Ein letztes Hurra auf Simon Schempp

Zwei Monate bevor sein Mannschaftskollege Arnd Peiffer alle mit seinem Rücktritt überraschte, hängte Simon Schempp nach nur wenigen Wettkämpfen in der Saison 2020/21 seine Waffe an den Nagel. In den sozialen Medien schrieb er: „Ich habe schon länger gemerkt, dass mein Körper nicht mehr mitmacht… Ich konnte nicht mehr der Biathlet sein, der ich einmal war…. Ich kann diese Signale nicht mehr ignorieren.“ Doch er schlug noch einmal auf die Pauke und stand mit seiner Lebensgefährtin Franziska Preuss bei der World Team Challenge in Ruhpolding auf dem Treppchen.

Schempps Rücktritt ging ein langer Leidensweg voller Verletzungen und Ermüdungserscheinungen über die vergangenen drei Saisons voraus. Er blieb optimistisch und versuchte, seine Form und Fitness, die ihm 2017 den IBU Weltmeistertitel und 2018 olympisches Silber im Massenstart einbrachte, wiederzugewinnen.

Highlight in Hochfilzen

Für Schmepp ist das WM-Gold im Massenstart das Highlight seiner Karriere – zusammen mit einigen anderen besonderen Momenten. „Ich denke, das Massenstartgold 2017 in Hochfilzen ist mein persönliches Highlight. Auch mein erster Einzelsieg im Weltcup war etwas Besonderes. Nicht zu vergessen der Massenstart bei den Olympischen Spielen. Ich würde sie auf Platz 1, 2 und 3 einordnen. Hochfilzen war unglaublich, denn ich galt damals zum dritten oder vierten Mal als einer der Favoriten bei den Weltmeisterschaften und hatte vorher noch nie eine Einzelmedaille gewonnen. Der Druck war sehr hoch. Es war meine letzte Chance. Ich war überglücklich, mit vier fehlerfreien Schießeinlagen zu siegen.“

Chiemgau Arena: „Das Stadion ist wie mein Wohnzimmer“

Hinter seinen Top-3-Highlights kommt aber gleich Nummer vier: der Massenstartsieg im Fotofinish über Michal Slesingr und Quentin Fillon Maillet zu Hause in der Ruhpoldinger Chiemgau Arena. „Meine Heimat seit 13 Jahren. Ich hoffe, hier werde ich für den Rest meines Lebens bleiben. Das Stadion ist wie mein Wohnzimmer. Während meiner aktiven Karriere war ich fast jeden einzelnen Tag dort. Hier zu gewinnen, war etwas Besonderes. Es war so ein knappes Rennen. Fünf Athleten kämpften noch auf den letzten 500 Metern. Ein wahrer Thriller für die Zuschauer. Ich habe mich riesig über den Sieg gefreut… Vielleicht gehört er doch unter die Top 3!“

Erfolge in Antholz

Die Chiemgau Arena war sein Wohnzimmer, aber Antholz war sein Spielzimmer. Dort gewann Schempp dreo Sprints und zwei Verfolger zwischen 2013 und 2016. "Ich denke, die Streckenführung und die Höhenlage liegt mir. Diese beiden Dinge und der Schießstand machen es zu etwas Besonderem. Als ich nach Antholz kam, habe ich mich immer sehr selbstbewusst und ruhig am Schießstand gefühlt. Nicht nur in den Rennen, sondern auch im Training. (Er blieb in allen drei Sprints fehlerfrei.) Das ist meine Erklärung!“

Schempp war von seinem ersten internationalen Start beim Sprintsieg im IBU Junior Cup in Obertilliach im Dezember 2006 an erfolgreich. Er schlug damals Athleten wie Erik Lesser, Dominik Landertinger und Lukas Hofer. „Ich erinnere mich gut. Es gab nicht viel Schnee. Ich habe 2–0 geschossen und Christoph Stefan um 13,6 Sekunden geschlagen!“

Mentoren: Andi Birnbacher und Michael Greis

Schempp verdankt in den Anfängen seiner Karriere sehr viel zwei seiner Teamkollegen, die er als seine Mentoren bezeichnet. „Ich habe viel von Andi Birnbacher und Michael Greis gelernt. Ich zog als Juniorenathlet nach Ruhpolding. Ich wollte wegen dieser beiden Athleten dorthin. Ich wollte wissen, wie sie trainierten. Nach kurzer Zeit hatte ich das Gefühl, dass sie mich respektierten. Sie haben mir gezeigt, wie die Biathlonwelt funktioniert. Ich habe von ihnen viel über den Sport gelernt. Dafür bin ich sehr dankbar.“

„Der wichtigste Rat, den ich jemals bekommen habe, war: Arbeite, arbeite, arbeite. Trainiere, trainiere, trainiere. Deine Gegner wollen auch gewinnen. Sie werden dir den Sieg nicht einfach überlassen.“ Dieser Rat hat sich über die Jahre bewährt. Schempp blühte nach seinem IBU-Cup-Sieg auf und legte eine Karriere mit sieben IBU JJWM-Medaillen, drei Olympiamedaillen, 12 Einzelsiegen im BMW IBU Weltcup, 29 Staffel-/Mixed-Staffel-Treppchenplätzen und acht IBU Weltmeisterschaftsmedaillen, darunter auch das überraschende Gold im Massenstart 2017.

