Ein Schnelldurchlauf durch die Biathlongeschichte

Die Wurzeln der spannenden, rasanten Sportart Biathlon reichen weit zurück bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Doch der Sport, den wir heute im Stadion, im Fernsehen und auf dem Smartphone verfolgen können, hat sich in nur 63 Jahren von einer Nischensportart zu einem Zuschauermagneten entwickelt.

Wurzeln

Alles begann Mitte des 18. Jahrhunderts, als ein paar schwedische und norwegische Grenzsoldaten ein Rennen veranstalteten. Seit damals war Biathlon eng verknüpft mit dem Militär. Unter dem Namen Militärpatrouillenlauf wurden 1924 in Chamonix die ersten Olympiasieger im Biathlon gekrönt: Bei der Winterolympiade absolvierten Vierermannschaften in Uniform sowie mit einer Waffe und Rucksäcken auf dem Rücken eine 30 Kilometer lange Strecke gefolgt von einem Schießwettbewerb. Die ersten und einzigen Medaillen im Militärpatrouillenlauf gingen an die Schweiz, Finnland und Frankreich. Die Rennen wurden in dieser Form noch einige Male als Demonstrationswettkämpfe bei den OWS abgehalten und gerieten dann außerhalb von Militärkreisen schnell in Vergessenheit.

Meisterschaften und Olympische Spiele

1958 war ein wichtiges Jahr für den modernen Sport. Unter der Schirmherrschaft der UIMPB (Union Internationale Moderne Pentathlon et Biathlon), dem internationalen Verband für Modernen Fünfkampf und Biathlon, wurden am 2. März in Saalfelden, Österreich, die erste „Weltmeisterschaft Olympischer Biathlon“ ausgetragen. Adolf Wiklund aus Schweden wurde der erste Weltmeister im einzigen Wettkampf: dem Einzel über 20 Kilometer.

Die ersten Meisterschaften waren als Generalprobe für das Debüt des Biathlonsports bei den OWS zwei Jahre später in Squaw Valley gedacht. 30 Athleten kämpften um die erste olympische Goldmedaille im Biathlon. Der Schwede Klas Lestander gewann und ging damit in die Geschichtsbücher ein.

Header iconBiathlon Through the Years

In den 60er Jahren änderte sich wenig im Biathlon: Der Einzel über 20 Kilometer blieb die einzige Wettkampfform. Es gab mehrere Schießstände tief im Wald, die Athleten schossen mit 30.06 Großkaliber-Militärwaffen und die Papierzielscheiben standen 100 bis 250 Meter entfernt. Später benutzte man sogar Ballons und Glassplatten.

Das Programm der Weltmeisterschaft 1966 umfasste zum ersten Mal auch ein Staffelrennen, bei dem sich Norwegen den Titel sicherte. Bei den OWS 1968 in Grenoble ging die erste Staffelgoldmedaille an die Sowjetunion, deren Mannschaften bis 1988 jedes Mal olympisches Staffelgold sicherte.

Große Veränderungen in den 70ern

In den 70er Jahren entwickelte sich Biathlon langsam zu dem Sport, den wir heute kennen. Der Sprint wurde 1976 ins Weltmeisterschaftsprogramm aufgenommen und gab 1980 in Lake Placid sein Olympiadebüt. Die Großkaliberwaffen wurden 1978 durch die heute noch verwendeten .22-Kaliber ersetzt. Damit einher gingen auch moderne Schießstände mit 50 Meter entfernt angebrachten Zielscheiben. So wurde der Sport zuschauerfreundlicher und zugänglicher. Das heute bekannte Klappscheibensystem wurde entwickelt und zuerst 1979 von dem finnischen Unternehmen Kurvinen hergestellt.

