Expertenmeinung Ruhpolding: Arnd Peiffer über die Olympistaffeln

Ruhpolding beeinflusst alles – vom olympischen Momentum über Teamhierarchien bis hin zu mentalen Strategien unter Druck. Olympiasieger Arnd Peiffer erklärt, worauf es jetzt wirklich ankommt.

Nach einer intensiven und äußerst emotionalen Oberhof-Woche, die neuen Schwung in die Gesamtwertung gebracht hat, kommt der Weltcup nun nach Ruhpolding. Besonders beeindruckend waren in Thüringen die außergewöhnlichen Leistungen von Tommaso Giacomel, dem in Gedenken an seinen verstorbenen Freund Sivert Guttorm Bakken sichtlich Flügel gewachsen sind. Eine derart emotionale und körperliche Anstrengung erfordert zweifelsohne viel Energie. Meiner Erfahrung nach kann das Krankheitsrisiko danach leicht erhöht sein. Doch mit gut geplanten Ruhepausen und der nötigen Vorsicht kann es gelingen, gesundheitliche Rückschläge zu vermeiden und die gute Form über die nächsten Wochen hinweg aufrechtzuerhalten.

Nach seiner krankheitsbedingten Pause über Weihnachten stehen verständlicherweise einige Fragezeichen hinter Johan-Olav Botn. Seine Comeback-Fähigkeiten sind allerdings nicht zu unterschätzen. Er kann auf einer sehr soliden Trainingsgrundlage aufbauen und dürfte nach seiner Zwangspause schnell auf Top-Niveau zurückkehren. Der Norweger hat seine Leistungsfähigkeit in dieser Saison bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Galt er zuvor vor allem als schneller Läufer mit durchwachsenen Schießleistungen, hat er im ersten Trimester bewiesen, dass er die Projektile auch sehr präzise ins Ziel bringen kann. Vor diesem Hintergrund könnte es ihm sogar in die Karten spielen, dass er das Gelbe Trikot in Oberhof verloren hat. So kann er sich darauf konzentrieren, bei den Olympischen Spielen in Höchstform zu sein, anstatt seine Führung Woche für Woche verteidigen zu müssen.

Neben Giacomel und Botn mausert sich Eric Perrot zu einem ernst zu nehmenden Kandidaten für die Große Kristallkugel. Obwohl er am Schießstand noch nicht die allergrößte Konstanz zeigt, liegt er auf dem dritten Platz in der Gesamtwertung. Allein das unterstreicht sein großes Potenzial. Wenn er sein höchstes Leistungsniveau erreicht und stabil bleibt, kann er im Kampf um das Gelbe Trikot ein ernstes Wort mitreden.

Das DSV-Team hat in Oberhof neues Selbstvertrauen getankt. Die Laufzeiten der Männer waren sehr ermutigend. Bei den Frauen hat Franziska Preuß gezeigt, dass sie nach einem schwierigen Dezember zurück in der Weltspitze ist. Am Rennsteig hatte man in jedem Wettkampf das Gefühl, dass die Deutschen den Sprung aufs Podest schaffen können, sei es in den Einzelwettkämpfen oder in der Staffel. Das sollte dem Team genügend Zuversicht für Ruhpolding und die Olympischen Spiele im Februar in Antholz-Anterselva mit auf den Weg geben.

Elvira Öberg hat mit ihren Leistungen in Oberhof interessante Einblicke in die Wettkampfpsychologie gegeben. Während des Rennens wollte sie nicht mit Informationen von ihren Coaches versorgt werden, um sich nicht von außen ablenken zu lassen und sich voll und ganz auf ihr Bauchgefühl zu konzentrieren. Früher habe ich das ähnlich gemacht, vor allem in den Einzelrennen. So konnte ich mich einzig und allein auf meine eigene Leistung fokussieren. In den Verfolgungsrennen sieht die Sache etwas anders aus, da die Rennsituation offensichtlicher ist. Wenn du allerdings auf Informationen verzichtest, ob du ein paar Sekunden pro Runde verlierst oder gewinnst, kann das störende Gedanken vermeiden. Das Herausfiltern von Informationen ist eine wichtige Kompetenz im Biathlon. Viele Athletinnen und Athleten schauen mit Absicht nicht auf die Anzeigetafel im Stadion. Viele nutzen sogar Ohrstöpsel, um sich von akustischen Ablenkungen abzuschotten.

Ein weiteres großes Thema in dieser Saisonphase ist die Besetzung der Olympiastaffeln. Erfahrungsgemäß werden die endgültigen Entscheidungen sehr spät getroffen, manchmal sogar erst am Tag vor dem Rennen. So können die Coaches Fitness, Schießleistung und Selbstvertrauen für die einzelnen Positionen in der Staffel berücksichtigen. Diese Fragen haben unweigerlich Einfluss auf die Dynamik im Team. Das gilt vor allem für starke Mannschaften wie Norwegen, bei denen einige große Namen außen vor bleiben könnten. Eine transparente und ehrliche Kommunikation ist wichtig, um Motivation und Teamgeist hochzuhalten. Der Umgang mit den Erwartungen ist vor Olympia eine besonders große Herausforderung. Der Druck von außen kann immens sein und verpasste Gelegenheiten schmerzen besonders. Realistische Ziele, mentale Vorbereitung und die Unterstützung von Sportpsychologen oder Mentaltrainern spielt in dieser Phase für die Profis eine immer größere Rolle.

Ruhpolding stellt besondere Anforderungen an die Biathlonstars. Auf der Strecke wechseln sich zahlreiche Anstiege und Abfahrten ab. Dadurch ist es schwer, einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Wer hier Erfolg haben will, muss anpassungsfähig sein: Auf kurze, intensive Steigungen folgen kurze Erholungsphasen, ehe es direkt in den nächsten Anstieg geht. Athletinnen und Athleten mit dynamischer 2-1-Technik und schneller Beschleunigung haben auf dieser Strecke einen klaren Vorteil.

Header iconTWIB 25/26 - Experts' corner Ruhpolding - Arnd Peiifer

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