Johanna Talihaerm im ersten Trainingslager

In der letzten Maiwoche fiel beim ersten Treffen der estnischen Mannschaft mit dem neuen Betreuerstab der Startschuss für die Vorbereitung auf die neue BMW IBU Weltcupsaison und Peking 2022. Für Johanna Talihaerm und ihre Mannschafskameradinnen begann die neue Trainingssaison im heimischen Tehvandi Sports Center in Otepää mit zwei Wochen Regen, Sonne, harter Arbeit, neuen Gesichter und einer Menge Spaß.

Erfahren, nicht alt

Die 27-jährige Talihaerm, die in der estnischen Mannschaft zu den „Veteraninnen“ zählt, wusste wie alle anderen auch nicht, wie das Trainingslager werden würde, nachdem mit dem ehemaligen belarussischen Trainer Fyodor Svoboda ein neuer Trainer angetreten war und mehrere Juniorinnen und Junioren zum ersten Mal dabei waren. „Ich bezeichne mich lieber als erfahren, nicht als alt ... Ich bin schon so lange in der Mannschaft, weil ich sehr früh dazugestoßen bin (erster Weltcupstart mit 18). Die Juniorinnen bringen eine neue Perspektive mit ins Team, und ein paar neue Witze. Ich weiß noch, wie nervös ich war, als ich zum ersten Mal hier war ... und nicht wusste, wie alles läuft und Angst hatte, dass der Trainer wegen irgendetwas wütend auf mich wird. Ich versuche, sie zu unterstützen und sage ihnen, dass sie den neuen Trainer im Zweifelsfall einfach fragen sollen.“

Svoboda, „toll, dass er da ist“

Talihaerm wusste ein bisschen mehr über den neuen Trainer als die meisten Mannschafskameradinnen. Als Athletenvertreterin im Vorstand des estnischen Verbands durfte sie im Bewerbungsprozess mit ihm sprechen. Die Mannschaft hörte auch, wie begeistert andere von Svoboda sprachen, der der erste große internationale Trainer der kleinen Nation sein wird. „Es ist toll, dass er da ist. Wir sind ein sehr kleines Land und mussten Wissen von außen ins Team holen. Seine Erfolge sind sehr beeindruckend, aber es war auch sehr beruhigend, positive Rückmeldung von anderen Trainern und Trainerinnen, Athletinnen und Athleten zu bekommen, mit denen er gearbeitet hat.

Fragen stellen

Trotzdem gab es ein paar Startschwierigkeiten mit dem neuen Trainer. Wegen einiger Anreiseprobleme kam er erst mit drei Tagen Verspätung in Otepää an, und der Assistenztrainer musste ihn vertreten. „Wir hörten, dass er Verspätung hat, und das Warten hat natürlich für zusätzliche Spannung gesorgt. Ihn dann persönlich kennenzulernen hat uns die Umstellung erleichtert. Unser Assistenztrainer Daniil Steptchenko ist russisch-estnisch und ein ehemaliger Mannschaftskamerad, deswegen läuft ihre Kommunikation gut. Das hat die Sache entspannt, und er (Svoboda) hat sich gleich wie zuhause gefühlt. Unsere Arbeitssprache ist trotzdem Englisch. ... Eine der ersten Sachen, die er gesagt hat, war ‚Stellt mir Fragen. Ich weiß es zu schätzen, dass ihr Dinge verstehen wollt.‘ Das war wirklich gut, weil manches für uns neu ist und wir es nicht gleich verstehen. ... Aber ein paar von uns kannte er auch schon vom Sehen aus dem Weltcup. Auch wenn man sich zum ersten Mal trifft, sind wir ja alle Teil der großen Biathlon-Familie. ... Es ist ein gutes Trainingslager gewesen.“

Packen fürs Trainingslager

Die Umstellung vom eher entspannten Leben zuhause in den letzten zwei Monaten auf das stärker strukturierte Leben im Trainingslager war wie jedes Jahr ein kleiner Schock. „Im Trainingslager stand mit Training und Besprechungen und ein paar persönlichen Dingen viel auf dem Programm, aber es ist gut gewesen. Für mich war das Packen am schwierigsten. Ich war so froh, zuhause und mal nur an einem Ort zu sein, und beim Packen dachte ich dann, ‚Okay, jetzt geht das wieder los.‘ Die Routine macht mir nichts. Ich mag strukturierte Tage, da fühlt man sich produktiv. Die Abreise zuhause war schwierig, wie eine Reise ins Ungewisse.“

Einen Pack-Patzer gestand sie ein, „peinlich, aber lustig. Ich habe meinen Beutel mit Haargummis vergessen und dann hier ständig improvisieren müssen.“