Revolution in den 80ern

In den 80er Jahren kam es zu einer wahren Biathlonrevolution. Bei den OWS in Lake Placid wurde zum ersten Mal das „moderne“ 50-Meter-Stadion mit Klappscheibensystem und .22-Kaliber-Waffen gezeigt. Biathlon war endlich zuschauerfreundlich. Das Sprintrennen gab sein Olympiadebüt und Fran Ulrich krönte sich zum ersten Sprintolympiasieger.

1981 fanden schließlich die ersten Damenrennen statt. Die erste Weltmeisterschaft mit Damenbeteiligung gab es 1984 in Chamonix. Typisch für die Zeit absolvierten die Damen einen Einzel mit drei Schießeinlagen über 10 Kilometer und einen Sprint über 5 Kilometer.

Die Saison 1983/84 war die Geburtsstunde des Weltcups. Er bestand aus nur fünf Austragungsorten, darunter Ruhpolding und Oberhof im Januar. Die Abschlussrennen fanden – natürlich – am Holmenkollen statt.

Veränderungen und Stars in den 90ern

Nach einem soliden Start in den 80er Jahren feierten die Damenrennen ihren großen Durchbruch bei den OWS 1992 in Albertville. Anfissa Reztsova eröffnete die Spiele mit einem Sieg im Sprint, während Gold im modernisierten Einzel über 15 Kilometer an Antje (Misersky) Harvey ging.

In Albertville gewannen auch eine der größten Biathlonstars wie Ricco Groß und Sven Fischer ihre ersten Olympiamedaillen.

1993 markierte einen Wendepunkt in der Biathlongeschichte. Nach Jahren des Stiefkinddaseins in der UIMPB erklärte der Biathlonsport am 2. Juli 1993 in London seine Unabhängigkeit und gründete mit 57 Mitgliedern einen eigenen Verband. 1998 wurde die IBU vom IOC anerkannt. Die IBU eröffnete dann im Folgejahr ihre Hauptgeschäftsstelle in Salzburg.

Der Biathlonsport gewann immer mehr an Beliebtheit und in der Saison 1996/97 wurde das Verfolgungsrennen eingeführt. Damit erschien eine neue, schnelle und einfach zu verfolgende Wettkampfform im Weltcupprogramm. Die ersten Verfolgungssieger im Weltcup waren Sven Fischer und Simona Greiner Petter-Memm. In derselben Saison entwickelte sich auch die ehemalige Langläuferin Magdalena Forsberg zu einem der größten Stars im Damenfeld. Insgesamt sicherte sie sich sechs Weltcutgesamtsiege in Folge.

In der folgenden Saison lag ein junger Athlet namens Ole Einar Björndalen im olympischen Sprint von Nagano vorn, als das Rennen aufgrund heftiger Schneefälle, die das Nozawa-Onsen-Stadion fast täglich unter sich begruben, abgebrochen wurde. Am nächsten Tag machte er genau dort weiter, wo er aufgehört hatte, und sicherte sich seine erste Olympiagoldmedaille. Der Beginn einer legendären Karriere.

Ein Phänomen des 21. Jahrhunderts: Fernsehen, „König“ Ole und der Massenstart

Zur Jahrtausendwende sah Biathlon aus wie heute. Fernsehsender übertrugen die Rennen nicht nur europa- sondern weltweit. Millionen Fans klebten vor den Bildschirmen oder strömten in die immer weitere wachsenden Stadien, wenn „König“ Ole, Kati Wilhelm, Uschi Disl, Raphael und Liv Grete Poiree sowie viele weitere immer bekannter werdende Biathlonstars an den Wochenenden in Östersund, Oslo, Antholz, Oberhof und Ruhpolding um den Sieg kämpften. Elektronische Scheiben machten Treffer und Fehler sofort auf den großen Stadionbildschirmen und im Fernsehen sichtbar, sodass die Fans in Echtzeit mitjubeln und -leiden konnten.

Björndalen, Fischer und Poiree dominierten das erste Jahrzehnt. Den Norwegern gelang währenddessen eine unerreichte Meisterleistung: Sie gewannen vier Goldmedaillen bei den OWS 2002 in Salt Lake City.

