„Ich hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen“ – Lisa Hauser über das Leben ohne Biathlon und wie es weitergeht
Lisa Hauser, Österreichs erfolgreichste Biathletin aller Zeiten, hat ihre Karriere vor fünf Monaten in Oslo beendet. Nachdem sie das Gewehr an den berühmten Nagel gehängt hat, sagte sie: „Ich habe meinen ersten Frühling und Sommer ohne Biathlon-Training in vollen Zügen genossen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich habe versucht, viele Dinge zu tun, die ich in den letzten Jahren einfach nicht tun konnte.“
Seit Lisa Hauser im Alter von 16 mit dem Biathlon begann, war ihr Alltag stark vom Rhythmus „Essen, Schlafen, Trainieren“ geprägt. Raum für andere Dinge gab es kaum. Nach insgesamt 387 Starts im Weltcup, einem WM-Titel, elf Podestplatzierungen in der Single-Mixed-Staffel, Siegen in jeder Einzeldisziplin sowie der Teilnahme an vier Olympischen Winterspielen ist in ihrem Leben nun ein neuer Rhythmus eingekehrt.
„Vermisse die zwei Trainingseinheiten pro Tag nicht“
Als der inoffizielle Trainingsstart am 1. Mai heran war, vermisste Hauser absolut nichts. „Ich war wirklich nicht traurig, dass ich im Mai nicht wieder mit dem Training anfangen musste. Die ersten zwei, drei Monate hatte ich keine richtige Motivation, um Sport zu machen. Für mich galt eher:
Ich muss es nicht mehr machen, also mache ich es auch nicht! Jetzt ist die Motivation langsam zurückgekehrt. Ich mache gern Sport mit Freunden, fahre Rad oder gehe in den Bergen wandern. Aber die zwei Trainingseinheiten pro Tag vermisse ich nicht. Vielmehr genieße ich es, meinen Tag frei gestalten zu können.“
„Habe solche Zeiten vermisst“
In diesem Frühjahr bemerkte die 32-Jährige einen großen Unterschied zwischen ihrem „neuen“ Leben und ihrer Zeit als Athletin: „Während meiner Biathlon-Karriere hatte ich nie das Gefühl, etwas zu verpassen. Doch in diesem Sommer, als wir mit dem Rad unterwegs waren, irgendwo Halt machten und Freunde getroffen haben, hatte ich keinen Zeitdruck, um zur nächsten Trainingseinheit wieder zu Hause zu sein. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass ich solche Zeiten vermisst habe. Dieses Gefühl war neu für mich, da ich sehr gern Biathletin war. Jetzt, ohne den Biathlon, habe ich mehr Freizeit und mehr Zeit für Freunde.“
Entspannte Reise zur Tour de France
Ohne das Training geriet auch ein kurzer Trip zur Tour de France im Juli zu einer wunderbaren Erfahrung für die Österreicherin: „In diesem Sommer sind wir zum zweiten Mal zur Tour de France gefahren. Diesmal war es viel einfacher und entspannter als beim ersten Mal, da für mich kein Training anstand. Ich habe es wirklich genossen, nach Alpe d‘Huez und zum Col du Galibier hinaufzufahren. Ich liebe die französischen Berge. Es ist so cool dort, inklusive Camping. Die Menschenmassen und die Atmosphäre sind einfach gigantisch.“
„Vermisse die Leute“
Obwohl sie dem straffen Trainingsprogramm keine Träne nachweint, vermisst Lisa „die Leute und die Rennen. In den letzten 14 Jahren im Weltcup habe ich so viele tolle Menschen kennengelernt. Ich denke oft an die Schweizer Mädels, mit denen ich in den letzten Jahren viel trainiert habe. Das ist die Kehrseite, wenn man aufhört.“
Zu den Menschen, die sie vermisst, gehört auch die neue Trainerin der deutschen Frauen, Sandra Flunger: „Sie war wichtig für mich, da sie mich mit 17 zum Biathlon gebracht hat. Sie und Alfred Eder haben mich immer unterstützt – in guten wie in schlechten Zeiten. Es ist schon komisch, da wir fast täglich zusammen waren. Vor wenigen Tagen habe ich zum ersten Mal seit meinem Rücktritt mit ihr gesprochen.“
Letztes großes Ziel: Sieg in der Verfolgung
In der Rückschau auf ihre Karriere sticht vor allem ihr letzter Sieg im vergangenen Dezember bei der Verfolgung in Östersund heraus. „Mein letzter Sieg war drei Jahre zuvor in Le Grand Bornand. Ich habe es öffentlich zwar nie gesagt, doch mein letztes großes Ziel war ein Sieg in der Verfolgung. Wenn ich nur noch ein Rennen gewinnen könnte, dann sollte es in der Verfolgung sein. Als ich das geschafft hatte, war das wirklich ein ganz besonderes Gefühl.“
Zukunft nach dem Biathlon
Mit Blick auf ihre Zukunft nach dem Biathlon hat sich die Österreicherin noch nicht festgelegt, verspürt in dieser Hinsicht aber keinen Druck. „Mein Wehrdienst endet am 31. August. Danach muss ich etwas Neues finden, das mir gefällt. Ich weiß noch nicht, in welche Richtung ich gehen will. Da brauche ich noch etwas Zeit, um mir klare Gedanken zu machen. Stand jetzt weiß ich noch nicht, was ich in einem Jahr tun werde.“
Beim Rückblick auf ihre Karriere wurde sie etwas wehmütig: „Ich war 16, als ich mit dem Biathlon begann. Alles war neu für mich – das Schießen, das Team. Ich hätte nie gedacht, dass ich meine Karriere derart erfolgreich beenden würde. Ich bin wirklich dankbar für meine Profilaufbahn. Um erfolgreich zu sein, gehört auch eine Portion Glück dazu und Menschen, die hinter dir stehen.“
„Ich bin wirklich überrascht, dass ich in meiner Karriere so weit gekommen bin. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass ich wirklich eine erfolgreiche Zeit hatte. Als Athletin macht man sich darüber nie so viele Gedanken.“
Doch nun hat sie die Zeit dafür – und jede Menge Gründe zum Lächeln.
Fotos: IBU/Christian Manzoni, Nordic Focus, Lisa Hauser