Trainingslager-Routine

Die Trainingslager-Routine war ganz typisch. „Ich stehe um 07:30 Uhr auf, gehe joggen, dehne mich und frühstücke dann. Um neun Schießen wir, und da ist die Routine etwas anders. Wir starten nicht mit Übungen und schießen dann an. Wir schießen auch nicht mit dem Ziel, ein gutes Ergebnis zu schaffen, sondern ein gutes Trefferbild abzuliefern, und machen Übungen, das ist anders als vorher. Dann Krafttraining, Mittagspause, die zweite Trainingseinheit, Abendessen und viele Besprechungen mit den Trainern. Organisatorisches und abends noch mal Schießen. Bei gutem Wetter haben wir abends noch mal scharf geschossen, wenn das Wetter gut war, weil wir so nah am Schießstand untergebracht sind.“

Die ersten Tage waren nass und kalt, aber das hatte kaum Einfluss auf den Trainingsplan. „Es war sehr nass. An einem Tag haben wir das Schießen ausfallen lassen, weil es so geschüttet hat und wir erfroren wären, so kalt war es.“

“Frauen einfach besser” am Schießstand

Eine Sache, die der neue Trainer einführte, war ein interner Schießwettbewerb zwischen den Männern und den Frauen mit einem eigenen Wanderpokal. „Ich habe einmal vor dem Trainingslager geschossen, und das war ziemlich mies. Aber im Trainingslager lief es besser mit dem Schießen, und ich habe den ersten Wanderpokal gewonnen. Bislang haben drei verschiedene Frauen gewonnen, und die Männer erst einmal ... die Frauen sind einfach besser! Wir denken uns nur, ‚Auf geht‘s, Jungs!‘ Die Mädels behalten den Pokal aber natürlich auch gern. Das ist ein netter kleiner Wettkampf, der echt Spaß macht.“

Schießtipp macht den Unterschied 

Talihaerm arbeitet hart an ihren Schießleistungen. Auch wenn sie die letzte Saison mit einem fehlerfreien Sprint in Östersund beendete, war es für sie erst der zweite Tag mit weißer Weste in ihrer gesamten Weltcup-Karriere. „Ich habe mein Schießen aus der letzten Saison analysiert, und mein größtes Problem war mangelnde Selbstsicherheit. Ich habe an mir gezweifelt. ... Das muss ich bei mir im Kopf klar kriegen.“ Über das Training sagte sie: „Manchmal gibt dir jemand einen ganz kleinen Tipp, der dann alles verändert und dich so viel selbstsicherer macht. Für mich hat es ein paar so kleine Dinge gegeben (die geholfen haben). Das eine ist, die Scheibe vor dem Schießen genau anzuvisiseren. Das klingt so banal, aber für mich war das bahnbrechend. Es hilft mir dabei, eine bessere Position einzunehmen und die Scheibe schneller zu finden.“

Auch Mountainbiken gehört zum Trainingsprogramm. „Es gibt viele ungeteerte Straßen, auf denen nicht viel Verkehr ist. Die sind gut fürs Mountainbiken, nicht so anspruchsvoll und nicht so gefährlich. Es gibt hier am Sports Center auch einen neuen Mountainbike Trail, der anspruchsvoller und mir ein bisschen zu hart ist.“

Prägt die Stimmung

Das erste Trainingslager ist immer besonders, wichtig fürs Lernen und den Zusammenhalt. „Es prägt die Stimmung und die Erwartungen für das Jahr. Man lernt sich gegenseitig kennen, nicht so sehr die Mannschaftskameraden, die man seit Jahren kennt, sondern die neuen Trainerinnen und Trainer, die Juniorinnen und Junioren. Es ist ein neues System mit den Trainern. Wir stecken uns Ziele, besprechen, was wir in diesem Jahr erreichen wollen. Hier kommen wir alle zusammen und machen uns gemeinsam wieder auf den Weg. Mit den neuen Trainern ist es für uns wirklich ein Neuanfang, wie ein frischer Wind.“

20 Meter vor der Zapfsäule

Wie in jedem Trainingslager wird auch gern mal gelacht, wenn sich jemand blamiert, sodass die Spannung mal nachlässt und man mal ein paar Minuten albern sein kann. „Ohne hier Namen zu nennen habe ich gehört, dass jemand mit dem Auto unterwegs war und dann der Tank leer war ... 20 Meter vor der Tankstelle. Kein Kommentar.“

Fokus auf Peking 2022

Die lange Reise, die mit diesem Trainingslager beginnt, könnte für Talihaerm in einem dritten Auftritt bei Olympischen Winterspielen gipfeln. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich zweifache Olympionikin bin. Damit geht ein Status einher, der für mich irgendwie immer noch neu ist ... Daran musste ich mich gewöhnen, weil man mich auf der Straße erkennt. Jetzt will ich nicht nur dabei sein. Ich will dort ein Ergebnis erzielen, mit dem ich zufrieden bin. Das geht mir mehr im Kopf herum als nur dabei zu sein (in Peking 2022). Es geht mir nicht um eine Platzierung, sondern darum, selbstsicher, bereit und gut in Form zu sein, eben um den Prozess.“ 

Das erste Trainingslager mit all seinen Veränderungen und Anpassungen liegt hinter ihnen, und Johanna Talihaerm und ihre estnischen Mannschaftskameradinnen sind auf dem Weg in die neue Saison. 

Photos: IBU/Christian Manzoni, Johanna Talihaerm

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