Großer Abschied für Dorothea Wierer beim olympischen Massenstart

Mit dem Massenstartrennen der Frauen bei den Olympischen Winterspielen Milano Cortina 2026 geht auch die große Karriere von Dorothea Wierer zu Ende. Der Schauplatz hätte kein besserer sein können: In der Südtirol Arena nahm ihre eindrucksvolle Laufbahn vor 20 Jahren ihren Anfang. Nachdem es schon länger Gerüchte um ihr mögliches Karriereende gegeben hatte, verkündete sie vor zwei Jahren, dass sie nach den Olympischen Winterspielen vor heimischer Kulisse ihr Gewehr an den berühmten Nagel hängen würde.

Einfach genießen

Ihr letztes Rennen beendete die Italienerin ganz im „Doro-Style“: Sie war schnell in der Loipe, unglaublich schnell am Schießstand und kämpfte bis zum letzten Meter. In ihrem letzten Rennen stand am Ende ein respektabler fünfter Platz zu Buche. Danach sagte sie: „Ich war sehr nervös, da ich ein sehr hartes Rennen erwartete. So kam es dann auch, aber es war auch wunderschön. Läuferisch habe ich mich richtig gut gefühlt. Das Material war gut und am Schießstand lief es auch. Ich habe versucht, das Rennen einfach zu genießen. Und ich konnte das Feld sogar ein paar Meter anführen! Ein schönes Gefühl!“

Große Dankbarkeit

Nach den herzlichen Szenen nach Rennende wagte sie einen kurzen Blick zurück: „Da waren so viele Emotionen in den letzten Jahren, so viele Höhen und Tiefen. Dankbar bin ich vor allem für all die Menschen, die ich kennenlernen durfte. Ich konnte einige richtig gute Ergebnisse feiern und Medaillen gewinnen. Doch das Wichtigste für mich sind die vielen wunderbaren Menschen. Die große Zuneigung der Fans ist weitaus bedeutender als die Medaillen. Am meisten bin ich darauf stolz, dass ich den Biathlonsport in Italien für meine Teamkollegen etwas populärer machen konnte.“

Wierer hätte sich nie erträumt, eine der beliebtesten und erfolgreichsten Biathletinnen zu werden. Doch ihre Vita liest sich beeindruckend: Ihren ersten großen Erfolg feierte sie mit WM-Gold bei der Jugend im Einzel, ehe ihr bei den Juniorinnen sogar ein WM-Tripel gelang. 2014 gewann sie ihre erste olympischen Medaille und in den Jahren 2019 und 2020 holte sie jeweils die Weltcup-Gesamtwertung. Bei der Heim-WM 2020 gewann sie Gold im Einzel und in der Verfolgung. Nun also der Abschied im Massenstart vor heimischen Publikum, nachdem sie hier vor zwei Wochen noch olympisches Silber mit der Mixed-Staffel gewonnen hatte.

Bronze in Sotschi

Wierers Talent und erfolgreiche Zukunft wurden schon früh deutlich, als sie im Alter von 18 bei den Weltmeisterschaften der Jugend im Einzel 19 von 20 Scheiben traf und Gold gewann. Anschließend war es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Italienerin einen Namen für ihr blitzschnelles Schießen und ihre gut gelaunten Kommentare machte. Nach ihrem WM-Tripel 2011 bei den Juniorinnen feierte sie schnell ihr Debüt im BMW IBU-Weltcup, wo sie zunächst jedoch zu kämpfen hatte. Ihr erstklassiges Schießen kam ihr auf der großen Weltcup-Bühne zunächst abhanden, doch sie verbesserte sich Jahr für Jahr bis zur Olympiasaison 2013/14. Nach der überraschenden Bronzemedaille mit der Mixed-Staffel blieb sie im Sprint fehlerfrei am Schießstand und landete auf Platz sechs – das bis dato beste Ergebnis ihrer jungen Karriere. Wenige Wochen später gelang ihr im Sprint auf der Pokljuka der fünfte Platz, ehe sie mit Platz drei in der Verfolgung ihr erstes Weltcup-Podium feierte. Am Ende der Saison wurde sie 15. in der Gesamtwertung.

