Team Ukraine: Saisonvorbereitung unter widrigen Umständen

Die Vorbereitung für die neue Biathlonsaison 2022/2023 läuft bei allen Nationalmannschaften auf Hochtouren. Keine Mannschaft steht dabei vor größeren Herausforderungen als die ukrainische, die viele Hürden zu nehmen hat, um das Team auf die internationalen Wettkämpfe vorzubereiten.

Derzeit sind mit Dmytro Pidruchnyi, Artem Pryma, Bogdan Tsymbal, Anton Dudchenko, Taras Lesiuk, Denys Nasyko und Darya Blashko, die mit den Männern trainiert, sechs Biathleten aus der Nationalmannschaft zum zweiten Trainingslager in Oberhof zu Gast. Das erste Trainingslager hatte im ukrainischen Sianky (Region Lviv) stattgefunden, wo es Cheftrainerin Juraj Sanitra gelungen war, den A-Kader zu versammeln: „Für mich war es vor allem wichtig, meinen Athletinnen und Athleten in die Augen zu schauen und zu sehen, wie sie mit der Situation umgehen und was in ihnen vorgeht.“

Sanitra, der die ukrainische Mannschaft seit sechs Jahren betreut, erinnert sich an das unvermittelte Ende der letzten Saison nach den Winterspielen in Peking: „Als wir nach den Winterspielen am 21. Februar nach Hause flogen, konnte sich niemand vorstellen, dass wir das letzte Trimester im Weltcup verpassen würden. Wir hatten schon angefangen, Pläne für den nächsten Olympia-Zyklus zu schmieden. Aber als Russland am 24. Februar dann die Ukraine angriff, war nichts mehr wie vorher.“

Der Trainer erinnert sich: „In diesen Tagen gab es alle möglichen Informationen und viele Telefonate, und ich habe mir große Sorgen um die Athletinnen und Athleten, die Trainer und natürlich die Fans gemacht, von denen es in der Ukraine so viele gibt. Ich habe geholfen, wo ich konnte. Fünf Wochen lang haben wir die Familie eines Athleten bei uns zuhause aufgenommen... Es sind schwierige Zeiten, und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich mit meiner Arbeit weitermachen will oder nicht. Bei Gesprächen mit meiner Familie ist mir klar geworden, dass ich meine Athletinnen und Athleten, den ukrainischen Biathlon und die Kolleginnen und Kollegen nicht hängen lassen kann.“

Sanitra weiß nicht, was die Zukunft bringt, aber er ist sich sicher, dass der Biathlon in der Ukraine nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft hat, also macht er mit seiner Arbeit unbeirrt weiter.

Für das Trainingslager in Deutschland galt es eine große Hürde zu nehmen: Die Biathleten brauchten eine Genehmigung, um die Ukraine verlassen zu dürfen. Das Land befindet sich im Kriegszustand, und viele Athletinnen und Athleten standen entweder bei den ukrainischen Streitkräften oder der Nationalgarde im Dienst: „Wir standen im ständigen Kontakt und haben zusammen überlegt, wie es weitergehen kann,“ so der Trainer. „Ich weiß, dass die meisten Jungs fast direkt nach den Winterspielen eingezogen worden sind.

Natürlich gibt es da jetzt vielleicht einen Trainingsrückstand, aber man kann an ihrem Blick erkennen, dass sie bereit sind, sich den härtesten Trainingseinheiten zu unterziehen, um gut vorbereitet zu sein. Letzten Endes ist das für sie eine Gelegenheit zu demonstrieren, dass die Ukraine ein starkes Land ist und sich in der Welt behaupten kann. Und der Spitzensport ist eine gute Bühne, um der Welt zu zeigen, was man kann.“

Als Sanitra beschlossen hatte, weiter mit der ukrainischen Mannschaft zu arbeiten, galt sein erster Gedanke der mentalen Verfassung seiner Sportlerinnen und Sportler. Er hatte anfangs Sorge, dass das Privatleben die Trainingsleistungen beeinflussen könnte, weil jeder Familie und Verwandte in der Ukraine hat und man nie weiß, was passieren kann. Heute ist seine wichtigste Aufgabe, die Trainingsrückstände derjenigen auszugleichen, die in den letzten zwei Monaten fast nicht haben trainieren können: „Die Top-Biathleten der Ukraine befinden sich jetzt in unterschiedlichen Vorbereitungsphasen für die neue Saison. Wir haben im letzten olympischen Zyklus gute Arbeit in Sachen Volumen und Umfang geleistet. Und ich bin zuversichtlich, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns an unser Programm für den Sommer halten. Damit kommen die Jungs auf ein gutes Niveau.“

Auch der Mannschaftskapitän der Ukrainer, Dmytro Pidruchnyi, der praktisch ab dem ersten Tag nach der russischen Invasion in der Nationalgarde gedient hatte, macht sich Sorgen um seine Form: „Einmal in der Woche durfte ich nach Hause und war dann joggen, damit sich mein Herz und meine Muskeln wenigstens eine Stunde lang daran erinnern, wie sich Belastung anfühlt. Ich bin außerdem an Corona erkrankt, also konnte ich erst Mitte Mai ins Training einsteigen, und die ersten Trainingseinheiten waren sehr schwierig.

