Schwedische Mannschaft in französischer Idylle: Drei Wochen auf 1800 Metern

Frankreich mit seinem sonnigen Wetter, leckeren Essen und Savoir Vivre ist im Sommer ein beliebtes Urlaubsziel. So machte sich auch die schwedische Biathlonmannschaft für das erste Auslands-Trainingslager seit 2019 auf den Weg in die französischen Pyrenäen, allerdings durften sie sich in Font Romeu nur am schönen Wetter erfreuen. Statt Erholung standen ansonsten drei Wochen harte Arbeit auf 1800 Meter auf dem Programm, alles in Vorbereitung auf die BMW IBU Weltcupsaison 2021/22 und Peking 2022.

Das Meiste herausholen

Zur Mitte des Trainingslager erklärt Cheftrainer Johannes Lukas: „Wir wollten nur einmal in die Höhe und haben uns für drei Wochen auf 1800 Metern entschieden, um das Meiste herauszuholen. Neben der Höhe profitieren wir auch davon, nach so langer Zeit mal wieder anderswo zu trainieren. Der Tapetenwechsel hilft natürlich. Aber es gibt auch wenig familiäre oder andere Ablenkung und sonst wenig zu tun, und so sind alle sehr konzentriert. Bislang ist es super: Das Wetter ist gut und sie haben die letzten 10 Tage sehr hart gearbeitet, letzte Woche sogar dreiunddreißig Stunden.“

Zusätzliche Sommertage

Hanna Oeberg stimmt dem Trainer zu. „In diesem Jahr ist es wichtig, auf der Höhe zu trainieren. Das Sommertraining war in diesem Jahr gut in Schweden, weil das Wetter schön und die Bedingungen gut waren. Jetzt verbringen wir hier noch ein paar zusätzliche Sommertage auf den langen Anstiegen, die wir in Schweden so nicht haben, und absolvieren das Höhentraining.“

Header iconSweden Font Romeu Training Camp

Sommertrainingslager sind alle recht ähnlich: Viele Stunden Skiroller fahren, wandern, Rennrad fahren, Krafttraining, Schießen, dazwischen Mahlzeiten, Physiotherapie und ein paar Ruhetage. Umso wichtiger ist es, dabei geistig und körperlich frisch zu bleiben. Abwechslung hilft, von der bleiernen Müdigkeit abzulenken. 

Lange Anstiege durch französische Dörfer

An einem strahlenden Sommermorgen klettern Sebastian Samuelsson, die Oeberg-Schwestern und Co. weit unterhalb von Font Romeu an der Straße aus den Teambussen. Vor ihnen liegen eineinhalb Stunden ununterbrochener Anstiege durch kleine Dörfer und Haarnadelkurven auf Bergstraßen mit wenig Verkehr. „Volumentraining“, erklärt Lukas. „Letzte Woche haben wir eine ähnliche Einheit absolviert, aber dies ist eine Strecke, die wir vor zwei Jahren hier schon mal gefahren sind (beim letzten Trainingslager außerhalb Schwedens).“ Das Tempo sieht fast gemütlich aus, aber das täuscht. Kontinuierliche Anstiege mit 10 - 15 % Steigung sind nie einfach, schon gar nicht in der dünnen Luft, aber immerhin entschädigen das Pyrenäen-Panorama und die malerischen Dörfer für die Anstrengung. Schnell bilden sich Dreier- und Vierergruppen. Auf den weniger steilen Stücken läuft man nebeneinander und plaudert in der Morgenluft.

Nach 30 Minuten bergauf biegt die lange Skiroller-Kolonne rechts ab in das Dörfchen Odiello mit seiner Kirche aus dem 12. Jahrhundert, um eine Schleife von 3 km zu laufen. Nach einem weiteren Anstieg bis kurz unterhalb von Font Romeu gelangt man auf ein für die Tour de France frisch geteertes und herrlich glattes Streckenstück, fast eben und damit perfekt für ein paar schnelle Sprints, um die schnell kontrahierende Muskulatur zu aktivieren. Über die blumengesäumte Hauptstraße von Font Romeu gelangen die schwedischen Gäste nach über 1:30 Stunden auf der Straße zum Schießstand.

Spaß als Training getarnt

Im Nu sind am Schießstand Energieriegel und Waffen zur Hand: Fünf Schuss auf Papier, ein Biss, ein Blick durchs Glas, noch mal fünf Schuss, noch ein Biss, Scheibe prüfen und fünf letzte Schüsse zur Bestätigung. Anschießen abgeschlossen. Nach ein paar Worten von Schießguru Jean Marc Chabloz steht ein großes Massenstartrennen auf dem Plan: 80-Meter-“Runden“ am Schießstand, vier schnelle Schießeinlagen und eine wohnzimmergroße „Strafrunde“. Geschossen wird schnell und wild, und mit wenigen Fehlern. Irgendjemand gewinnt, aber das ist Nebensache: Es geht um Spaß, der als Training getarnt ist. Etwas trinken, nachladen und ab geht es auf die Skiroller-Strecke, für noch mehr Volumen, bevor der nächste Wettstreit mit vier Schießen ansteht, erst die Männer, dann kurz danach die Frauen. Samuelsson schlägt die Mannschaftskameraden mit einem furiosen Sprint auf der letzten Runde. Noch mehr Zeit auf den Skirollern, ein paar Schießeinlagen und persönliches Feedback von Chabloz. Peppe Femling setzt die letzten fünf Schuss des Tages am Schießstand, und alle Augen sind auf ihn gerichtet: Vier finden ihr Ziel, der letzte nicht, er lässt den Kopf hängen. Lukas lächelt, klopft ihm auf die Schulter ... Wieder über drei Stunden Training absolviert, Zeit für ein wohlverdientes Mittagessen.

