Neue Gewehre für eine neue Saison

Der Umstieg auf ein neues Gewehr ist für Biathleten ein großer Schritt, den sie nicht leichtfertig gehen, sind doch Treffer am Schießstand die halbe Miete in diesem Sport. Und trotzdem ist es unvermeidlich, dass der Gewehrschaft von Zeit zu Zeit getauscht oder angepasst wird, wie bei Sturla Holm Laegreid, dessen bisheriger Schaft einfach „alt und abgenutzt“ war.

Früh anfangen

Die meisten Gewehre werden im Frühjahr getauscht, bevor das Training wieder beginnt. Die Entscheidung dafür fällt schon deutlich früher. Der schwedische Cheftrainer Johannes Lukas erklärt: „In der Saison sammelt man viele Daten zu Trefferquoten und Schießzeiten. Man sieht auch bei anderen Athletinnen und Athleten viel und kommt auf neue Ideen. Dann muss man Veränderungen auch ausführlich testen, also ist es immer gut, das früh in der Saison anzugehen. ... Wenn es eine große Veränderung ist, braucht man ein paar Monate. Wir haben im August Schwedische Meisterschaften, da können wir sehen, wie es in Rennsituationen funktioniert.“

Der finnische Cheftrainer Jonne Kähkönen sieht das ähnlich, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. „Viele Veränderungen gehören einfach zum nötigen Feinschliff dazu, mit dem man für die nächste Saison besser aufgestellt ist. Das ist jetzt die richtige Zeit dafür. Es braucht eine Weile, damit sich Veränderungen einstellen. Wenn man einen neuen Gewehrschaft bauen lässt, muss man damit erstmal eine Menge Schüsse abgeben und dann noch mal nachbessern. Ich habe immer gesagt, dass die ersten drei Trainingsphasen dafür die richtige Zeit sind und dass man Ende August mit dem Experimentieren fertig sein sollte. Dann hat man noch genug Zeit, um vor der Saison die nötige Routine reinzubringen.“

Maßgefertigte Einzelstücke, perfekt angepasst

Der Weg zu einem neuen Gewehrschaft ist dabei nicht ganz so unkompliziert wie der zu einem neuen Toaster. Es ist eher so, dass es mindestens zehn verschiedene Typen gibt und man den Schaft auswählen muss, der einem gefällt, der passt, und den man sich auch noch leisten kann. Biathlonwaffen haben grundsätzlich einen Standardschaft, den aber nach den ersten Jahren nur noch Wenige verwenden. Die Gewehrschäfte sind maßgefertigte Einzelstücke, die von talentierten Meistern des Fachs gefertigt werden, darunter der Italiener Rudolf Bachmann, der mit Carbonfasern arbeitet, der Franzose Franck Badiou, der überwiegend verschiedene Hölzer und Verbundmaterialien einsetzt und Clement Jacquelin, der 3D-gedruckte Schäfte herstellt. Die Auswahl des Waffentyps, des Waffenbauers, das Maßnehmen und das Erörtern der individuellen Bedürfnisse sind Teil des Prozesses. In jedem Gewehr stecken schon Dutzende Stunden Arbeit, bevor eine Athletin oder ein Athlet damit den ersten Schuss abgibt. Badiou, der am Glas stand als Martin Fourcade in Pyeongchang eine Goldmedaille nach der anderen absahnte, sagte einmal in einem Interview, er investiere „etwa 50 Stunden (Handarbeit), dann testet der Athlet ihn ein paar Tage. Nach ungefähr 10 weiteren Stunden Feinschliff ist man dann fertig.“ Nachdem er Dorothea Wierer ihren neuen schwarzen Gewehrschaft geliefert hatte, konnte man Bachmann bei dieser Arbeit während des Trainings in Antholz beobachten.

Mentaler Aspekt

Der Tausch des Gewehrschafts ist ein Teil des Prozesses, der andere Teil ist die mentale Umstellung und der Zugewinn an Selbstsicherheit durch den Wechsel. Lukas dazu: „Das Mentale ist ein ganz entscheidender Aspekt. Wenn man lange mit demselben Schaft schießt und eine schlechte Phase hat, dann will man etwas Neues. Wenn man seine Position im Stehendanschlag verbessern will, kann auch dabei ein neuer Schaft manchmal helfen. Aber der mentale Aspekt macht wirklich viel aus.“

