„Smiley“ legt gerade erst los: Yunji Kims kometenhafter Aufstieg im Para-Biathlon

Sechs Jahre ist es her, dass Yunji Kim bei einem Wintersport-Camp in Korea zum ersten Mal die Skier anschnallte. Sie verliebte sich in den Sport und war von da an ständig auf den Loipen unterwegs. Im März 2026 stand Kim dann bei den Paralympischen Spielen in Val di Fiemme ganz oben auf dem Treppchen. Mit 19 Jahren, bei ihrem paralympischen Debüt in Mailand Cortina 2026, gewann die Koreanerin den Titel im 12,5 km Einzel der Frauen sitzend, vor zwei Athletinnen, zu denen sie früher aufgeschaut hatte: Anja Wicker und Kendall Gretsch.

Bemerkenswert war vor allem, was sich gerade einmal 24 Stunden zuvor zugetragen hatte. Kims erster Start in einem Paralympischen Biathlon-Rennen war gar nicht nach Plan gelaufen. Im 7,5 km Sprint kam sie auf Rang zwei liegend zum ersten Schießen, ließ dann aber gleich vier von fünf Scheiben stehen. Mit einer enormen Laufleistung konnte sie sich wieder nach vorn kämpfen und wurde letztlich Vierte. Kim sah das Ergebnis anders.

„Ich hatte vorher noch nie in einem Rennen viermal verschossen, deswegen war ich völlig durcheinander. Natürlich war ich nach dem Rennen enttäuscht. Aber dann habe ich mir das Ergebnis angeschaut und festgestellt, dass die Laufzeiten gar nicht so schlecht waren.

„Ich bin also nach diesem ersten Rennen eigentlich mit mehr Selbstvertrauen ins nächste gestartet. Nach diesem riesigen Patzer gleich zum Einstieg konnte es ja wirklich nicht mehr viel schlimmer kommen! Deshalb war ich dann ziemlich ruhig. Es lagen ja noch viele Rennen vor mir, also habe ich versucht, das letzte Rennen zu vergessen, und mich für das nächste vorzubereiten“, sagt sie.

Am nächsten Tag überquerte Kim die Ziellinie im 12,5 km Einzel mit 12,8 Sekunden Vorsprung auf Silbermedaillengewinnerin Wicker. Es war die erste Einzelmedaille für eine Koreanerin bei Paralympischen Winterspielen – und es war Gold.

„Diesen Moment mit der Mannschaft und all den Koreanerinnen und Koreanern zu teilen, die vor Ort waren, war unglaublich berührend. Später, als ich alleine noch ein paar Runden zum Auslaufen unterwegs war, war ich so überwältigt, dass ich fast geweint hätte. Ich hatte enorm hart trainiert, um eine Medaille zu gewinnen, aber ich hätte nie gedacht, dass es Gold werden könnte – es war wie ein Traum.“

Später legte Kim bei ihrem herausragenden paralympischen Debüt noch mit Silber in der Sprint-Verfolgung nach.

Aus dem Schwimmbecken in den Schnee

Kim ist aufgrund einer angeborenen Fehlbildung der Wirbelsäule in der unteren Körperhälfte gelähmt. Sport gehört seit ihrer Kindheit zu ihrem Leben: Schon mit drei Jahren begann sie zur Rehabilitation mit Schwimmen und entwickelte sich zu einer erstklassigen Para-Schwimmerin. Auch nach ihrem Einstieg in den Wintersport blieb sie als Schwimmerin erfolgreich, gewann nationale Meistertitel und stellte neue koreanische Rekorde auf. Aber das Skilaufen hatte für sie einen besonderen Reiz.

„Ich kann mich noch an meinen ersten Ski-Kurs erinnern. Das war ein Wintersport-Camp für Nachwuchssportlerinnen mit Behinderung in Korea, und von allen Sportarten, die ich dort ausprobiert habe, hat mir Skilaufen am meisten Spaß gemacht! Ich habe es damals kaum aus der Loipe geschafft. Aber ich wollte das unbedingt alleine können, also habe ich es so lange versucht, bis wir gehen mussten. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich Profi werden könnte. Aber rückblickend war das wohl der Moment, in dem ich den Skisport für mich entdeckt habe."

Der Reiz lag für Kim in der Freiheit, die sie draußen in der Natur und auf den vielen verschiedenen Strecken verspürte. Sie lernte auch zu schätzen, wie unberechenbar die längeren Rennen sind, weil ein Fehler noch nicht über den Rennausgang entscheidet.