Kampf um die Große Kristallkugel

Nach einigen weiteren Podestplätzen jubelte sie im Winter 2015/16 über ihren ersten Weltcup-Sieg im Einzel über 15 km bei der Saisoneröffnung in Östersund. Mit diesem Erfolg legte sie den Grundstein für ihre bis dato beste Saison, die sie auf Rang drei in der Gesamtwertung abschloss. Ein weiterer Lohn war ihre erste kleine Kristallkugel für den Gewinn der Disziplinwertung im Einzel. Weitere Siege und eine Bronzemedaille mit der Mixed-Staffel bei den Olympischen Spielen 2018 folgten. Sowohl im Winter 2018/19 als auch 2019/20 beherrschte Doro die Schlagzeilen im Biathlon. Sie mischte in jedem Rennen im Kampf ums Podest mit und lieferte sich ein spannendes Duell mit Teamkollegin Lisa Vittozzi um die Führung in der Weltcup-Gesamtwertung. Bei den Weltmeisterschaften 2019 gewann sie Gold im Massenstart und lag nach Östersund punktgleich mit Vittozzi an der Spitze. Doch der Einbruch ihrer Landsfrau mit Platz 68 im Sprint von Oslo ebnete Wierer den Weg zum Gewinn der Großen Kristallkugel und der Disziplinwertung in der Verfolgung.

Beste Saison der Karriere

Die beste Saison in Wierers Karriere folgte im Winter darauf, als sie abermals im Kampf um die Weltcup-Gesamtwertung mitmischte und sich einen spannenden Dreikampf mit Tiril Eckhoff und Hanna Öberg lieferte. Die Italienerin stand bei ihrer Heim-WM in Antholz nur wenige Kilometer von ihrem Elternhaus unter enormen Druck. Doch sie lieferte ab, wenn es darauf ankam: Durch den Gewinn der Silbermedaille mit der Mixed-Staffel zu Beginn der Weltmeisterschaften fiel sämtlicher Medaillendruck ab. Anschließend siegte sie im Einzel über 15 km und in der Verfolgung und gewann Silber im Massenstart hinter der mit sieben WM-Medaillen überragenden Norwegerin Marte Olsbu Røiseland. Durch die WM-Medaillen verteidigte Wierer ihr Gelbes Trikot als Führende in der Weltcup-Gesamtwertung und sicherte sich in der coronabedingt verkürzten Saison am Ende auch den Titel knapp vor Tiril Eckhoff.

In den darauffolgenden beiden Jahren hatte Wierer mit kleineren Beschwerden zu kämpfen, war aber immer eine Podiumskandidatin. Ihr großes Ziel blieb jedoch eine Medaille in einem olympischen Einzelrennen. Zu Beginn der Olympiasaison 2021/22 schaffte sie es nicht aufs Treppchen. Doch mit Platz drei im Sprint von Ruhpolding hatte sie ihre Form zurückgefunden. Zu den Spielen in Peking reiste sie mit einem Sieg im Massenstart von Antholz im Gepäck, nachdem sie sich in dem Rennen von Platz 14 ganz nach vorn gekämpft hatte. In Peking erreichte Dorothea Wierer ihr lang gehegtes Ziel einer olympischen Einzelmedaille: „Es fühlt sich toll an! Ich hatte nicht an eine Medaille geglaubt. Im Rennen habe ich gespürt, dass meine Ski heute richtig gut laufen. Am Schießstand war ich voll fokussiert. Die letzte Runde war natürlich richtig hart, doch am Ende steht die Bronzemedaille zu Buche. Ich bin überglücklich.“

Weiterer Sieg in Antholz

Nach den Spielen in Peking machte die Italienerin dort weiter, wo sie zuvor aufgehört hatte. Sie stand mehrere Male auf dem Podium und feierte eine Reihe besonderer Siege. Kurz vor den IBU-Weltmeisterschaften 2023 in Oberhof gewann die Südtirolerin den Sprint zu Hause in Antholz, nachdem sie seit ihrem Sieg im Massenstart in der Südtirol Arena 2022 zuvor fast ein Jahr sieglos geblieben war. Wierer genoss diesen Sieg sichtlich: „Es ist super, vor den heimischen Fans zu gewinnen. Ich mag Antholz. Es ist schön, denn meine Freunde und Familie sind hier. Das ist immer etwas Besonderes. Aber es ist nicht so einfach, denn es herrscht auf heimischem Boden mehr Stress und Druck.“

In Oberhof erreichte sie einen weiteren Meilenstein und gewann erstmals in ihrer Karriere Gold mit der Frauenstaffel. Durch ihre starke Leistung an Position zwei gingen die Italienerinnen in Führung, gaben diese bis zum Schluss nicht mehr aus der Hand und feierten den historischen Gold-Coup.

