Carina Edlingerová: vom Austria-Champion zur tschechischen Medaillenhoffnung im Para Biathlon

Das tschechische Team im Para Biathlon zeigt eine beeindruckende Entwicklung. Nachdem es im Januar 2025 bei seinem Weltcup-Debüt noch im hinteren Teil des Feldes zu finden war, reist es nun mit zwei großen Medaillenhoffnungen zu den Paralympischen Winterspielen Milano Cortina 2026. Eine davon ist Carina Edlingerová, die erst im vergangenen Sommer die tschechische Staatsbürgerschaft erhielt und schnell zu einer zentralen Säule innerhalb des ambitionierten Teams geworden ist.

Die 27-Jährige startete als Carina Edlinger zuvor für Österreich und hat beeindruckende Erfolgen vorzuweisen. Zunächst feierte sie viele Siege im Para Langlauf und sechs große Titel, darunter Gold bei den Paralympischen Spielen Peking 2022. Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung orientierte sie sich in den vergangenen Jahren jedoch Schritt für Schritt in Richtung Para Biathlon. Diese Entscheidung hat ihr schnell Erfolge verschafft: Bei den Weltmeisterschaften 2025 auf der Pokljuka holte Edlinger gleich dreimal Bronze. Zudem sicherte sie sich bei der Generalprobe für die Paralympics in Val di Fiemme ihren ersten Weltcupsieg. Seit dieser Saison geht sie für Tschechien an den Start.

„Ich werde oft gefragt, wo ich denn nun zu Hause bin. Dann antworte ich, dass ich mich in der Welt zu Hause fühle. Ich habe meinen tschechischen Pass nach vier Monaten erhalten. Normalerweise dauert das Verfahren fünf Jahre. Ich war immer Österreicherin, aber jetzt bin ich sehr stolz darauf, für Tschechien an den Start zu gehen. Ich habe sogar ohne Hochzeit einen neuen Namen erhalten. Das ist schon witzig“, so Carina Edlinger, in deren tschechischem Pass nun Edlingerová steht.

Die junge Athletin hatte eigentlich nie vor, im Para Biathlon zu starten. Als sie auf die Sportschule kam, fühlte sich allein der Gedanke an Biathlon absurd an. Sie bewarb sich als Langläuferin, aber der einzig freie Platz war im Biathlon. Schießen auf ein Ziel, dass sie überhaupt nicht sehen konnte? Es klang unmöglich. Trotzdem nahm sie den Platz an und sagte sich, sie würde einfach so tun, als könne sie das Ziel treffen. Zu jener Zeit tat sie alles Mögliche, um ihre Sehbeeinträchtigung zu verbergen – weniger aus Scham, sondern eher aus Realismus. Sie wusste, dass ihre Auswahlchancen deutlich geringer sein würden, sobald sich die Leute auf ihre Behinderung konzentrierten. Die Realität sollte sie schnell einholen: Noch ehe das Schuljahr begann, wurde sie zum Skilanglauf versetzt.

Jahre später nach ihrem Wechsel zum Para Langlauf stellten sich schnell die Erfolge ein. In dieser Disziplin gewann Carina fast alles, was es zu gewinnen gibt. Nicht so allerdings im Biathlon. Die Laufstärke in der Loipe war nicht mehr das alleinige Kriterium. Nun galt es, unter Druck, Anspannung und unvorhersehbaren Bedingungen mit erhöhtem Puls ein Ziel zu treffen – eine Herausforderung, auf die sie sich erst einstellen musste.

„Ich habe anderen beim Para Biathlon zugeschaut und lange Zeit gedacht, das kann nicht so schwer sein. Als ich es dann selbst ausprobierte, wurde mir schlagartig klar, dass es eine ganz andere Herausforderung ist, im Wettkampf die Ziele zu treffen. Nach acht Jahren am Gewehr gewann ich in der letzten Saison schließlich meinen ersten Weltcup.“

Dieser Meilenstein gelang ihr in Val di Fiemme in der Sprint-Verfolgung, einem Format, das ihr einst so wenig gefiel, dass sie hoffte, es auslassen zu können. Dieser Sieg allerdings verlieh ihrem Selbstvertrauen genau ein Jahr vor dem Paralympischen Spielen einen ordentlichen Schub zum richtigen Zeitpunkt. „Ich habe mir selbst bewiesen, dass ich schießen kann und dass ich läuferisch top in Form bin. Das ist vor allem mental sehr wichtig“, so die Neu-Tschechin.

Das Außergewöhnliche an ihr ist, wie sie die Sportart erlernt hat. Sie hat nie mit einem Schießtrainer zusammengearbeitet. Stattdessen hat sie in einer Art Selbststudium die Wettkämpfe im Fernsehen angeschaut, die Körperpositionen nachgeahmt und herumexperimentiert, bis sie einen Weg fand, der sich für sie richtig anfühlte. Ihre Technik sieht im Vergleich zu anderen Para-Biathletinnen und -Biathleten anders aus. Doch sie sieht keinen Grund, daran etwas zu ändern. „Wenn etwas gut funktioniert, braucht man es nicht ändern“, so die Athletin. Für sie geht es beim Schießen um Rhythmus, Klang, Wiederholungen und Vertrauen durch tägliches Training.