Mit Doppelstockschub auf den 2003 Meter hohen Col del Pam 

Wie so oft heißt es hier Training, Essen, Schlafen (Ausruhen) und von vorn: Am Nachmittag geht es weiter. In Gedanken ist man schon beim Ruhetag in 12 Stunden, aber vorher steht noch eine Skiroller-Einheit auf dem Programm. Auf der nächsten wenig befahrenen Bergstraße machen sich zuerst die Frauen auf den Weg, während die Männer ein paar Kilometer weiter die Straße runter nahe der spanischen Grenze aus dem Teambus springen. Diesmal gibt es sechs Minuten harten Anstieg im Doppelstockschub, ein paar Minuten Ruhe, dann Wiederholungen, und das bei 26 °C im Schatten. Der Schweiß läuft, alle schnaufen. Mit jeder beinharten Doppelstock-Einlage arbeiten sich die zwei Gruppen weiter die Bergstraße hoch, klappern unter den neugierigen Blicken der Touristen durch Font Romeu und müssen auf den letzten 4 km letzte Energiereserven mobilisieren. Als sie kurz unterhalb des Skilifts auf dem 2003 Meter hohen Col del Pam ankommen, haben die Frauen 10 km Anstieg bezwungen, die Männer 12 km, und dabei beide über 400 Höhenmeter überwunden. Man tauscht schnell Skischuhe und Skiroller gegen Laufschuhe, nun noch 45 Minuten joggen und springen mit Stöckern auf felsigen Pfaden, und ein weiterer Trainingstag ist abgeschlossen. 

Spaß am Ruhetag

Lukas gibt zu, dass die Gruppe müde ist. „Müde, aber die Trainingsqualität ist immer noch gut. Den Ruhetag haben sie sich verdient.“ Dieser gestaltet sich in dieser eng befreundeten Mannschaft ganz einfach: Entspannt in der Sonne zusammen essen, stundenlang Domino und Karten spielen, dann Pizza „mit der ganzen Familie“ und ein schwedisches Fußballspiel.

Hochkonzentriert: Intervalle am Schießstand

Keine 12 Stunden später geht es zurück ins Training. An den 18 Schießbahnen der Biathlon-Anlage von Font Romeu werden die Schießleistungen in intensiven Intervallen haarklein seziert. Lukas dokumentiert jede Runde und die Ergebnisse mehrerer Laktattests, Chabloz und Mattias Nilsson machen Notizen zu Schüssen und geben Anweisungen für Anpassungen. Die Stimmung ist ernster als bei dem Spaß-Massenstart vor zwei Tagen: Zur besseren Unterscheidung tragen die Athletinnen und Athleten Trikots, es gibt Einzel- und Doppelstarts in 30-Sekunden-Abständen und jede Runde wird vom Start weg mit Vollgas gelaufen, gefolgt von präzisen, schnellen Schießeinlagen. Eine entspannte Runde um den Schießstand und ein Schluck zu trinken nach dem Laktattest bringen Erholung zwischen den 8 x 2,5 km der Frauen und den 9 x 2,7 km der Männer. Als die Frauen fertig sind, schaut Lukas von seinem Tablet und den Notizen auf und sagt mit einem Lächeln: „Gute Arbeit, gute Laktatwerte, ein guter Trainingstag.“

„Sehr stolz auf diese Gruppe“

Bei dieser Einheit ist auch der ehemalige schwedische Cheftrainer Wolfgang Pichler dabei, der inzwischen für das Schwedische Olympische Komitee tätig ist, und beobachtet mit Argusaugen und Stoppuhr in der Hand, was um ihn herum passiert. Pichler, der diese Mannschaft weitgehend aufgebaut hat und Lukas‘ Mentor war, strahlt. „Das haben sie gut gemacht, gute Qualität, sehr konzentriert. Schauen Sie, wie die arbeiten und reagieren, alles ganz besonnen, die wissen genau, was zu tun ist. Ich bin sehr stolz auf diese Gruppe.“

Auf ihren Lorbeeren ruhen sie sich nie aus, und so heißt es für die schwedische Mannschaft in der französischen Idylle: Mehr Berge, mehr Trainingsstunden und viele Erinnerungen an herrliche Panoramen für die Zeit, wenn der Schnee wieder fällt und die harte Arbeit sich auszahlt.

Fotos IBU/Jerry Kokesh

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