Stina Nilssons neue Leidenschaft: Biathlon

Im März 2020 überraschte Stina Nilsson die nordische Skiwelt mit einem Wechsel von einer sehr erfolgreichen Langlaufkarriere zum Neustart im Biathlon. Achtzehn Monate später beginnt die motivierte und entschlossene Nilsson jeden Tag mit demselben erklärten Ziel: sich zu verbessern. „Einfach das Gefühl, dass es voran geht und ich besser werde, mehr brauche ich gar nicht.“

Nilsson, die schon viele Medaillen gewonnen hat, ist die erfolgreichste Langläuferin, die zum Biathlon wechselt. Im Buch stehen vier Medaillen bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang, einschließlich Einzelgold im Sprint, außerdem zweimal Gold und einmal Silber bei der Nordischen Ski-WM 2019, plus 48 Podestplätze und 15 Einzel- und Mannschaftssiege im Langlauf zwischen 2012 und 2019.

Schwedische Meisterschaften: „Letzte Runde genossen“

Nach einer halben Saison im IBU Cup und ersten Starts im BMW IBU Weltcup waren die Schwedischen Meisterschaften in Sollefteå Anfang August Nilssons erster großer „Test“ in diesem Sommer. Sie bestand mit fliegenden Fahnen und holte dank eines Aha-Moments, fünf Treffern im Stehendanschlag, den Sprinttitel vor den Oeberg-Schwestern. „Das war das erste Mal, dass ich die letzte Runde so genießen konnte. Ich wollte immer eine letzte Runde laufen, in der sich das Kämpfen lohnt, weil ich bis dahin immer zu viele Fehler geschossen habe. Das war ganz neu für mich. Ich hatte so viel mehr Energie. Das würde ich gerne noch sehr oft wiederholen!“

Biathlon-Achterbahn

Zum Sieg sagt sie: „Das war besser als erwartet. Ich hatte am Tag zuvor so viele Schießfehler, dass ich sie nicht mal gezählt habe. Für diese Zeit im Sommer war es einfach perfekt.“ In der Verfolgung am nächsten Tag holte die Realität die Sprintsiegerin wieder ein, als sie achtmal verschoss. „Und genau so ist auch mein Training. Ich habe nicht nur bei den Wettkämpfen gute und schlechte Tage. An diese Achterbahn habe ich mich inzwischen echt gewöhnt.“

„Noch mal ganz von vorn“

Höhen und Tiefen prägen die inzwischen schon 18 Monate Biathlon-Abenteuer für Nilsson. „Ich habe mir gedacht, dass das schwer wird ... und das ist es. Irgendwie habe ich es auch deswegen gemacht. Ich wollte nicht, dass mir alles zufällt. Ich wollte darum kämpfen müssen. Da sind meine Erwartungen erfüllt worden. Ich genieße diese Erfahrung. Ich mag es, mich weiterzuentwickeln, jeden Morgen aufzustehen und etwas zu trainieren, dass ich besser können will. Das liegt mir. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe.“ Sie vergleicht es mit ihren Anfängen im Langlauf vor vielen Jahren. „Es ist genau das gleiche Gefühl. Als würde man noch mal ganz von vorn anfangen, als Neueinsteiger. Man lernt jeden Tag etwas neue und hat neue Vorbilder. Das ist ein guter Ansporn.“

Neue Gefühle

Vor dem Wechsel kannte Nilsson Biathlon nur aus dem Fernsehen, hatte aber Respekt vor dem Sport und war sich der Unterschiede zum Langlauf bewusst. „Ich habe immer schon viel Respekt gehabt. Es sind zwei grundverschiedene Sportarten mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die man beherrschen muss, bevor man auf einem guten Niveau mitlaufen kann. Ich hatte erwartet, dass das letzte Jahr mit dem Einstieg in den Sport hart wird. Ich kannte Biathlon nur aus dem Fernsehen und hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlt, wie die Wettkämpfe sich anfühlen, wie eine erste oder letzte Runde so ist. Ich wusste einfach nur, dass ich so viele Rennen wie möglich laufen muss, um herauszufinden, wo ich mich verbessern muss.“ Die Liste der Dinge, bei denen sie sich „verbessern muss“, „wird jeden Tag länger und länger. An jedem Trainingstag fällt mir etwas auf, dass ich verbessern will.“

