Italien setzte voll auf Milan/Cortina – hat es sich ausgezahlt?
Im Mai 2022 präsentierte der Italienische Skiverband (FISI) sein neunköpfiges Team für Olympia 2026 Milano/Cortina und die von Lukas Hofer bzw. Dorothea Wierer angeführten A-Kader für die Spiele im eigenen Land. Dazu holte der Verband Jonne Kahkonnen zum Frauenteam um Mirco Romanin, während Fabrizio Curtaz Projektleiter für Milano/Cortina wurde. Da die Spiele nun Geschichte sind, gehen wir der Frage nach, ob Italien in den letzten 1460 Tagen von einem Olympia-Schub profitieren konnte.
Zu der für Olympia vorgesehenen Gruppe gehörten Lisa Vittozzi, Michela Carrara, Irene Lardschneider, Tommaso Giacomel, Didier Bionaz, Hannah Auchentaller, Linda Zingerle, Patrick Braunhofer, Daniele Cappellari und David Zingerle.
Bei den Spielen 2026 dabei waren dann Vittozzi, Wierer, Auchentaller, Carrara, Linda Zingerle, Hofer, Giacomel, Braunhofer, Elia Zeni und Nicola Romanin.
Gold- und Silbermedaillen
Italien konnte sich in den letzten vier Jahren zwar verbessern, doch es gab keinen sprunghaften Anstieg bei den Medaillen und auch keine ernsthafte Gefahr für die Top-Nationen aus Norwegen und Frankreich. Bei den Olympischen Spielen vor heimischer Kulisse gewann Italien zwei Medaillen und damit genauso viele wie 2018. Nur 2014 und 2022 erhielt die Nation nur einmal olympisches Edelmetall. Ungeachtet dessen sind das Gold von Vittozzi und die Silbermedaille der Mixed-Staffel Höhepunkte für den Verband, da die vorherigen vier Medaillen jeweils aus Bronze waren.
Im Weltcup kamen die italienischen Frauen zum Abschluss des Olympiazyklus in der Nationenwertung auf Platz vier, nachdem sie 2022 Fünfte geworden waren. Die Männer verbesserten sich im gleichen Zeitraum von Rang acht auf Platz fünf. Aushängeschild des Verbandes sind die Staffeln: Bei den Weltmeisterschaften 2023 gab es Gold für die Frauenstaffel, Silber für die Mixed-Staffel und Bronze für die Single-Mixed-Staffel. Dazu kamen einige Podestplatzierungen im Weltcup.
Vittozzis Aufstieg
Obwohl Lisa Vittozzi ein ganzes Jahr aussetzen musste, hat sie sich weiter verbessert und ist förmlich wie Phönix aus der Asche auferstanden, um sich die Weltcup-Gesamtwertung sowie acht WM-Medaillen (darunter ihren ersten Einzeltitel in der Saison 2024/25) zu sichern. Sie beendete den Olympiazyklus mit Olympiagold in der Verfolgung, Silber mit der Mixed-Staffel und als Dritte im Gesamtweltcup.
Vierte Medaille für Wierer
Wierer hatte in den letzten vier Jahren immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, trumpfte in ihrer Abschlusssaison aber noch einmal auf. Sie schoss wie in ihren besten Tagen, feierte einen weiteren Sieg, trug ein letztes Mal das Gelbe Trikot und feierte mehrere Podestplatzierungen. Vor allem aber schloss sie den Olympiazyklus mit ihrer vierten olympischen Medaille ab, Silber mit der Mixed-Staffel.
Hofer mit starkem Olympiajahr
Lukas Hofer feierte nach mehreren OPs seine beste Saison seit Jahren. Er stand zum ersten Mal seit 2022 auf dem Podium, hatte mit 86 % die beste Trefferquote seiner Karriere und gewann mit der Mixed-Staffel seine dritte olympische Medaille.
Giacomels großer Erfolg
Tommaso Giacomel schrieb die große Erfolgsgeschichte des abgelaufenen Zyklus. Sein enormes Potenzial war bereits vor vier Jahren sichtbar, doch er hat die Erwartungen voll und ganz erfüllt. Der junge Italiener hat sich dabei von Jahr zu Jahr gesteigert: Seine Trefferquote verbesserte er von 77 % auf 84 %, er gewann vier WM-Medaillen, stand 15 Mal auf dem Podium und feierte dabei fünf Siege (davon allein vier in der Saison 2025/26). Er trug über Wochen das Gelbe Trikot und führte die italienische Mixed-Staffel zu Olympiasilber, ehe er das letzte Trimester aufgrund von Herzproblemen verpasste.
Persönliche Bestleistungen bei Olympia
Hinter den vier Top-Stars entwickelten sich Auchentaller und Carrara zu etablierten Starterinnen im Weltcup und konnten in den letzten Wintern Top-10-Platzierungen feiern. Auchentaller war zudem Teil der Frauenstaffel, die bei den IBU-Weltmeisterschaften 2023 die Goldmedaille gewann. Bei den Männern waren die drei weiteren Olympiastarter gut auf die Aufgabe vorbereitet: Romanin tauchte aus dem IBU-Cup auf, sicherte sich einen Olympia-Startplatz, erzielte im Sprint das beste Resultat seiner Karriere und qualifizierte sich für sein erstes Massenstartrennen überhaupt – und das im Alter von 32 Jahren! Braunhofer feierte im Olympischen Einzel über 20 km das beste Ergebnis seiner Karriere, während Zeni im selben Wettbewerb das zweitbeste Resultat seiner bisherigen Laufbahn erzielte.
Olympische Erfolge im eigenen Land
Vielleicht haben die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina nicht zu großen italienischen Medaillensprüngen geführt, aber zumindest haben sie den Weg für einige der erfahrensten Biathlon-Asse des Landes geebnet, um olympische Erfolge auf heimischem Boden zu feiern. Gleichzeitig haben die Spiele andere zu neuen Bestleistungen angespornt. Weiterhin erhielt die Südtirol Arena einen Umbau, der sie für Training und Wettkämpfe auf ein neues Niveau hebt. Schließlich führte Olympia zu einer größeren Bekanntheit und einem gesteigerten Interesse am italienischen Biathlon.
Erfolg lässt sich nicht immer nur anhand von Zahlen messen. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Zusammengenommen kann Italien stolz auf die erzielten Fortschritte der vergangenen vier Jahre sein.
Wie geht es in den nächsten Jahren weiter? Diese Frage hängt wie so oft vom Budget, vom Personal und vom Talent der nachfolgenden Generation ab. Bleiben wir gespannt …
Fotos: IBU/Vianney Thibaut, Ola Wizor, Nordic Focus