Erst Teamkollegen, jetzt Trainer: Šlesingr und Moravec schlagen gemeinsam ein neues Kapitel auf
Sie wuchsen am selben Ort auf, besuchten dieselben Schulen und lernten auf denselben verschneiten Loipen Skifahren. Fast zwei Jahrzehnte lang waren Ondřej Moravec und Michal Šlesingr Teamkollegen, Rivalen, Freunde – und zwei der prägenden Persönlichkeiten des tschechischen Biathlons.
Nun stehen sie wieder auf derselben Seite der Loipe. Nur tragen sie diesmal keine Gewehre. Sie tragen Verantwortung für die nächste Generation.
Ihre gemeinsame Geschichte begann in Letohrad, einer kleinen tschechischen Stadt und einem Zentrum für junge Biathlontalente. Dort begannen beide in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre als Teenager mit dem Sport. Šlesingr gab 2002 sein Weltcup-Debüt, Moravec ein Jahr später. Beide gehörten 18 Jahre lang zur Weltspitze, gewannen Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sowie Weltcuprennen. Gemeinsam holten sie außerdem 2015 bei den Weltmeisterschaften in Kontiolahti Gold in der Mixed-Staffel.
Doch sie waren nie einfach nur nur Teamkollegen.
„Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Als wir jung waren, waren wir einfach Freunde, die zum Spaß Sport gemacht haben. Mit der Zeit entwickelte sich daraus aber auch eine gewisse Rivalität. Wir waren Kollegen, aber als wir in bestimmten Phasen unserer Karriere beide große Erfolge feierten, herrschte natürlich auch Rivalität“, erinnert sich Moravec.
Sie beendeten ihre Karrieren im Abstand von nur einem Jahr während der Corona-Pandemie auf heimischem Boden. Danach gingen sie zunächst getrennte Wege: Moravec wechselte 2024 ins Trainerfach, während Šlesingr als technischer Koordinator im tschechischen Biathlon tätig war, bevor er in dieser Saison als Trainer zum A-Team der Männer stieß.
Eine Partnerschaft voller Vertrauen
Mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem gemeinsamen Einstieg stehen Moravec und Šlesingr nicht mehr zusammen an der Startlinie, sondern gehören nun demselben Trainerstab an. Ihre Rollen sind neu – die Vertrautheit zwischen ihnen ist es nicht.
Šlesingr war überrascht, wie schnell Moravec in seine neue Aufgabe als Trainer hineingewachsen ist.
„So wie er früher die Dinge sehr genau und direkt angegangen ist und hundert Prozent in Biathlon investiert hat, so ist er als Trainer. Man sieht, wie viel Knowhow er in den vergangenen Jahren erworben hat.“
Für Moravec, der bereits in seine dritte Saison als Trainer geht, war der Übergang wie selbstverständlich, da er jemanden an seiner Seite hatte, den er fast sein ganzes Leben kennt.
„Ich wusste sehr genau, mit wem ich es zu tun hatte. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht. Und obwohl Michal in dieser speziellen Rolle noch keine Erfahrung hatte, findet er allmählich seinen Weg – und es funktioniert sehr gut.“
Von den Athleten lernen, die sie selbst einmal waren
Die Arbeit mit der nächsten Generation führt die beiden auch immer wieder zu ihrem eigenen jüngeren Ich zurück. Sie erkennen die Ungeduld, die Fehler – und die Momente, in denen gute Ratschläge einfach nicht gehört werden.
„Man erinnert sich daran, wie es war, als man selbst jung und unerfahren war, manchmal auch ungestüm, und die Trainer einem Ratschläge gegeben haben. Wir haben damals auch nicht zugehört – und das passiert heute immer noch“, sagt Moravec.
Diese Erfahrung hat seine Art als Trainer verändert. „Als ich 2024 angefangen habe, dachte ich, ich könnte die Athleten verändern. Aber das geht nicht. Man muss sich selbst bis zu einem gewissen Grad anpassen. Es geht nicht darum, sie zu verändern, sondern darum, den richtigen Weg und das richtige Gleichgewicht zu finden.“
Dieses Gleichgewicht zeigt sich auch darin, wie die beiden Trainer ihre Athleten betrachten. Sie mögen unterschiedliche Persönlichkeiten sein, doch ihre Jahre im Biathlon – und die unzähligen Gespräche, die daraus entstanden sind – haben ihnen eine ähnliche Sichtweise vermittelt.
„Wir unterscheiden uns charakterlich, aber ich denke, unsere Sicht auf die Athleten ist ziemlich ähnlich. Wir unterscheiden uns nur im Hinblick auf Details. Wir haben viel über die Athleten gesprochen und verstehen die Sichtweise des jeweils anderen“, ergänzt Šlesingr.
Nun sind ihre gemeinsamen Jahre ein Teil dessen, was sie in ihre Arbeit einbringen.
Die beiden Jungen aus Letohrad gestalten heute vom Rand der Loipe aus die Zukunft des tschechischen Biathlons mit.
Doch ihre Partnerschaft geht weiter – für diejenigen, die nach ihnen kommen.
Fotos: Czech Biathlon & IBU Photopool