Der Massenstart hatte sein Weltcupdebüt 1999 gegeben und wurde 2000 in das Weltmeisterschaftsprogramm am Holmenkollen aufgenommen. Passenderweise sicherten sich Raphael und Liv Grete Poiree die ersten Goldmedaillen. Bis heute sind sie das erste und einzige Ehepaar, dass bei einer IBU WM Gold gewann.

Eine weitere neue und revolutionäre Wettkampfform, die Mixed-Staffel, wurde Mitte der 2000er eingeführt und erlebte eine separate erste Weltmeisterschaft 2005 in Khanty-Mansiysk. Bei den 50. IBU-Weltmeisterschaften in Östersund 2008 wurde die Mixed-Staffel in das reguläre Wettkampfprogramm aufgenommen.

Entwicklung zur beliebtesten Wintersportart

Die Anziehung des Biathlonsports ist in den letzten 10 Jahren immer weiter gestiegen. Stadien wie Antholz, Östersund, Oberhof und Ruhpolding wurden modernisiert und ausgebaut, sodass sie jetzt Fanmassen beherbergen können. Gleichzeitig entstanden neue riesige Stadien, z. B. in Nove Mesto Na Morave und das Sylvie-Becaert-Stadion in Annecy Le Grand Bornand, die den Biathlonsport neuen Zuschauern nahebringen.

Die IBU ruhte sich nicht auf ihren Lorbeeren aus, sondern entwickelte den Sport immer weiter. Neue Wettkampfformen wurden ausprobiert. Die spannende Single-Mixed-Staffel, in der bis heute alle großen Biathlonstars gestartet sind, wurde 2019 ins IBU-WM-Programm übernommen. Der Supersprint wird kontinuierlich weiterentwickelt und wird früher oder später auch im BMW IBU Weltcup sein Debüt feiern.

Als Teil der anhaltenden Weiterentwicklung des Biathlonsports wurde in der Saison 2015/16 der Junior Cup ins Leben gerufen, der den Stars von Morgen die Möglichkeit gibt, international mehr Wettkampferfahrung zu sammeln, als bei der nur einmal im Jahr stattfindenden IBU JJWM. Der Junior Cup wurde zum Hit. Mehr als 100 Starter können bei den meisten Veranstaltungen im Herren- und Damenfeld verzeichnet werden.

Auch die Riege der Stars wächst weiter. Der nachdenkliche, sportbegeisterte Martin Fourcade dominierte die Herrenszene bis zu seinem Rücktritt. Der entspannte Johannes Thingnes Boe trat in seine Fußstapfen. Laura Dahlmeiers und Magdalena Neuners kurze, aber brillante Sportkarrieren machten die IBU Weltmeisterschaften zu Events, die man nicht verpassen durfte. Kaisa Mäkäräinens und Gabriela Soukolovas Persönlichkeiten machten sie zu Fanlieblingen, während Fourcade und Darya Domracheva mit mehreren Goldmedaillen Olympiageschichte schrieben. Doch den Rekord hält immer noch Ole Einar Björndalen mit 13 olympischen Biathlonmedaillen bis zu seinem Rücktritt 2018.

Biathlon hat einen weiten Weg zurückgelegt, seit einige wenige Herren durch den Wald liefen und immer wieder anhalten mussten, um ihre klassischen Holfskier zu wachsen, bevor sie auf Ballons zwischen den Bäumen schossen. Heute kämpfen Herren und Damen Seite an Seite in der Mixed-Staffel in riesigen Stadien, während Zuschauer weltweit jeden ihrer Schritte verfolgen und sich vom beliebtesten Wintersport im Fernsehen einfach nicht losreißen können. Bald wird ein neues Kapitel im Biathlongeschichtsbuch geschrieben… Peking 2022.

Photos: IBU/ Christian Manzoni, Rene Miko, Petr Slavik, Ernst Wukits, archive; US Biathlon/Art Stegen; Dr, John Kelley, NOAA

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