Aber wir versuchen jetzt, Schritt für Schritt wieder zu alter Form zurückzukehren. Ich habe das Gefühl, dass ich mit der Form einen oder eineinhalb Monate hinter dem hinterherhinke, was ich sonst um diese Zeit leisten konnte. Aber ich komme so langsam wieder in den Rhythmus hinein und hole nach und nach auf.“

Pidruchnyi gesteht, dass ihn die Situation in der Ukraine sehr mitnimmt: „Natürlich wirkt sich alles, was zuhause passiert, auf die Stimmung und die Verfassung aus. Es ist schwierig, da innerliche Distanz zum Land zu schaffen. Man weiß, dort herrscht Krieg, da sterben Menschen, und die ukrainischen Streitkräfte stehen zusammen wie eine Wand, was uns eben auch ermöglicht, hier zu trainieren. Aber dann geht es wieder zum Training und man konzentriert sich auf seine Aufgabe, auf das, was jetzt hier dran ist.“

Artem Pryma, für den die letzte Saison verfrüht und unerwartet endete, diente in der Zwischenzeit bei den ukrainischen Streitkräften: „Drei Tage nach unserer Rückkehr von den Olympischen Spielen begann der Krieg, und an Training war nicht mehr zu denken. Ich habe versucht, irgendwie in Form zu bleiben, aber ich war bei meiner Einheit. Und von da aus durfte ich schon zum ersten Trainingslager reisen.“

In Tschernihiw, Prymas Heimatstadt, ist das Ski-Trainingszentrum zerstört worden, es liegt in Trümmern: „Es ist noch völlig unklar, wie ich zwischen den Trainingslagern trainieren soll. Man kann auf den Straßen laufen gehen und im Fitnessstudio Krafttraining machen, aber an Skiroller- oder Schießeinheiten ist nicht zu denken. Als ich zuhause war, war das Team vom Trainingszentrum mit den Trainern dabei, wenigstens 1 bis 1,5 km der Strecke freizulegen, damit die Kinder irgendwie trainieren können, weil man im Wald wegen Blindgängern und Landminen nicht laufen kann. Die können überall sein. Die Ausrüstung, die im Zentrum aufbewahrt wurde, ist verbrannt. Das trifft die Kinder und Jugendlichen am härtesten, die haben wirklich alles dort gelagert. Ich hatte zu dem Zeitpunkt praktisch nichts dort, also sind meine Waffe und die meisten Skier nicht beschädigt worden.“

Pryma berichtet, dass er fast gar nicht an die nächste Saison gedacht hat: „Ich habe nur daran gedacht, dass ich unser Land und meine Familie beschützen muss. Darum haben sich all meine Gedanken gedreht. Zweieinhalb Monate lang war ich bei meiner Einheit der Streitkräfte. Aber jetzt muss wohl jeder das tun, was er am besten kann. Mir hat man gesagt, dass meine Aufgabe ist, mein Land im Sport zu vertreten. Ich habe darüber nachgedacht und zugestimmt. Ich werde versuchen, der Ukraine mit meinen Ergebnissen Ehre zu machen.“ Eine Gelegenheit dazu bekommt Pryma, wie auch andere ukrainische Biathletinnen und Biathleten, schon Ende August bei den Sommerbiathlon-Weltmeisterschaften in Ruhpolding (GER), bei denen die Mannschaft antreten wird.

Auch wenn sich die ukrainische Nationalmannschaft seit Jahren nicht mehr explizit auf die SBWM vorbereitet hat, sehen die Pläne laut dem Cheftrainer der Männer in diesem Jahr anders aus, und sie wollen in Ruhpolding in der stärksten Besetzung antreten. Sanitra ist den vielen Organisationen und Menschen unendlich dankbar, die alles geben, um das zu ermöglichen.

„Unsere ganze harte Arbeit,“ so Sanitra, „die widmen wir unseren Fans und allen Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes, damit sie sich in diesen schwierigen Zeiten am Erfolg des ukrainischen Biathlons erfreuen können, denn immerhin ist Biathlon in der Ukraine eine der beliebtesten Sportarten. Ich wünsche mir, dass die Menschen auf diese Sportlerinnen und Sportler blicken und sich für sie freuen können.“

Fotos: IBU Fotopool, Mariya Osolodkina

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