Nach den Weltmeisterschaften stand Wierer noch zwei weitere Male ganz oben auf dem Treppchen und beendete die Saison als Zweite in der Weltcup-Gesamtwertung – eine starke Leistung drei Jahre nach ihrer letzten Großen Kristallkugel.

In der darauffolgenden Saison hatte die Italienerin gesundheitsbedingt zu kämpfen und kam nicht an ihr gewohntes Leistungsniveau heran. Nach den IBU-Weltmeisterschaften beendete sie die Saison vorzeitig. Doch zuvor schaffte Wierer mit Platz zwei in der Mixed-Staffel in ihrem geliebten Antholz noch ein Podium.

Im Winter 2024/25 kämpfte sich die italienische Biathletin langsam wieder zurück und war im Saisonverlauf mehrfach bei der Flower Ceremony vertreten. Ihr großes Ziel blieben die Olympischen Spiele Milano Cortina 2026.

Voller Fokus auf Olympia

Im vergangenen Sommer trainierte Wierer mit Blick auf die Olympischen Spiele in ihrer Heimat unermüdlich und verbrachte in Lavazè viel Zeit in der Höhe. Ihr Fokus war klar auf die Olympischen Wettbewerbe 2026 ausgerichtet.

Zu Saisonbeginn war sie gut in Form und gewann in Östersund das Einzel über 15 km, was ihr ein letztes Mal das Gelbe Trikot der Weltcup-Gesamtführenden bescherte. Dank fehlerfreiem Schießen landete sie im Sprint von Annecy-Le Grand Bornand auf dem dritten Platz und holte auch in der Verfolgung Bronze. Zusammen mit Lisa Vittozzi, Lukas Hofer und Tommaso Giacomel bildete sie die Mixed-Staffel in Östersund und landete am Ende auf Platz zwei, ehe das Team in derselben Besetzung zwei Wochen vor den Spielen Milano Cortina 2026 beim Weltcup in Nové Město ganz oben auf dem Treppchen stand. Ein weiterer großer Erfolg sollte folgen: In der spannenden Mixed-Staffel von Milano Cortina holte sie mit ihrem Team vor den Augen von Freunden und Familie die Silbermedaille.

Große Nervosität

Die stets gesprächige Wierer räumte ein, dass sie im packenden Medaillenkampf den Druck und die Erwartungshaltung gespürt habe: „Das ist der Wahnsinn. Ich war heute so nervös, ich habe vor dem Rennen gezittert. Ich stand unter solchem Druck, dass ich gezittert habe. Ich wusste, dass wir Medaillenchancen haben. Als ich von Lukas übernommen habe, lagen wir schon richtig gut. Es war nicht leicht, damit umzugehen, aber es war toll, im ersten Rennen schon eine Medaille zu gewinnen. Ich freue mich so sehr für unser Team und all die Leute hinter den Kulissen, die für uns arbeiten. Das ist ein schöner Einstieg und nicht leicht, zu Hause eine Medaille zu gewinnen.“

Nach einem katastrophalen 44. Rang im Sprint meldete sich die Italienerin in der Verfolgung zurück und kämpfte sich auf den neunten Platz nach vorn. Nun beendete sie ihre unglaubliche Karriere mit einem respektablen fünften Platz im Massenstart.

Talent und Kampfgeist haben der italienischen Biathletin ungeahnte Erfolge beschert: 53 Podestplatzierungen in Einzelrennen (davon 17 Siege) und 35 Podien in Staffel, Mixed-Staffel und Single-Mixed-Staffel. Doch das größte Vermächtnis von Dorothea Wierer könnte ihre sympathische und fröhliche Art sein, die sie sowohl im Feld als auch bei den Fans sehr beliebt machte.

Die Biathlon-Familie wird die einzigartigen Schießeinlagen, das markante Lächeln und die stets wunderbaren Kommentare der Italienerin sehr vermissen. Für die Zukunft alles Gute, liebe Dorothea Wierer!

Fotos: IBU/Vianney Thibaut, Ola Wizor, Petr Slavik, Nordic Focus

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