Bundestrainerin Sandra Flunger: „Ich liebe es, Teams weiterzuentwickeln“
Sandra Flunger hat die Schweizerinnen auf ein neues Level gehoben. Doch nach acht Jahren im Dienst des eidgenössischen Verbandes war sie auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Nun gibt sie ihre Expertise in Sachen Schießen und Teambuilding an die deutschen Frauen weiter. Sechs Monate nach ihrem Amtsantritt zeigt sich Flunger vor Beginn der neuen Saison 2026/27 vom jungen, talentierten DSV-Team begeistert.
Neue Farben, neues Glück
Sandra Flunger kommt in ein Team, das zu den erfolgreichsten in der Geschichte zählt und in dem die Erwartungshaltung immer sehr hoch ist. „Für mich war das anfangs etwas komisch. Ich habe lange Zeit in der Schweiz gearbeitet, da ging es sehr familiär zu. Nach meinem Wechsel nach Deutschland musste ich mich etwas umstellen. Doch der Deutsche Skiverband hat mir den Einstieg leichtgemacht. Der Start mit dem Team hat auf Anhieb geklappt – mit viel Arbeit und vielen Gesprächen. Es war nur eigenartig, nicht mehr Rot und Weiß zu tragen.“
Potenziale erkennen und Verbesserungen herauskitzeln
Besonders reizvoll findet Flunger das Potenzial im deutschen Team. Neben jungen Talenten wie Julia Tannheimer oder Selina Grotian hat sie auch erfahrene Athletinnen wie Janina Hettich-Walz oder Vanessa Voigt im Kader. „Ich war begeistert, als ich die Namen und ihr jeweiliges Alter gesehen habe, da ich wusste, dass wir eine Weile zusammenarbeiten werden. Ich liebe es, ein Team zu verbessern. Das bezieht sich nicht nur auf die Talente, sondern auch auf die guten, erfahrenen Athletinnen. Ich hoffe, dass sich am Ende alles ausgehen wird.“
Kennenlernen als Erfolgsrezept
Für die neue Trainerin ist es für den Teamerfolg besonders wichtig, die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet, gut zu kennen. „Das Spannendste an einer neuen Aufgabe ist es, neue Menschen kennenzulernen. Das geschieht nicht in einer Woche. Dafür braucht man mindestens ein Jahr. Man muss sich in verschiedenen Situationen erlebt haben, um sich gegenseitig kennenzulernen. Das gilt nicht nur für mich und mein Trainerteam, sondern auch für die Athletinnen. Sie sollen sich bei uns wohlfühlen. Das Kennenlernen der Athletinnen ist die größte Herausforderung als Coach. Man will herausfinden, wie sie denken und wie ihr Körper funktioniert. Dieser Prozess verleiht mir viel Energie. Es ist ein Neustart mit neuen Menschen. Es gibt jeden Tag eine Situation, in der man auf etwas Unerwartetes trifft und etwas Neues lernt.“
Flunger spürt, welche Fortschritte das Team über den Sommer hinweg gemacht hat. „Einige Athletinnen haben größere Fortschritte erzielt. Das bedeutet aber nicht, dass es in den nächsten anderthalb Monaten so weitergeht. Für den Moment fühlt sich alles ziemlich gut an. Aber noch steht nicht fest, wer im Weltcup an den Start gehen wird. Nur Voigt, Hettich-Walz und Tannheimer sind vorab qualifiziert. Drei Plätze sind noch offen.“
Kalkulierbare Risiken am Schießstand
Die gebürtige Österreicherin ist als Schießexpertin bekannt und hat den Fokus im Sommer auf schnelle, saubere Serien gerichtet, die für Erfolge im Weltcup immer wichtiger sind. „Es gibt viele Athletinnen, die schnell und sauber schießen. Dieses Level wollen wir auch erreichen. Daran arbeiten wir intensiv. Ich mag es, wenn es am Schießstand zur Sache geht und die Athletinnen ein gewisses Risiko eingehen, auch wenn das vielleicht eine Strafrunde bedeutet. Doch das ist in meinen Augen besser, als 40 Sekunden auf der Matte zu stehen. Man darf Risiken eingehen, doch es muss ein kalkulierbares Risiko sein. Ich weiß noch nicht genau, wie sich das in den Rennen auswirken wird, denn im Training ist natürlich alles einfacher. Trotzdem besteht unser Ziel darin, schnell und sauber zu schießen!“
Lob für Hettich-Walz
Flunger setzt in diesem Winter große Hoffnungen auf die dreifache deutsche Meisterin Janina Hettich-Walz. Die Trainerin lobt sie als Athletin und als Mutter: „Es ist schön zu sehen, wie sie den Spagat zwischen Training und ihrer Mutterrolle trotz unserer hohen Ziele wunderbar meistert. Sie ist ein echtes Vorbild und ihre harte Arbeit wird sich auszahlen. Ich bin überzeugt, dass sie in diesem Winter großartige Rennen abliefern wird.“
Hoffnung auf Podestplatzierungen
In ihrer ersten Saison als Cheftrainerin der deutschen Frauen richtet Flunger ihren Fokus vor allem auf die Fortschritte. Dazu zählen auch Podestplatzierungen. „Das erste Jahr nach den Olympischen Spielen ist meist ein Neuanfang. Für uns noch ein wenig mehr, da das Trainerteam neu ist. Wir lernen uns von Tag zu Tag besser kennen. Es ist noch schwer, klare Ziele zu formulieren. Daher konzentrieren wir uns zunächst auf unsere tägliche Arbeit und wollen alle Fähigkeiten, die gute Biathletinnen auszeichnen, verbessern. Wir werden sehen, was am Ende dabei herauskommt. Ein paar Podestplatzierungen wären natürlich schön.“
Fotos: IBU/Christian Manzoni, Nordic Focus