Johannes Dale-Skjevdal, “Nie aufgeben, wenn man noch eine Chance hat!”
Neununddreißig Minuten und siebzehn Sekunden veränderten am 20. Februar das Leben von Johannes Dale-Skjevdal für immer. Bei seiner letzten Chance auf eine olympische Medaille traf er alle Scheiben, lief der Konkurrenz davon und gewann nicht nur eine Medaille, sondern olympisches Gold.
Es ist und bleibt eine außergewöhnliche Geschichte. Nach der zweiten Rückstufung in den IBU Cup innerhalb von drei Jahren erkämpfte sich Dale-Skjevdal im vergangenen November im letzten Rennen der norwegischen Saisoneröffnung in Geilo einen Startplatz im Weltcup. Mit zwei Podestplätzen in Le Grand Bornand schaffte er es zum ersten Mal in den Olympia-Kader und lieferte dann in Mailand/Cortina einen herausragenden Olympiasieg ab.
Olympiasieg „immer noch ein großartiges Gefühl“
Rückblickend sagte er vor einigen Wochen nach einem harten Trainingstag am Passo Lavazè über seinen großen Tag: „Das ist immer noch ein großartiges Gefühl! Es war ein toller Tag, an den ich immer noch gern zurückdenke. Die Winterspiele und den Moment, in dem ich Gold gewann, werde ich nie vergessen; diese Erinnerung kann mir keiner nehmen. Ich verbinde so viele tolle Emotionen mit diesem Moment. Es ist immer noch großartig, und das wird es auch immer bleiben!“
Weiter erzählt er: „Das war surreal. Es ist eine Sache, vom Olympiasieg zu träumen, eine andere, dann auch daran zu glauben. Ich wusste, dass mein Leistungsniveau an einem guten Tag reicht, um das zu schaffen, aber man bekommt in seiner Karriere nur wenige Chancen. Mir ist es erst beim letzten Rennen der Olympischen Winterspiele gelungen. Ich hatte ja auch schon vorher zwei gute Rennen dort (Sechster in Sprint und Verfolgung), aber das interessiert niemanden. Nur Medaillen zählen. Nicht viele Menschen haben eine olympische Goldmedaille zuhause, das ist schon ziemlich cool!“
Seine früheren Erfolge in der Südtirol Arena, darunter der zweite Platz beim Massenstart in Antholz 2024, kamen dem norwegischen Routinier in bei den Winterspielen zugute.
„Ich war ungewöhnlich ruhig für einen Wettkampftag. Ich habe viele tolle Erinnerungen an Antholz und dort gute Rennen gehabt; es ist einer meiner Lieblingsorte im Weltcup. Ich wusste, wie ich das Rennen angehen will. Als ich nach dem dritten Schießen alleine war, wusste ich, was ich tun will. Ich hatte da viel Selbstvertrauen, und damit habe ich mich in der Position auch wohl und sicher gefühlt.“
Platz im Olympia-Kader „wie Sieg im Lotto“
Die Grundlage für Dale-Skjevdals Medaille war das Comeback aus dem IBU Cup. „Ein Jahr davor hätte ich es mir nicht träumen lassen. Man glaubt ja an sich, aber ich lief im IBU Cup. Ich wusste, dass sich so viele Dinge fügen müssen, damit das klappt. Der Platz im Olympia-Kader schien mir so wahrscheinlich wie ein Sieg im Lotto, für den man zehn Richtige braucht! Mir war klar, dass das richtig hart werden würde. Ich habe es geschafft, aber der Weg war alles andere als leicht.“
„Vater zu sein ist für mich ein großes Glück.“
Die Rolle als Familienvater hat aus ihm einen besseren Biathleten gemacht und seine Karriere wieder in Gang gebracht. „Den Blick für das große Ganze zu haben, das hat mir geholfen, glaube ich. Vor zwei Jahren hatte ich das Gefühl, dass es noch mehr im Leben geben muss, auch wenn ich Biathlon immer noch genauso geliebt habe wie jetzt. Es wurde ein bisschen eintönig, jedes Jahr der gleiche Trott. Ich mag dieses Leben, aber es ist gut, wenn es neben dem Sport noch etwas anderes gibt. Vater zu sein ist für mich ein großes Glück. Von Biathlon auf Familie umschalten zu können, das ist echt klasse. Mir hat es sehr gutgetan, nicht immer nur an Biathlon zu denken.“
Die neuen Trainer Patrick Oberegger und Anders Overby und jüngere Mannschaftskameraden wie Johan-Olav Smoerdal Botn und Martin Uldal, die in jeder Trainingseinheit Druck machen, sorgen für „neue Motivation. Die Dinge laufen ein bisschen anders als in den letzten 10 Jahren und das allein ist schon ein guter Ansporn. Es macht auch Spaß, mit den neuen Mannschaftskameraden zusammen zu trainieren. Natürlich kennen wir die Jungs schon lange, aber es ist noch mal etwas anderes, zusammen in der Mannschaft zu sein.“
„Muss mich daran erinnern, ... die Dinge nicht zu verkomplizieren“
Seine Trainer, so mutmaßt der 29-Jährige, würden ihm vermutlich raten, „die Dinge nicht zu verkomplizieren. Ich laufe dann gute Rennen, wenn ich in einem guten Flow bin, auf den Skiern, am Schießstand und im Leben. Ich glaube, das gelingt mit in letzter Zeit ziemlich gut, aber daran muss ich mich auch immer mal erinnern. Ich merke sofort, wenn ich mich beim Schießen zu sehr bemühe, das funktioniert einfach nicht. Ich brauche den Rhythmus, den Flow, ich darf es nicht verkomplizieren. Das muss ich mir immer wieder sagen.“
Nach einem soliden Trainingssommer und mit der neuen Saison vor der Tür verrät Dale-Skjevdal, was er aus dem Februar mitgenommen hat: „Man braucht Geduld, das haben mich die Winterspiele gelehrt. Man darf nie aufgeben, wenn man noch eine Chance hat.“
Fotos: IBU/ Christian Manzoni, Dymytro Yevenko, Ola Wizor, Nordic Focus