Gründe für den Umstieg

Die Entscheidung, zum Biathlon zu wechseln, hatte Nilssons für ihren Karriere-Höhepunkt nicht geplant. „Ich war immer schon neugierig auf Biathlon. In Pyeongchang lag das Langlauf-Stadion direkt neben dem Biathlon-Stadion. Da habe ich mir gedacht, ‚Irgendwann muss ich Biathlon noch ausprobieren.‘ Ich habe mir nicht vor fünf Jahren überlegt, dass ich bis 2020 Langlauf mache und dann wechsle. Ich glaube, der Gedanke hat sich nach Pyeongchang und Seefeld im Jahr darauf entwickelt. Das waren so erfolgreiche Jahre und ich habe emotional so schöne Momente erlebt, dass ich nicht das Gefühl hatte, das noch übertreffen zu können. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Das war der Auslöser.“

Mit Leidenschaft „meinen Traum leben“ 

Die Reaktionen auf Nilssons Entscheidung waren positiv, vor allem in ihrem engsten Umfeld. Andere schüttelten aber auch den Kopf, vor allem weil sie ihre Motivation nicht verstanden. „Es war alles gut, aber viele Leute waren (betont sie) ÜBERRASCHT! ‚Was, ist das dein Ernst?‘ Aber in meinem engsten Umkreis haben alle gesagt: ‚Mach das. Das ist eine gute Sache.‘ Die, die mich nicht kennen und nicht wissen, was mich antreibt, sehen in mir vielleicht nur die erfolgreiche Langläuferin. Die haben gedacht, ich sollte das weitermachen, weil ich damit viel Geld verdienen kann und Sponsoren habe, bla bla bla. Geld hat mich noch nie motiviert. Für mich geht es um Leidenschaft. Mein Leben muss sich so anfühlen, als würde ich meinen Traum leben. Lange Zeit war das Langlauf, aber jetzt nicht mehr.“

Mannschaft und Trainerteam

Der warmherzige Empfang durch die neue Mannschaft und das Trainerteam vereinfachten den Wechsel „Die Biathlonfamilie hat mich unglaublich herzlich aufgenommen. Wir machen alles zusammen, und ich genieße die Situation sehr. Die Trainerinnen und Trainer sind so ruhig und geben mir so viel Kraft. Ich liebe dieses Umfeld, das sie geschaffen haben.“ Einen Trainer erwähnt sie besonders. „Jean-Marc (Chabloz). Er ist der Beste. Nach einem schlechten Tag will man manchmal sagen: ‚Ich kann das alles nicht, ich werde das nie können.‘ Es ist wirklich wertvoll, jemanden mit dem Blick fürs Ganze zu haben. Er weiß, dass ein Tag so laufen kann und der nächste ganz anders.“

Positive Weltcup-Erfahrung

Mit Blick zurück auf ihre Feuertaufe, die zwei BMW IBU Weltcupstarts in Östersund, erklärt die 28-Jährige: „Es war für mich wichtig, diese Erfahrung mitzunehmen, denn wenn ich jetzt noch mal die Chance auf einen Weltcupstart bekomme, habe ich das Debut schon hinter mir und weiß wie alles läuft. Das war echt gut, weil ich in der Woche davor (in Obertilliach) mit sieben Fehlern auf zehn Schuss so schlecht geschossen hatte. Ich kam nicht gerade mit viel Selbstvertrauen nach Östersund. Aber ich habe bei zehn Schuss nur einmal verfehlt, und das war so wichtig zu sehen: Ich kann eine richtig miese Woche haben, das hinter mir lassen und es dann viel besser machen.“

Zufrieden mit Fortschritten

Dieser 26. Platz in ihrem ersten Weltcup-Sprint (und der 22. in der Verfolgung) gaben ihr neues Selbstvertrauen. Nach weiteren sechs Monaten als Biathletin ist Nilsson „genau da, wo ich in meiner Biathlon-Entwicklung sein will. Solange ich noch das Gefühl habe, mich jeden Tag zu verbessern, bin ich mehr als zufrieden. Vielleicht mache ich heute einen Schritt nach vorn, morgen zwei, danach nur einen halben. Solange ich Fortschritte mache, bin ich zufrieden.“ 

Fotos: IBU/Jerry Kokesh, Harald Deubert, Christian Manzoni; Svensk Skidskytte/Per Danielsson

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