Grand Bornand mit zwei Siegen und einem zweiten Platz an die Spitze der Gesamtwertung bei den Frauen. In der letzten Saison konnte sie acht Siege verbuchen und könnte locker noch mehr einfahren, wenn Sie in diesem Tempo weitermacht. Aber noch ist nichts in trockenen Tüchern; in dieser Saison sind schon vier Frauen in Gelb gelaufen. Auch wenn Jeanmonnot die offensichtliche Nachfolgerin von Franziska Preuss zu sein scheint, dürften Minkkinen oder die junge Maren Kirkeeide den neuen französischen Star noch gehörig unter Druck setzen.
Der tragische und unerwartete Tod vom jungen Sivert Guttorm Bakken war ein schwerer Schlag für den Sport und besonders für seine Mannschaftskameraden. Diese Mannschaft mit ihrer extrem großen Tiefe könnte daraus großen Antrieb ziehen. Die Routiniers Vetle Sjaastad Christiansen, Johannes Dale-Skjevdal, Sturla Holm Lägreid plus Botn, Uldal und Co sind schon jetzt fast unbesiegbar und haben vier der acht Einzelrennen sowie beide Staffeln gewonnen. Ein norwegischer Durchmarsch bei den Staffeln wäre nicht überraschend, und auch mit vier Norwegern in der Siegerehrung wie zuletzt in Frankreich ist wieder zu rechnen.
Alle kennen und lieben Antholz, alle haben jahrelang dafür trainiert und sich vorbereitet. Wer Medaillen gewinnt, hängt vom perfekten Timing der Formkurve ab. Es wäre nicht überraschend, wenn Giacomel, Wierer, Vittozzi, die Mixed-Staffel und die Männerstaffel Edelmetall für Italien gewinnen würden. Eine Heim-Olympiade ist ein einmaliges Erlebnis, das dürfte sie alle inspirieren und beflügeln. Zu den Favoriten gehören außerdem Botn, Lägreid, Perrot, Samuelsson, Jeanmonnot, Minkkinen, Preuss, Simon, eine Öberg-Schwester und die Staffeln aus Norwegen, Frankreich und Schweden.
Die Scheiben fallen in dieser Saison öfter und schneller als je zuvor. Die Zahlen sind schwindelerregend: Vier der sechs besten Frauen haben Trefferquoten von über 90 %, die anderen zwei liegen bei 88 %. Bei den Männern führt Botn mit 96 %, dahinter Perrot mit 92 % und die nächsten drei bei 89 %.
Was das Schießtempo angeht, dürfen wir uns bei Tommy Giacomel, Eric Perrot und Justus Strelow auf atemberaubende und blitzsaubere Schnellfeuereinlagen freuen. Auch wenn er eine Weile weg war, hält Martin Uldal mit seinem eigenwilligen Stil weiter den Geschwindigkeitsrekord im Stehendschießen und dürfte die Rivalen jedes Mal nervös machen, wenn er auf die Matte tritt.
Bei den Frauen kann Dorothea Wierer Scheiben niedermähen wie niemand sonst, ähnlich auch Mannschaftskameradin Lisa Vittozzi und Lou Jeanmonnot.
In einem Sport, in dem jede Sekunde zählt, werden die Schnellschützinnen und -schützen weiter alles für einen Sieg riskieren. Lange Jahre galt die Maxime „Treffer vor Zeit“, jetzt muss es immer schneller gehen - und treffen muss man natürlich auch noch.
Freuen wir uns auf 2026 und auf noch rasantere, noch packendere Biathlon-Rennen!
Fotos: IBU/ Christian Manzoni, Yevenko, Archiv, Nordic Focus