In den vergangenen Saisons hat sie mehrfach ihren Guide gewechselt – nicht freiwillig, sondern aus Notwendigkeit. In Österreich war es schwer, einen Guide zu finden, der mit ihrem Skitempo mithalten kann, vor allem da viele von ihnen selbst an Rennen teilnahmen. Nach dem Nationenwechsel arbeitet sie nun mit Alex Patava zusammen, der in Tschechien sowohl als ihr Guide als auch als ihr Coach fungiert.

Auch abseits der Wettkämpfe ist das Leben der jungen Athletin ausgefüllt. Ihr treuester Begleiter ist ihr Blindenführhund, der mit ihr zu fast jedem Event reist. „Ihm ist es egal, ob ich gewinne oder verliere. Er liebt mich immer so wie ich bin“. Die 27-Jährige reist gern und erlebt andere Orte durch ihren Klang, ihre Gerüche, durch Texturen und durch Vorstellungskraft. Für sie ist Sehen nicht der wichtigste Sinn. Im Rahmen einer Therapie hat sie das Schneidern für sich entdeckt und näht seitdem ihre Kleider für Galas selbst. Da sie die Stiche nicht sehen kann, verlässt sie sich auf mentale Berechnungen und Strukturen. In gewisser Art spiegelt das ihren Kindheitstraum wider, Pilotin oder Architektin zu werden. Das Nähen wurde für sie zu einer Möglichkeit, kreativ zu werden und etwas Greifbares zu erschaffen.

Edlingerová hat Sportjournalismus studiert und hofft, eines Tages in diesem Berufsfeld Fuß zu fassen. „Mein Traum ist es, die unglaublichen Leistungen und Geschichten von Para Athletinnen und Athleten zu erzählen und Inklusion im Sport zu fördern. Die IBU leistet in diesem Bereich großartige Arbeit und vielleicht gibt es eines Tages mehr Möglichkeiten, noch mehr über Para Biathlon zu berichten. Da wäre ich dann gern dabei.“

Trotz ihrer jüngsten Erfolge bleibt Edlingerová mit Blick auf die Zukunft realistisch. Sie weiß, dass ihre Leistungen im Para Biathlon nicht durch einen einzelnen Sieg zu messen sind. Im Gegensatz zum Skilanglauf, wo sie die absolute Weltspitze erreicht hatte, geht es im Biathlon weniger vorhersehbar zu. Während an einem Tag fast nichts zu funktionieren scheint, kann am nächsten schon wieder alles perfekt zusammenpassen. Ihr langfristiges Ziel sind nicht nur Siege, sondern eine vergleichbare Konstanz wie zuvor im Skilanglauf.

Ihr erster Erfolg mit ihrem neuen Team kam zu Beginn der Saison 2025/26 in Canmore, als sie das erste Weltcup-Podium im Para Biathlon für Tschechien überhaupt holte. Dieser Meilenstein fiel gleich ins Jahr des Weltcup-Debüts des tschechischen Teams, das vom 50-jährigen Miroslav Motejzik angeführt wird. Klar ist allerdings auch, dass Edlingerová nicht als erste tschechische Weltcupsiegerin in die Geschichte eingehen wird. Diese Ehre wurde der 17-jährigen Simona Bubeníčková zuteil, die bei ihrem Weltcup-Debüt im Einzel über 12,5 km im Januar in Notschrei sensationell den Sieg holte. Beim letzten Weltcup der Saison in Jakuszyce standen beide am gleichen Tag auf dem Podest: Im Sprint sicherte sich Bubeníčková den Sieg, während Carina Edlingerová Dritte wurde. In der Sprint-Verfolgung gewann Edlingerová, ihre Teamkollegin wurde Zweite. Das tschechische Team im Para Biathlon ist definitiv im Aufschwung, was sich auch bei den Paralympischen Spielen in den nächsten Tagen in Val di Fiemme zeigen dürfte. Die ersten Wettkämpfe im Para Biathlon sollen am 7. März über die Bühne gehen.

„Die nächste Athletengeneration steht bereits in den Startlöchern. Die Wettkämpfe werden jedes Jahr schwieriger. Doch das ist etwas Gutes. Als ich anfing, dachten die Leute, beim Para Sport geht es nur darum, Hürden zu überwinden und einfach ein paar Medaillen zu gewinnen. Das ist längst nicht mehr der Fall. Das Niveau steigt stetig und wir beweisen jedes Mal aufs Neue, dass wir den nichtbehinderten Athletinnen und Athleten kaum in etwas nachstehen. Darin liegt die Zukunft des Para Sports und ich freue mich, ein Teil davon zu sein“, so Edlingerová.

Photos: IBU | Wlaźlak

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