„Das Rennen ist erst entschieden, wenn man über die Ziellinie fährt. Auch wenn man ein paar Fehler macht, reicht es oft noch für ein gutes Ergebnis, wenn man einfach bis zum Schluss nicht aufgibt“, sagt sie. „Und dass man draußen im Schnee manchmal ein Reh oder ein Eichhörnchen sieht, ist ein zusätzlicher Bonus!“

Wenn Vorbilder Konkurrentinnen werden

Als Kim 2022 zum ersten Mal im Weltcup startete, schienen Athletinnen wie Anja Wicker, Kendall Gretsch und Oksana Masters in einer eigenen Liga zu laufen. Wicker war eine der ersten Spitzensportlerinnen, denen sie im Weltcup begegnete. Damals, so Kim, konnte sie nicht mal auf ebenen Strecken mit ihr mithalten. Heute sind ihre ehemaligen Vorbilder zu direkten Konkurrentinnen geworden.

„Wenn ich mir von einer von ihnen eine Scheibe abschneiden könnte, dann würde ich gern so schnell und sauber schießen können wie Kendall Gretsch. Bei den Weltmeisterschaften 2023 in Schweden war ich auf der Bahn neben Kendall, und sie schoss furchtbar schnell – das hat mich komplett aus dem Takt gebracht!“

Trotz aller Erfolge, gesteht Kim, muss sie noch lernen, Biathlon auch im Wettkampf zu genießen. Sie schaut sich gerne Rennen an, weil manchmal mit einem Schuss das Rennen wieder komplett offen ist, aber in dieser Lotterie selbst mitzuspielen, ist etwas ganz anderes.

„Wenn ich selbst an den Start gehe, macht mich das so nervös, dass ich es immer noch nicht so richtig genießen kann“, erklärt sie. „Ich denke, umso mehr Rennen ich laufe, desto mehr werde ich die Eigenheiten und den Reiz des Sports auch zu schätzen wissen.“

„Ist das Smileys Waffe?”

Kims Spitzname im Para-Biathlon passt zu dem Bild, dass die meisten Menschen von ihr im Kopf haben: Smiley. Zu diesem Spitznamen kam sie aber eher zufällig.

„Man könnte schon fast sagen, dass ich den Spitznamen der IBU zu verdanken habe“, sagt Kim. „Mein Trainer hat mir erzählt, dass einer der IBU-Kampfrichter die Waffenkontrolle gemacht hat, meine Waffe sah und ihn gefragt hat: ‚Ist das Smileys Waffe?‘ So kam es zu dem Spitznamen.“

Das sie so viel lächelt heißt nicht, dass sie nicht auch mal enttäuscht ist.

„Ich bin nicht immer fröhlich. Es gibt auch bei mir genug Tage, an denen ich in den Seilen hänge. Aber ich habe irgendwann begriffen, dass man aus seinen Erfahrungen immer etwas lernen kann, auch wenn es mal nicht so gut gelaufen ist. Man kann daran wachsen und es beim nächsten Mal besser machen.

„Seit mir das klar geworden ist, versuche ich die Dinge positiv zu sehen, egal was passiert. Vor allem genieße ich es, dass ich diesen Sport für mich entdeckt habe.“

Wenn sie keine Rennen läuft, schaut Kim gerne Filme, bastelt Schlüsselanhänger aus Perlen oder geht mit Freunden essen. Seit Kurzem gehört auch Stricken zu ihren Hobbys.

Korea auf dem Zettel

Kim nächstes Ziel ist, die Top 3 im Gesamtweltcup zu knacken und sich dabei als Athletin weiterzuentwickeln. Dass das kein unrealistisches Ziel ist, hat sie schon gezeigt. Im Januar, wenige Wochen vor den Paralympischen Spielen, gelang ihr der erste Weltcupsieg ihrer Karriere im Sprint-Verfolger beim Saisonfinale in Jakuszyce.

Aber ihr geht es um mehr als um ihre persönlichen Ambitionen. Kim hofft, dass die koreanische Mannschaft weiter wächst, damit Korea in Zukunft auch bei Staffeln an den Start gehen kann.

„Ich möchte, dass die Welt eine koreanische Mannschaft erlebt, die immer stärker wird. Ihr solltet Korea also auf dem Zettel behalten!“

Schon jetzt steigt das Interesse. Seit den Paralympischen Spielen wird Kim in Korea immer öfter von Menschen erkannt, die ihre Rennen gesehen haben, und tritt auch im Fernsehen auf. In der Vergangenheit musste sie Biathlon und Langlauf oft erst erklären, weil viele dachten, dass es um alpine Disziplinen geht.

Was sie aber vor allem freut, ist dass sich junge Athletinnen mit Behinderungen für Langlauf interessieren und den Sport ausprobieren wollen. Sie hat einen ganz klaren Rat für sie.

„Traut euch. Zieht los und probiert alles aus, was ihr könnt. Manchmal probiert man etwas aus und es tun sich ganz neue Wege auf. Und vor allem: Lasst uns alles genießen, die wir tun.“

Und obwohl sie sich noch daran gewöhnen muss, wie unberechenbar Biathlon-Rennen sind, ist eine Sache für Kim völlig klar:

„Ich bin schon jetzt überzeugt, dass keine Sportart der Welt so großartig ist wie Biathlon!“

Fotos: IBU | Wlaźlak, IBU | Barbieri

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