Expertenmeinung Antholz 2026: Peiffer über Simons technische Brillanz und Pichlers Trainingssystem
Von Julia Simons eiskalter Präzision unter Druck über Johan-Olav Botns emotionales Gold bis hin zu Eric Perrots leichtfüßiger Brillanz – die Eröffnungswettkämpfe lieferten Geschichten, die über das Podest hinausgingen. Arnd Peiffer analysiert das Geschehen, während Sprint und Verfolgung noch bevorstehen.
Julia Simon ist nach ihren beiden Wettkämpfen in Antholz-Anterselva zweifache Olympiasiegerin. Ihre beiden entscheidenden Schießleistungen – als Schlussläuferin in der Mixed-Staffel und im Einzel – waren schnell und von einer nahtlosen Abfolge geprägt. Ihre besondere Stärke liegt derzeit in ihrer Fähigkeit, sich in entscheidenden Momenten ganz auf die Ausführung zu konzentrieren. Sie hat großes Vertrauen in ihr eigenes Können und scheint keinen Zweifel daran zu haben, dass sie in den wichtigsten Momenten liefern kann. Eine solide Schießtechnik ist die Grundlage für den Aufbau eines solchen Selbstvertrauens. Julia agiert auf einem sehr hohen technischen Niveau; insbesondere im Stehendschießen hat sie eine natürliche Stärke, die an Tora Berger in ihrer Blütezeit erinnert.
Der „Atemstopp“ als Schlüsselfaktor für schnelles und stabiles Schießen – Julia demonstriert einen vorbildlichen und präzisen Atemstopp beim Liegendschießen. Im Liegendanschlag wird die Mitte der Zielscheibe durch Atmen gefunden, danach sind nur noch feinste Korrekturen erforderlich. Wenn ein Athlet seinen Atem nicht konsequent am gleichen Punkt anhalten kann, ist ein schneller Rhythmus praktisch unmöglich. Diese Technik muss tausende Male geübt werden, damit sie auch unter größter Ablenkung automatisch funktioniert. Die Atmung ist grundlegend für eine saubere Schussausführung.
Bei den Männern ist Eric Perrot derzeit der Mann in Topform, auch wenn er im Einzelwettkampf die Goldmedaille verpasst hat. Was auffällt, ist seine Ausgewogenheit zwischen Ehrgeiz und Selbstvertrauen einerseits und Ruhe und Gelassenheit andererseits. Er hat keine offensichtlichen Schwächen und wirkt für sein Alter mental außerordentlich reif. Sein Skistil ist bemerkenswert ökonomisch; wenn man ihn beobachtet, fühlt man sich an Ole Einar Bjoerndalen im Jahr 2002 erinnert.
Johan-Olav Botn gewann unter schwierigsten Umständen die Goldmedaille im Einzelwettkampf – er hatte die ersten beiden Wettkampfwochen ausgelassen, um eine Viruserkrankung zu überwinden und um seinen verstorbenen Zimmergenossen Sivert Guttorm Bakken zu trauern. Botn ist ein Athlet, der außergewöhnlich hart trainiert. Dass er extrem hohe Trainingsumfänge bewältigen kann, trug wahrscheinlich entscheidend dazu bei, dass er nach seiner Krankheit schnell wieder zur Bestform zurückfinden konnte. Das kommt nicht von ungefähr – er hat hart daran gearbeitet, seine beeindruckende Stärke auf den Ski aufzubauen, und sich in dieser Saison auch zu einem sehr präzisen Schützen entwickelt.
Lora Hristovas Bronzemedaille spiegelt einmal mehr Wolfgang Pichlers Einfluss wider. Nach eigenen Angaben hat er eine grundlegende Struktur innerhalb des Trainingsprozesses geschaffen und zu Beginn seiner Amtszeit mehr Professionalität gefordert – einschließlich schwieriger Personalentscheidungen. Diese Maßnahmen scheinen nun Früchte zu tragen. Pichler weiß genau, wie viel Training erforderlich ist, um auf höchstem Niveau mithalten zu können, und er hat die Autorität, dafür zu sorgen, dass seine Empfehlungen befolgt werden.
Aus deutscher Sicht fällt die Zwischenbilanz nach dem ersten Drittel der Wettkämpfe positiv aus. In jedem Rennen hat das Team um Medaillen mitgekämpft. Auch wenn es das Podest in den Einzelwettkämpfen knapp verpasst hat, stärkt diese knappe Niederlage das Selbstvertrauen. Philipp Nawrath und Vanessa Voigt sind am Schießstand hervorragend in Form, während Janina Hettich-Walz und Philipp Horn auf der Strecke sehr überzeugen.
Mit Blick auf den Sprint und die Verfolgung sind weitere starke Leistungen zu erwarten. Bei den Männern bleiben Botn und Perrot weiterhin die Favoriten. Bei den Frauen setzen derzeit die französischen Athletinnen Maßstäbe. Aus deutscher Sicht können Philipp Horn und Philipp Nawrath im Sprint Spitzenergebnisse erzielen. Interessant wird auch sein, wie sich Julia Tannheimer schlägt, während die Hoffnungen auf starke Ergebnisse von Franziska Preuß und Janina Hettich-Walz weiterhin groß sind.