Optimismus

Seine harte Arbeitsmoral hab Schempp die Hoffnung, dass er auch in der BMW IBU Weltcupsaison 2020/21 wieder würde mithalten können. „Ich war zu Beginn der Vorbereitungen optimistisch. Nach der vorherigen Saison hatte ich schon über meinen Rücktritt nachgedacht, aber ich dachte, es wäre noch nicht ganz vorbei. Also schaute ich nach vorn. Ich hatte das Gefühl, ich könnte noch einmal das Niveau erreichen, das ich anstrebte. Aber nach einigen Trainingsmonaten hatte ich kein gutes Gefühl in sportlicher Hinsicht. Ich war auch nicht mehr so optimistisch, dass ich zurückkommen könnte. Und dann hatte ich das Gefühl, dies könnte meine letzte Saison sein.“

„Mein letztes Highlight“ mit Franzi

Schempp bestritt im ersten Trimester keine Wettkämpfe, trainiert aber weiter und hoffte, dass alles irgendwie zusammenkommen würde… Das geschah auch. Allerdings nicht, als er es erwartet hatte. An einem kalten Dezemberabend in der leeren Chiemgau Arena startete er zusammen mit Franzi Preuss bei der World Team Challenge und holte sich noch einmal einige unvergessliche Erinnerungen. Schempp blieb beim letzten Stehendschießen fehlerfrei und brachte das Team auf Platz zwei nach vorn. „Das war mein letztes gutes Rennen im Biathlon. Franzi und ich haben uns den zweiten Platz erkämpft. Mein letztes Highlight nach so vielen Jahren. Zuvor dachte ich, das wäre mein letztes Rennen im Biathlonzirkus, aber ich hatte Glück und qualifizierte ich mich für Oberhof.“

Zeit zu gehen“

In seinen letzten beiden Weltcuprennen in Oberhof war es klar ersichtlich: Nur ein Fehler in Sprint und Verfolgung, aber dennoch nur Rang 58 und 45. Doch es war kein trauriges Karriereende. „Ich hatte Glück, überhaupt diese Chance zu bekommen. Ich wusste, es war Zeit zu gehen… Ich fuhr nach Oberhof ohne jeglichen Erfolgsdruck. Ich wusste, ich hatte nicht gut genug trainiert. Mein Körpergefühl hatte sich über die letzten beiden Jahre nicht verändert. Ich war nicht fit. Als ich ankam, dachte ich: ‚Wenn es gut läuft, hatte ich wirklich Glück. Wenn nicht, weiß ich wenigstens, dass meine Entscheidung, meine Karriere zu beenden, richtig war.“

Danach habe ich nicht mehr viel überlegt. Ich habe nicht mehr darüber nachgedacht, ob ich die falsche Entscheidung getroffen habe. Ob ich noch ein Jahr Biathlon dranhängen sollte. Ich hatte Glück, diese Chance bekommen, und nicht nach der World Team Challenge aufgehört zu haben.“

„Nett, ruhig, ehrlich und glücklich“

Schempp beschrieb sich 2017 selbst mit diesen vier Worten. Sie passen auch jetzt noch gut zu ihm. Einige Monate nach seinem Rücktritt bereut Schempp nichts. „Ich bin glücklich. Ich vermisse nichts. Ich schaue zufrieden auf meine Karriere zurück. Es lief nicht alles traumhaft, aber hätte mir jemand gesagt, als ich mit 12 oder 13 Jahren meine ersten Biathlonrennen bestritten habe, dass ich einmal WM- und Olympiamedaillen gewinnen würde, hätte ich ihm nicht geglaubt. Ich habe viel erreicht und für die nächsten Schritte in meinem Leben viel Erfahrung gesammelt. Ich habe neue Ziele. Es ist wichtig, sich neue Ziele zu setzen und sie anzusteuern.“ 

Studieren

Sein neues Ziel, das ihn einmal in die Wirtschaftswelt führen soll, schickte Schempp erst einmal zurück auf die Schulbank. „Ich studiere jetzt, um Wirtschaftsingenieur zu werden. So sieht mein Leben in den kommenden Monaten aus. Es ist sehr interessant, aber auch anstrengend. Ich habe vor 13 Jahren die Schule beendet, also muss ich mein Gehirn erst einmal wieder ankurbeln. Mein Ziel ist es, im Herbst mit Betriebswirtschaft in einem dualen Studium zu beginnen. Auf lange Sicht möchte ich ein eigenes Unternehmen haben und das mit Sport kombinieren. Ich möchte auf keinen Fall Trainer werden.“

Rat: „Eine Karriere wie Martin!“

Schempp lacht, als wir ihn nach einem Ratschlag für die kommende Biathlongeneration fragen. „Wenn man sich seine Biathlontraumkarriere vorstellt, dann sieht sie wahrscheinlich so aus wie die von (seinem Langzeitfreund) Martin (Fourcade) oder Ole (Einar Björndalen). Meine Karriere war auch gut. Ich bin sehr zufrieden mit allem, was ich erreicht habe. Aber wenn ich noch einmal die Wahl habe, dann möchte ich eine Karriere wie Martin!“

Photos: IBU/Christian Manzoni, Evgeny Tumashov, Harald Deubert, Rene Miko, Ernst Wukits

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