Daviet und Tabouret: Zwei Generationen, ein paralympischer Traum
Kurz vor Beginn der Paralympischen Winterspiele in Val di Fiemme verkörpert das französische Team einen faszinierenden Kontrast: ein hochdekorierter Champion will Geschichte schreiben, ein furchtloses junges Talent kann Großes vollbringen oder einen Totalausfall erleiden und eine Trainerin muss beide in Einklang bringen. Es handelt sich bei den drei um Benjamin Daviet, Karl Tabouret und ihre Trainerin, Anais Bescond – drei Persönlichkeiten mit einem Ziel.
Ein drittes Kapitel aufschlagen
Benjamin Daviets Reise im Parabiathlon begann 2011 mit seinem Beitritt zum französischen nordischen Skiteam. Als er die Chance erhielt, sowohl Langlauf als auch Biathlon zu praktizieren, widmete er sich beiden Disziplinen ohne zu zögern. Diese Doppelausrichtung formte den Athleten, der er heute ist: präzise am Schießstand und stark in der Loipe.
Der dreimalige paralympische Goldmedaillengewinner Daviet steht nun an der Schwelle zu etwas noch Größerem: der Verteidigung seiner Goldmedaillen bei seinen dritten Winterspielen. Doch er fühlt dabei keinen zusätzlichen Druck.
„Ich weiß, was ich tun muss“, sagt er ruhig, „Eins ist sicher: Es wird ein harter Kampf. In meiner Kategorie starten großartige Athleten, die ich schlagen möchte. Natürlich will ich Gold gewinnen, aber dazu muss alles zusammenpassen – das Laufen und das Schießen.“
Der 36-jährige Daviet hat in beiden Disziplinen in dieser Saison bereits abgeliefert. Obwohl er bisher keinen Weltcupsieg einfahren konnte, hielt ihn seine Beständigkeit über den ganzen Winter hinweg in Schlagdistanz für die Große Kristallkugel. Leider musste er sich am Ende Mark Arendz um vier Punkte geschlagen geben. Ein Athlet, der bereits den Gipfel des Leistungssports erklommen hat, findet seine Motivation nicht in Geschichtsbüchern, sondern im Kampf. Er erkennt auch die Gefahr und das Talent seines jungen Teamkollegen, der mit ihm zusammen trainiert, an.
„Karl ist mental sehr stark und kann exzellent schießen“, sagt Daviet, „Er kann ein paralympischer Champion werden, auch hier in Val di Fiemme. Er muss nur am Schießstand an sich glauben. Er weiß, was er zu tun hat, sogar besser als viele andere.“
Zwischen Podium und Unsicherheit
Karl Tabourets Weg in den Parabiathlonsport begann in den Fußstapfen seiner älteren Schwester. Der Langläufer aus Les Saisies trainierte im selben Verein wie Justine Braisaz-Bouchet und Julia Simon. 2019 wurde er ins Trainingslager der französischen Para-nordischen Mannschaft teil. Kurz bevor er seine endgültige Wahl traf, probierte er Biathlon aus und verliebte sich in diese Sportart.
Nun fährt er zu seinen ersten Paralympischen Spielen und hat bereits mehrere Treppchenplätze im Weltcup auf der Haben-Seite. Beim ersten Weltcup in Jakuszyce gewann er den Sprint und stand zum ersten Mal in seiner Karriere ganz oben auf dem Podest. Doch ein bisschen Ungewissheit bleibt. An einem Tag fordert er die Weltelite seines Sports heraus, am nächsten landete er nicht einmal in den Top 10.
„Ich verspüre eher Aufregung als Stress – obwohl ich, um ehrlich zu sein, auch etwas gestresst bin“, gibt er zu, „Mein Hauptziel bei den Paralympischen Spielen ist es, mich weiter zu verbessern, vor allem in bestimmten Bereichen des Biathlonsports wie technischen Feinheiten beim Laufen oder meinem Anschlag beim Schießen. Was Resultate angeht, stand ich bereits mehrmals im Weltcup auf dem Podium. Ich würde also gern unter die Top 3 kommen.“
Der 22-jährige Tabouret bewundert offen Daviets Haltung.