Nastassias neuer Schaft gibt Selbstsicherheit

Nastassia Kinnunen, die nach mehreren Jahren Elternzeit und einem Umzug aus Belarus nach Finnland zum Biathlon zurückkehrt, stieg in diesem Frühjahr auf eine neue Waffe um. Ihr gab der Wechsel neue Sicherheit am Schießstand. „Es war Teil meines Plans für den Wiedereinstieg. Ich hatte auf eine Waffe eines deutschen Meisters im Waffenbau aus Oberhof gehofft, aber dann kam Corona dazwischen. Ich habe mich für die französische Waffe entschieden, weil man sie ganz unkompliziert anpassen kann. Ich bin damit sehr zufrieden, weil ich jetzt genug Länge für meinen linken Arm habe und nicht mehr das Gefühl habe, die Waffe mit jedem Muskel zu halten. Ich habe das Design angepasst, aber da ist noch viel möglich. Die Trainerinnen und Trainer machen immer noch kleine Anpassungen. ... Heute stehe ich sicher da, und das stimmt mich zuversichtlich, dass ich eine gute Schützin sein kann.“

„Das Gleiche auf eine neue Art erreichen“

Die Philosophie, die dem Waffenwechsel zugrunde liegt, hat viel mit Innovation zu tun. Kähkönen erklärt, dass das ewige Streben nach Perfektion dahinter steckt. „Wir versuchen immer wieder, das Gleiche auf eine neue Art erreichen: Gewicht und Balance der Waffe, bei einem 3D-Schaft gibt es vielleicht noch mehr Optionen als bei traditionellen Holzschäften, die gewünschten Änderungen zu machen. Vielleicht liegt darin die Zukunft, aber als Trainer will ich natürlich immer erst den Beweis sehen (dass das besser ist). Mit einem traditionellen Holzschaft muss man vorsichtig sein, weil der nach ein paar Jahren in Wind und Wetter mürbe wird und schneller bricht.“

Sturlas brandneue, viel coolere Waffe

Der Shooting Star der letzten Saison Sturla Holm Laegreid gewann viermal Gold bei den IBU Weltmeisterschaften und hatte eine Trefferquote von 92 %. Bei seinem neuen Gewehrschaft ging es nicht so sehr um Innovation, sondern mehr um Kontinuität. „Vor der Saison wusste ich, dass ich einen neuen Schaft brauche, weil der alte verschlissen war. Der neue ist im Grunde eine Kopie. Wir haben versucht, den alten möglichst genau nachzubauen, auch wenn das nie zu 100 % klappt. Aber der Anschlag fühlt sich ähnlich an. ... Bis jetzt bin ich sehr zufrieden! Die neue Waffe ist wie die alte, nur eben brandneu und viel cooler!“

Feinschliff, „Work in Progress“

Aber nicht immer geht es um eine komplett neue Waffe. Bei vielen Athletinnen und Athleten geht es, wie der finnische Trainer sagt, „um den Feinschliff. Meistens sind es kleine Veränderungen am Aufbau oder an der Sicht: ein neuer Korntunnel, oder Lochkörner mit größerem Durchmesser für einen neuen Reiz (wie mehr Licht um die Scheibe).“

An diesem Punkt steht die Französin Justine Braisaz gerade: Sie arbeitet an diesen kleinen Details. Ein Bild, das sie beim Anpassen der Diopterposition im Training zeigt, betitelte sie mit „Work in Progress“.

Auch Lukas‘ schwedische Mannschaft tüftelt an den Gewehren. „Bei uns gibt es eine Reihe von Leuten, die etwas Neues ausprobieren, wie einen neuen Griff oder eine Handstütze. Wenn man gute Ideen hat, sollte man sie zumindest ausprobieren. Aber man muss auch vorher festlegen, wann man endgültig entscheidet, ob man dabei bleibt oder zur bewährten Konfiguration zurückkehrt.“

Selbst Laegreid mit seiner neuen/alten Waffe hat an den Feinheiten geschraubt und „neue Teile am Vorbau, am Nachlademechanismus und an den Magazinen eingebaut, aber das sind Kleinigkeiten.“

„Wenn man zufrieden ist, so weitermachen“

Gewehrwechsel in einer olympischen oder auch jeder anderen Saison können ganz unterschiedlich ausfallen, vom kompletten Neuanfang wie Kinnunen ihn brauchte über Laegreids fast perfekten Klon bis hin zu Justine Braisaz Bouchets „Work in Progress“. Lukas mahnte noch einmal zur Vorsicht in einer wichtigen Saison, wenn Veränderungen nicht unbedingt notwendig sind. „In einer Olympiasaison werden nicht viele Athletinnen und Athleten große Veränderungen vornehmen, wenn in der Voraison alles gut geklappt hat. Wenn man meint, dass der eigene Schaft nicht der beste ist, dann sollte man einen neuen wenigstens ausprobieren. Wenn man mit allem zufrieden ist, sollte man so weitermachen. Sonst ist die Gefahr zu groß, dass man etwas verschlimmbessert.“

Photos: IBU/Christian Manzoni, Nastassia Kinnunen, Sturla Holm Laegreid, Justine Braisaz, Biathlon Antholz Facebook

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