Uros Velepec mit gutem Start beim DSV

Als die Biathlonsaison 2021/22 in ihren letzten Zügen war, erlebte Uros Velepec Herausforderungen der besonderen Art. Anstatt mit seinem Team zu trainieren, versuchte der damalige Trainer der ukrainischen Biathlonfrauen, Kontakt zu seinen Athletinnen aufzunehmen und eine Gruppe ukrainischer Talente nach Pokljuka in Sicherheit zu bringen. Dann kam der April – und ein Anruf des Deutschen Skiverbandes. Am Ende ging alles sehr schnell und der erfahrene Coach wurde für ein Engagement an der Seite des langjährigen Cheftrainers Mark Kirchner gewonnen.

Unerwartetes Engagement

Als er mit seinem neuen Team das erste Trainingslager in Mallorca absolvierte, feierte Velepec seinen 55. Geburtstag. Nach dem Abendessen sagte er: „Hätte mir vor einem Monat jemand erzählt, dass ich an meinem Geburtstag mit dem deutschen Nationalteam in Mallorca sein würde, hätte ich die Person für verrückt erklärt. Dieses Engagement kam für mich völlig unerwartet.“ Eine weitere Überraschung erlebte Velepec bei seiner Rückkehr nach Hause: Im Garten stand auf einmal ein Hühnerstall mit sechs Hühnern darin – darüber hatte seine Familie schon länger gesprochen und während seiner Abwesenheit Tatsachen geschaffen.

Wie wäre es mit Deutschland?

Der unerwartete Schritt zum DSV lässt sich mit der Metapher vom richtigen Ort zur richtigen Zeit beschreiben: „Bei den Olympischen Spielen in Peking hatte ich mehrere Anfragen. Damals habe ich gesagt, lasst uns nach der Saison weitersehen. Schließlich hatte ich noch vier Jahre Vertrag in der Ukraine und keine Jobsorgen. Doch dann brach der Krieg aus und ich habe mich auf einmal um humanitäre Dinge gekümmert – Kinder, Hilfslieferungen und Initiativen mit den Menschen in Pokljuka, die kräftig mit angepackt haben. Das waren sechs Wochen purer Stress, in denen ich überhaupt nicht an Biathlon gedacht habe. Ich führte in der Zeit einige Telefonate. Anfang April rief mich Felix Bitterling an. Damals wusste ich noch nicht, dass er von der IBU als Sportdirektor Biathlon zum Deutschen Skiverband gewechselt war. Wir sprachen über die Ukraine – und meine Zukunftspläne. Ich sagte ihm, dass ich in der Ukraine nicht weitermachen werde, aber noch Energie für vier bis acht Jahre hätte. Daraufhin Felix: ‚Wie wäre es mit Deutschland?‘ Natürlich klang das interessant, denn Deutschland zählt schon immer zu den drei, vier Topnationen in unserem Sport.“

Schnell wurden die Gespräche konkreter und ein Treffen in Rosenheim anberaumt: „Wir haben uns etwa 90 Minuten unterhalten. Ich wollte wissen, was man von mir erwartet. Felix sagte: ‚Wir würden gerne, dass du zusammen mit Mark Kirchner das Nationalteam der Männer trainierst.‘ Da war ich kurz verdutzt. Dann hieß es weiter, es sei der Wunsch von Mark, einen erfahrenen Trainer an seiner Seite zu haben, mit dem er sich gut und intensiv austauschen kann.“

Super aufgenommen

Der Slowene wurde von Beginn an gut in das Team um Mark Kirchner aufgenommen und konnte auch schon einige neue Ideen einbringen. „Für mich geht es vor jeder Saison bei null los. Ich glaube, Mark gefällt, dass ich neue Energie ins Team bringe, und wir haben auch schon einige meiner Ideen zusammen mit der Mannschaft besprochen. Mark ist ein toller Typ – lustig, bescheiden und mit einem großen Herz. Er ist Zeit seines Lebens Biathlet gewesen, zunächst Athlet und nun Trainer. Mit dem physischen Part ist er also bestens vertraut. In Sachen Schießen ist er etwas offener. Er sagte zu mir: ‚Sag uns, was wir tun sollen, und das machen wir dann.‘ Was mich an diesem Team besonders beeindruckt, ist der Teamgeist. Alle packen mit an. Es gibt niemanden, der sich nur zum Essen an den Tisch setzt und dann wieder geht. Man sitzt zusammen und unterhält sich für 20–30 Minuten und tauscht sich aus. Das finde ich großartig, schließlich ist Biathlon meine große Leidenschaft.“

