Neue Trainer, neue Energie: Italiens Frauen starten in ein neues Kapitel, beflügelt von neuen Ideen und einer zurückkehrenden Legende

Mit der Rückkehr von Lisa Vittozzi ins Team und Egil Gjelland an der Spitze stellen sich Italiens Frauen neu auf – und finden eine neue Balance zwischen harter Arbeit und Spaß.

An jenem Dienstagmorgen Anfang August herrschte im Biathlonstadion von Antholz-Anterselva eine erstaunliche Stille – eine Stille, die Biathlonfans von diesem Austragungsort nicht gewohnt sind, an dem erst sechs Monate zuvor die Olympiasieger gekürt und Dorothea Wierer verabschiedet worden waren. Nur vier Frauen und zwei Trainer gingen zum Schießstand unter den olympischen Ringen, und schon bald erfüllten ihre Stimmen, ihr Lachen und ihre Schüsse den Raum mit neuer Energie. Auf Bahn eins schossen Vittozzi und drei junge Hoffnungsträger des italienischen Biathlons, Hannah Auchentaller, Rebecca Passler und Martina Trabucchi, ihre Gewehre ein, während Egil Gjelland, der neue Cheftrainer der Damenmannschaft, und Edoardo Mezzaro zuschauten. Die Trainingseinheit war hart: Sprint bergauf kombiniert mit Schießen. Für die Höhenlage und die frühe Stunde war es recht warm, aber die gute Stimmung war ansteckend. Während einer der kurzen Pausen sorgte Vittozzi dafür, dass alle genug Zucker zu sich nahmen, und bot allen, auch den Trainern und Biathlonworld, Süßigkeiten an. Diese entspannte Atmosphäre selbst während einer der härtesten Einheiten des Trainingslagers spiegelte sich in den Aussagen wider, die wir im Laufe des Tages gesammelt haben.

Ein Neuanfang

„Der Sommer ist bisher sehr gut verlaufen“, meinte Auchentaller, nachdem sie zur „Maso“ (Berghütte) zurückgekehrt waren, in der das Team in Antholz immer unterkommt. Der Koch hatte ein köstliches Mittagessen zubereitet, und sie deckten den Tisch draußen. „Wir befanden uns in einer neuen Situation und wussten anfangs nicht, wer als Schieß- und Konditionstrainer zu uns kommen würde. Aber wir hatten großes Glück: Die Chemie hat sofort gestimmt! Wir arbeiten wirklich gut zusammen und geben alles. Bislang läuft alles gut und hoffentlich bleibt es auch so.“

Mezzaro, der Vittozzi bei ihrem Solo-Comeback im vergangenen Sommer begleitet hatte, pflichtete seiner Athletin bei, während er sie bei einer gemeinsam Partie Tischfußball mit Passler beobachtete:

„Ein eher kleines Team zu haben, macht die Organisation in gewisser Weise einfacher. Die Mädels scheinen sich sehr gut zusammengefunden zu haben und arbeiten gut zusammen. Daher würde ich sagen, dass bisher alles wirklich gut läuft.“

Lisas Rückkehr ins Team

Nachdem sie für ihr Land Geschichte geschrieben hatte und als erste italienische Biathletin überhaupt eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewonnen hatte, war sich Lisa Vittozzi nicht sicher, ob sie nach den Heimspielen noch weiter an Wettkämpfen teilnehmen würde. Doch die 31-Jährige wirkte beim Training auf demselben Schießstand, auf dem sie sich ihren Lebenstraum erfüllt hatte, so fit wie eh und je:

„Ich bin immer noch hier, weil ich glaube, dass ich dem Biathlon und mir selbst noch etwas geben kann“, erklärte sie. „Die Motivation ist also nach wie vor da. Ich gewinne immer noch gerne – eigentlich mag ich nichts lieber! Deshalb werde ich versuchen, es Saison für Saison zu genießen. Ich möchte einfach Spaß bei dem haben, was ich kann, und natürlich werde ich nicht gern Zweite, also werde ich es weiter versuchen.“

Mit ihrer Rückkehr ins Team bringt Vittozzi mehr als nur ihre Erfahrung und ihr Vorbild mit, und Auchentaller erklärte, wie sehr sich das gesamte Team darüber gefreut habe:

„Wir haben alle gehofft, dass Lisa ins Team zurückkehren würde, denn sie ist ein Vorbild für uns und kann uns so viel beibringen. Deshalb freuen wir uns wirklich sehr darüber, und ich glaube, sie freut sich auch. Wir haben super zusammengefunden und haben Spaß miteinander, was entscheidend ist.“