„Mich beeindruckt am meisten, dass er nie gestresst ist. Sein Schießrhythmus und seine Beständigkeit – daran nehme ich mir ein Beispiel. Eines Tages riet er mir, mehr an mich zu glauben. Ich tendiere immer dazu, an mir zu zweifeln und gerate leicht in Panik. Benjamin hat mir gezeigt, dass ich vieles problemlos schaffen kann“, so Tabouret.
Selbstzweifel waren oft an Tabourets Seite. Mit der Zeit hat er seinen Lebensstil verändert – striktere Abläufe und disziplinierte Erholungsphasen sind Opfer, die Athleten im Leistungssport bringen müssen. Das französische Team ist zu seiner zweiten Familie geworden. Die Treppchenplätze des vergangenen Winters haben auch seine Erwartungen gesteigert.
„Ich fahre jetzt zu den Paralympischen Spielen mit der Hoffnung, zu glänzen.“
Führen lernen und zwei Extreme anleiten
Als Anais Bescond, die dreifache Olympiamedaillengewinnerin aus PyeongChang, als Trainerin zum französischen Para-Team dazustieß, war Daviet bereits auf dem Karrierehöhepunkt. Ihre Herausforderung liegt darin, ihre Stimme als Trainerin zu finden und gleichzeitig zwei sehr unterschiedliche Athleten zu betreuen.
Ihre Beziehung zu Daviet ist durch Zusammenarbeit gekennzeichnet. Ihr Austausch basiert auf geteilten Erfahrungen und gegenseitigem Respekt. Diskussionen und Kooperation tragen zu Verbesserungen bei.
„Mit Benjamin entwickele ich Ideen gemeinsam. Manchmal ist es schwierig, ihn dazu zu bringen, zuzugeben, dass er falsch lag. Aber wir haben uns eingespielt und es läuft gut zwischen uns“, erklärt sie, „Er hat Erfahrung mit Höchstleistungen, aber auch mit Fehlschlägen. Er ist unglaublich entschlossen und kennt die Fallen, die sich unter dem Deckmantel der Paralympischen Spiele verbergen – er wird sie umkurven. Er ist dickköpfig, aber er gibt niemals auf.“
Tabouret leitet Bescond eher an.
„Ich gebe ihm Anweisungen, korrigieren ihn und lasse ihn bestimmte Dinge üben. Er macht alles instinktiv und muss noch seine Fähigkeit zur Selbstanalyse entwickeln. Karl ist jung und noch unerfahren, aber er besitzt viel Potential. Manchmal ist er im Training etwas abgelenkt und ihm fehlt das Durchhaltevermögen. Es ist nicht immer leicht, ihn anzuleiten, weil seine Denkweise sich von meiner unterscheidet.“
Und doch lächelt sie, als sie gefragt wird, was sie von den beiden gelernt hat.
„Sie bringen mir bei, eine Trainerin zu sein. Und sie lehren mich, Geduld zu üben – allerdings nicht in demselben Maß.“
Geteilte Zimmer, geteilte Ziele
Das französische Athletenduo teilt sich nicht nur den Schießstand, sondern während der Saison auch die Hotelzimmer.
Daviets Sinn für Organisation verleiht Tabourets instinktiver Energie die nötige Struktur. Im Training treiben sie sich an. In Gesprächen tauschen sie Erfahrungen aus. Für den jüngeren Athleten ist das eine Art Abkürzung durch den Irrgarten des jahrelangen Ausprobierens und Scheiterns. Für den Champion ist es eine Erinnerung daran, dass ein Vermächtnis nicht nur aus Medaillen besteht, sondern auch das Anleiten junger Athleten umfasst.
Vor den Paralympischen Spielen in Val di Fiemme geht es im französischen Lager nicht nur um Gold oder die erste Medaille, sondern auch um Balance – zwischen Wasser und Feuer, Sicherheit und Möglichkeit, lehren und lernen.
Two Generations, One Paralympic Dream
Fotos: IBU | Wlaźlak