Fünf brennende Fragen an Selina Grotian
Bis zum letzten Wochenende kam Selina Grotian in der Saison 2025/26 nicht richtig in Tritt. Sie konnte nur wenige – eher enttäuschende – Wettkämpfe abliefern und war von längerer Krankheit geplagt. In Ruhpolding ging sie allerdings genesen und mit frischen Kräften an den Start. Mit 26 von 30 Treffern gelang ihr eine Trendwende und dank zweier Top-15-Platzierungen sicherte sie sich ihr Ticket zu den Olympischen Spielen.
Die vierfache IBU-Weltmeisterin der Juniorinnen zählt zu den aufstrebenden Talenten im Biathlon. Nach ihren Erfolgen bei der Nachwuchs-WM 2023 gelang ihr der Sprung in den Weltcup-Zirkus, wo sie ein Jahr später WM-Bronze mit der Staffel gewann. Im vergangenen Winter feierte sie im Massenstart von Annecy-Le Grand Bornand im Alter von gerade einmal 20 Jahren ihren ersten Weltcup-Sieg in einem Einzelrennen. Die Gesamtwertung schloss sie auf dem 9. Rang ab.
Wenige Stunden nach ihrem 15. Platz im Verfolger von Ruhpolding, der ihr Olympiaticket bedeutete, stellte sich Selina unseren fünf brennenden Fragen. Außerdem verriet sie uns, wie sie die Tage während ihrer längeren Krankheit im letzten Monat verbracht hat.
Biathlonworld (BW): Die aktuelle Saison verläuft aufgrund deiner Erkrankung eher holprig. Wie ist es dir gelungen, zuversichtlich zu bleiben und in Ruhpolding ein derart starkes Comeback zu feiern?
Selina Grotian (SG): Die Zeit war wirklich schwierig für mich. Ich hatte gehofft, schon in Annecy zurückkehren zu können. Aber nach einigen leichten Langlaufeinheiten im Vorfeld habe ich gemerkt, dass mein Körper einfach noch nicht bereit ist. Das war nach überwundener Krankheit ein ziemlicher Rückschlag für mich. Über den Jahreswechsel konnte ich in Seefeld dann wieder ordentlich trainieren. Ich habe mich sehr auf die Rennen in Oberhof gefreut. Gleichzeitig stand ich aber unter Druck, da ich die Olympia-Qualifikation noch nicht in der Tasche hatte. Ehrlich gesagt wusste ich nicht, wo ich stehe. Es hat sich angefühlt, als würde ich neu in die Saison starten. Nach Oberhof ist der Druck noch größer geworden, da ich am Grenzadler die Norm nicht knacken konnte. Deshalb waren die Tage in Ruhpolding extrem schwierig für mich, vor allem aus mentaler Sicht.
BW: War es im Dezember schwer für dich, deinen Teamkolleginnen zuzuschauen, ohne selbst dabei zu sein?
SG: Ja, das war schon hart. Ich habe in dieser Zeit versucht, möglichst viel Abstand zum Biathlon zu gewinnen. Das ist jedoch nicht leicht, wenn man ständig damit konfrontiert wird.
BW: Hat dir dein Sprint-Ergebnis mit nur einem Fehler in dieser Woche neuen Mut gegeben?
SG: Der Sprint hat gezeigt, dass ich bei der Laufleistung auf dem richtigen Weg bin. Im Liegendanschlag war der Druck schon deutlich zu spüren. Auch der Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Aber ja, ich war mit meinem Rennen zufrieden, da es gezeigt hat, dass meine Form immer besser wird. Außerdem war es ein heißer Kampf um den 15. Platz. In Ruhpolding sind die Zeitabstände immer extrem eng. Ich wäre sehr enttäuscht gewesen, wenn ich 0,9 Sekunden hinter Anna Gandler den 15. Platz verpasst hätte.
BW: Hat es gut getan, in Ruhpolding vor dieser tollen Kulisse zurückzukommen?
SG: Die Atmosphäre in Ruhpolding ist immer sehr stimmungsvoll. Angesichts meiner Ausgangslage in diesem Jahr lastete allerdings zusätzlicher Druck auf meinen Schultern. Hier auf den Punkt abliefern zu müssen, hat die Sache nicht leichter gemacht. Man hört den Stadionsprecher viel lauter als bei anderen Weltcups und bei mir wurde oft über die Olympianorm gesprochen, da er den Fans die Sachlage erklärt hat.
BW: Jetzt hast du die Olympiaqualifikation geschafft. Wie fühlt es sich für dich an?
SG: Mir ist natürlich ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. Der Druck in den vergangenen Wochen war enorm und natürlich wollte ich beweisen, dass ich unbedingt ins Olympiateam gehöre. Bei Olympia in Antholz dabei zu sein, ist einer meiner Kindheitsträume. Es war mein größtes Ziel, auf das ich in den letzten beiden Saisons gezielt hingearbeitet habe. Nach dem schwierigen Start wollte ich auf dem Niveau der letzten Saison aufbauen. Ich weiß, was ich kann. Aber das im Wettkampf zu zeigen, ist nicht immer leicht. Außerdem muss man sagen, dass das Leistungsniveau bei den Frauen in dieser Saison extrem hoch ist.
Bonusfrage: Was hast du neben Ausruhen noch gemacht, als du wegen deiner Krankheit zu Hause warst?
SG: Ich habe mit meiner Familie viele Spiele gespielt, mich mit meinen engsten Freunden getroffen und war viel mit meinem Hund Nala draußen. Gleichzeitig habe ich mich aber auch etwas zurückgezogen. Wieder krank zu werden, wäre das Schlimmste für mich gewesen.
Nach dem schwierigen Saisonstart ist der Blick nun klar auf Olympia gerichtet. Bei ihrem Talent wäre es keine allzu große Überraschung, wenn Selina Grotian im Februar in Antholz mit Edelmetall dekoriert wird.
Fotos: IBU/ Yevenko, Nordic Focus, Selina Grotian