Für Vittozzi war es eine große Umstellung, nach dem Einzeltraining wieder in ein Team zurückzukehren, doch die neue Situation erweist sich für sie bereits als Motivationsquelle:

„Letztes Jahr sah mein Programm ganz anders aus und ich habe alleine trainiert, daher war alles anders. Es gab sicherlich positive Aspekte, aber auch negative, zum Beispiel das ständige Alleinsein. Daher war die Rückkehr in die Gruppe für mich positiv. Ich habe das Gefühl, dass nicht mehr alles auf meinen Schultern lastet. Gleichzeitig fühle ich mich nicht anders als die anderen – ich fühle mich als Teil der Gruppe, und das ist wirklich schön.“

Ein neuer Ansatz aus Norwegen

Eine der größten Veränderungen im Team ist Egil Gjelland. Der Norweger ist Olympiasieger von Salt Lake City 2002 und hat im Laufe der Jahre zahlreiche Mannschaften trainiert.

„Abgesehen von der großen Erfahrung, die er im Laufe seiner Karriere durch die Arbeit mit verschiedenen Teams gesammelt hat, verfolgt Egil einen völlig anderen Ansatz als den, den wir in Italien in den letzten Jahren gewohnt waren“, erklärte Mezzaro. „Eine etwas andere Sichtweise, die meiner Meinung nach genau das sein könnte, wonach wir gesucht haben, um in diesem Winter den entscheidenden Schritt nach vorne zu machen.“

Genau solche Veränderungen beflügeln die Motivation für jemanden wie Vittozzi, die schon seit vielen Jahren in diesem Sport aktiv ist:

„Ich mag neue Herausforderungen, vor allem, weil ich mich sofort gut mit Egil verstanden habe. Ich glaube, er ist sehr gut vorbereitet, und ich schätze ihn, weil seine Herangehensweise anders ist als das, was wir gewohnt sind. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht, obwohl ich im Training bereits viele Fortschritte sehe. Daher bin ich sehr zuversichtlich.“

Für Auchentaller geht es auch um die Chemie im Team, wobei Trainer und Athleten gleichermaßen die Balance zwischen harter Arbeit und Spaß finden müssen:

„Wir hatten großes Glück, denn es ist immer eine neue Situation, wenn die Trainer wechseln. Man weiß nie, wie lange es dauern wird, bis man sich aneinander gewöhnt hat. Aber wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Das Team funktioniert, die Zusammenarbeit funktioniert. Wir haben viel Spaß, aber wenn es ernst wird, geben wir alles. Wir alle wollen wirklich gut sein, uns verbessern und zeigen, was in uns steckt.“

Hart arbeiten, dann abschalten

Wie wir im Laufe des Tages beobachten konnten, traf sich das Team nach den langen Stunden intensiven Trainings am Vormittag und einer leichteren, aber dennoch wertvollen Trainingseinheit am Nachmittag, bei der die Athleten frei zwischen Laufen, Skilaufen und Radfahren wählen konnten, am Abend zum Grillen, weiteren Tischfußballrunden und viel Gelächter.

„Wenn die Pflicht ruft, gibt es keine Ausreden“, erklärte Auchentaller. „Wenn wir mit dem Training fertig sind, ist es auch an der Zeit, ein wenig abzuschalten, Spaß zu haben, Zeit miteinander zu verbringen, zu lachen, Witze zu machen und herumzualbern, wie es sich gehört. So tankt man neue Energie für das bevorstehende Training.“

Auch das schätzen die Trainer sehr, und Mezzaro sieht das mit einem Lächeln:

„Außerhalb des Trainings geht es vor allem um Erholung. Wenn ein Sportler nicht trainiert, muss er sich erholen. Aber wir haben auch etwas Spielraum für andere Aktivitäten. Manchmal endet eine Erholungseinheit auch mit einem gemeinsamen Eisessen, oder abends spielen die Mädels oft Brettspiele. Das ist sehr positiv für die Gruppe.“

Mit den Olympischen Spielen im eigenen Land mag ein Kapitel für den italienischen Biathlon abgeschlossen sein, doch in Antholz war von einem Ende kaum etwas zu spüren. Stattdessen lernt unter den olympischen Ringen eine neue Generation, Lisa Vittozzi genießt es, wieder unter ihren Teamkolleginnen zu sein, und ein neues Trainerteam versucht, etwas Eigenes aufzubauen. Es liegt noch viel Arbeit vor ihnen, aber dieser Tag lässt vermuten, dass sie dabei auch jede Menge Spaß haben werden.

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