In einer Sache sind sich Chef- und Assistenztrainer schnell einig geworden: „Für unser Trainingslager in Pokljuka darf ich die Pläne erarbeiten. Mark sagte, dass ich den Ort wie kein Zweiter kenne und daher weiß, was fürs Team das Beste ist. Ich sagte ihm, dass dann einiges anders als in Ruhpolding ablaufen wird, was für ihn vollkommen in Ordnung war.“

Basis in Ruhpolding

Wenn nicht gerade ein Trainingslager ansteht, arbeitet Velepec nun fünf Tage pro Woche in Ruhpolding mit dem DSV-Team um Johannes Kühn, Philipp Nawrath und fünf Talenten aus dem Perspektivkader. „Ich werde gelegentlich auch nach Notschrei im Schwarzwald fahren, um direkt mit Benni Doll und Roman Rees zu arbeiten. Die Jungs dort sind etwas ‚verwöhnt‘, weil sie nur ein Trainingslager pro Monat haben. Aber der Stützpunkt ist so gut, dass ihr Trainingsalltag einem Camp gleichkommt. Sie haben hervorragende Coaches und werden gut unterstützt.“ Zu seiner Fünftagewoche meint Velepec: „Das ist wie in einem ganz normalen Job. Nach Hause geht es nur am Wochenende, wenn wir kein Trainingslager haben.“

Organisation und Pünktlichkeit

Velepec war von der Organisation des Teams von Beginn an begeistert. Ob Ernährung, Tests oder Technologie – hier wird sich um alles sehr gewissenhaft gekümmert. „Von der Organisation war ich sehr überrascht. In Mallorca haben sie jeden Nachmittag ihre Räder geputzt. Als der Koch vorzeitig abreisen musste, hat Benni die Küche geschmissen. Einer hat dann die Zutaten geschnippelt, ein anderer hat saubergemacht und der Nächste hat serviert. Da gab es kein Murren – jeder hat seinen Teil zum Essen beigetragen. Außerdem waren alle immer pünktlich. Wenn es hieß, Abfahrt um 5, dann waren 4:55 Uhr alle startklar.“

Zielmarke 75 Prozent

Der Trainerjob beim DSV ist keine leichte Aufgabe, da die Erwartungen in Deutschland sehr hoch sind. „Es ist eine große Herausforderung, seit Erik Lesser, Arnd Peiffer und Simon Schempp nicht mehr dabei sind. Von den Großen Vier ist nur noch Benni Doll übrig. Als ich Trainer in Slowenien war, sollte ich Siege einfahren, in der Ukraine ging es ums Podium. Das haben wir geschafft. Hier geht es darum, keine Fehler zu machen: Wir müssen die richtige Intensität finden, damit im Winter alles wie gewünscht funktioniert. Das gefällt mir und das ist meine Aufgabe. In dieser Saison finden sowohl die Sommer-WM als auch die Weltmeisterschaften im Winter in Deutschland statt. Daher besteht unsere Herausforderung darin, das Team binnen acht Monaten auf den Punkt fit zu machen. Ich bin keineswegs perfekt, aber ich erinnere mich gern an einen Satz von Wolfgang Pichler. Er meinte: ‚Wenn du in 70 % der Fälle alles richtig machst, bist du der beste Trainer.‘ Also sind 75 % meine persönliche Zielmarke.“

Wie ein Spiel

Die Aufgaben des zweifachen Olympiateilnehmers und zweifachen Ironman-Siegers im Triathlon drehen sich häufig um kleine Verbesserungen, vor allem am Schießstand: „Die Jungs wollen allesamt schneller, stärker und treffsicherer werden. Deshalb bin ich hier.“ Dabei darf aber auch die nötige Lockerheit nicht fehlen. „Auch wenn wir intensiv arbeiten, kann meine südeuropäische Ader helfen. Dann kann ich die Jungs daran erinnern, dass es manchmal wichtigere Dinge gibt und man das Leben einfach leben soll. Für uns ist es wie ein Spiel.“

Fotos: IBU/Christian Manzoni, Jerry Kokesh

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