Eine spannende Mischung: die lautstarken Fans und ein unkomplizierter Schießstand

Simon Schempp, Weltmeister von 2017 im Massenstart und zwölfmaliger Weltcupsieger, blickt in dieser Woche auf die anstehenden Wettbewerbe im BMW IBU-Weltcup in Ruhpolding. Schempp, der in dem oberbayrischen Ort zu Hause ist, feierte in der Chiemgau Arena sechs Podestplatzierungen. Mit mehr als 15 Jahren Trainings- und Wettkampferfahrung kennt er den Schießstand und die Strecken in- und auswendig. Im Rückblick erinnert er sich an seinen Sieg im Massenstart 2015 vor heimischer Kulisse.

Das war eine fantastische Woche und der Auftakt zu acht Podestplatzierungen in Serie. Der Sieg damals war einer der schönsten Einzelerfolge meiner Karriere. Ich habe täglich in diesem Stadion trainiert und kannte daher jeden Meter Strecke. Es waren Tausende deutsche Fans in der Arena, die für eine fantastische Stimmung sorgten. Außerdem war es ein Massenstart, wo die Spannung sowieso immer enorm groß ist. In der letzten Runde waren wir zu fünft an der Spitze. Nach einem großartigen Fight gab es auf der Zielgeraden ein Foto-Finish zwischen den ersten drei Athleten. Quentin Fillon Maillet holte damals mit dem zweiten Rang sein erstes Podium im Weltcup. Ich war der glückliche Sieger und das Publikum war natürlich aus dem Häuschen. Mit einem Weltcupsieg vor heimischer Kulisse ist ein Traum wahr geworden.

Nun zurück in die Gegenwart. Ich habe den bisherigen Winter mit großer Freude verfolgt. Johannes beeindruckt mich ohne Zweifel am meisten. Seine Leistungen sind einfach herausragend. Ich glaube, wir erleben derzeit den besten Johannes Thingnes Bø aller Zeiten. Im Vergleich zur Vorsaison hat er seine Laufleistung nochmals verbessert und unter normalen Bedingungen läuft er in seiner eigenen Liga. Über die Weihnachtspause hat er abermals an Tempo zugelegt. Daneben zeigt er sich äußerst stabil und fokussiert am Schießstand. Mit seinem großen Selbstvertrauen scheint Johannes unschlagbar. Es macht aber auch viel Spaß, Julia Simon zu folgen. Im letzten Winter hatte sie einige Probleme beim Schießen. In dieser Saison ist sie sehr stabil und außergewöhnlich schnell am Abzug, vor allem im Stehendanschlag. Darüber hinaus zeigt sie die nötige Kaltschnäuzigkeit und wird regelmäßig für ihre Courage belohnt. Wenn man ums Gelbe Trikot kämpft, kann jeder Fehler kostspielig sein. Wenn man dann so aggressiv zu Werke geht wie Julia, zeugt das von Nerven aus Stahl.

Doch ungeachtet dessen müssen Julia und Johannes alles geben, um in dieser Woche in Ruhpolding wieder auf dem Treppchen zu stehen. Der Schießstand ist nicht sonderlich schwer, sodass viele Athletinnen und Athleten ohne Fehler durchkommen können. Aber der Schein ist auch etwas trügerisch, da manche vielleicht übermütig werden könnten. Auch Pokljuka hat einen vermeintlich einfachen Schießstand und trotzdem haben wir im Sprint einige unerwartete Fehler gesehen. Daher kommt es für eine saubere Schießleistung darauf an, die richtige Balance zwischen Aggressivität, Geschwindigkeit und Sicherheit zu finden. Erfahrungsgemäß ist es in Ruhpolding relativ windstill. Ungeachtet dessen müssen die Athletinnen und Athleten hellwach sein. Denn am Gewehr muss man selbst auf kleinste Windänderungen reagieren.

Dabei ist der Schießstand nicht die einzige Besonderheit in Ruhpolding. Auch das Publikum spielt eine gewichtige Rolle und sorgt für eine fantastische Atmosphäre. Die Biathletinnen und Biathleten müssen sich auf einen deutlich lauteren Geräuschpegel als in Pokljuka einstellen. Du kannst dich zwar von den Fans über die Strecke tragen lassen, doch am Schießstand musst du ganz bei dir und deinem Gewehr bleiben.

Streckentechnisch warten die Herausforderungen im zweiten Abschnitt. Da gilt es in den Anstiegen einige Höhenmeter zu bewältigen. Hier können sich in den Rennen Zeitabstände auftun, vor allem in den Massenstarts und Staffelwettbewerben. Die Anstiege eignen sich aber auch hervorragend, um sich eine gute Ausgangsposition für einen Zielsprint vor den frenetischen Fans zu erkämpfen. Das Publikum ist nur wenige Meter von der Strecke entfernt und kann für eine einzigartige Stimmung sorgen.

Ob Ruhpolding für das deutsche Team das entscheidende Sprungbrett für die IBU-Weltmeisterschaften in Oberhof ist? Man muss auf jeder Weltcup-Station konstant gute Leistungen zeigen, nicht nur in Ruhpolding. Nur dann hat man reale Chancen, auch bei den Weltmeisterschaften erfolgreich zu sein. Aus deutscher Sicht gehören für mich Denise Herrmann-Wick und Benedikt Doll zu den Podiumskandidaten. Darüber hinaus wird hoffentlich auch Roman Rees seine starken Schießleistungen in Einzel und Massenstart bestätigen können. In den Staffelwettbewerben stehen die Erfolgschancen für die DSV-Teams meiner Meinung nach auch recht gut.

Meinen ehemaligen Teamkollegen und allen Athletinnen und Athleten, die in Ruhpolding an den Start gehen werden, möchte ich einen einfachen Rat mit auf den Weg geben: Als Athlet habe ich es immer geliebt, vor 20- oder 30.000 Fans zu laufen. Wenn ich wusste, dass das Stadion rappelvoll ist, stellte sich bei mir automatisch eine äußerst positive Grundstimmung ein. Es ist wichtig, sich eine positive Einstellung zu bewahren und sich vor Augen zu führen, welch Privileg es ist, vor einer so großen Kulisse antreten zu dürfen. Am Schießstand aber muss man sich voll und ganz auf sich selbst konzentrieren. Das geht nicht über Nacht, sondern erfordert einen gewissen Lernprozess.

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