Momente für die Biathlon-Geschichtsbücher
Manche Rekorde werden ganz nebenbei eingestellt. Bei anderen hat man das Gefühl, dass sich der Sport damit verändert hat, zumindest ein bisschen. In dieser Saison erlebte die Biathlon-Welt gleich mehrere solcher Momente: Teenager, die allen Regeln trotzen, olympische Legenden, die über sich hinauswuchsen und Abstände, die so knapp waren, dass man zweimal hinschauen musste.
Neues goldenes Zeitalter für Italien
Seit über drei Jahrzehnten hatte kein Italiener mehr das gelbe Trikot des Weltcup-Führenden getragen. Zuletzt war Johann Passler im März 1992 in Gelb gelaufen, lange bevor Tommaso Giacomel überhaupt auf der Welt war. Dann kam Oberhof. Als Giacomel im Januar 2026 die Führung im Weltcup übernahm, war das nicht nur ein persönlicher Erfolg, sondern wirkte auch wie ein klares Zeichen, dass mit der jungen italienischen Biathlon-Generation ab jetzt zu rechnen ist. Und die Italiener legten nach.
Bei den Winterspielen in Antholz schaffte es Lisa Vittozzi als erste Italienerin, olympisches Gold im Biathlon zu gewinnen. An den Erfolg vergangener Tage konnte der italienische Biathlon auf heimischem Boden und vor heimischen Fans plötzlich mit neuen Glanzleistungen anknüpfen.
Teenager auf der Überholspur
Wer im Biathlon erfolgreich sein will, braucht erfahrungsgemäß Geduld. Üblicherweise dauert es Jahre, bis die Athletinnen und Athleten eine ganze Weltcupsaison durchstehen können, von Spitzenplätzen ganz zu schweigen. In diesem Winter setzten sich ein paar Teenager über diesen Erfahrungswert einfach hinweg.
Der Lette Rihards Lozbers lieferte in Antholz eine der großen Sensationen der Saison, als der 16-Jährige im olympischen Sprint Platz 32 belegte. Er ist damit der jüngste Biathlet in der Geschichte des Sports, der es in die Top 40 der Weltelite geschafft hat. Nur wenige Wochen später schrieb er beim Saisonfinale in Oslo erneut Geschichte als jüngster Athlet, der sich je für den Massenstart im Weltcup qualifiziert hate. Den bisherigen Rekord von Campbell Wright verbesserte er um mehr als zweieinhalb Jahre.
Und damit war er nicht der einzige Teenager auf der Überholspur. Der Pole Grzegorz Galica holte als erster U19-Athlet dieses Jahrhunderts Weltcuppunkte – ein weiteres Anzeichen dafür, dass die nachfolgenden Biathlon-Generation immer früher konkurrenzfähig werden.
Eine olympische Liga für sich
Quentin Fillon Maillet zählte schon vor den Winterspielen in Antholz zu den prägenden Athleten seiner Generation. Nach den Winterspielen war er der meistdekorierte französische Olympionike aller Zeiten.
Die Zahlen sprechen für sich: fünfmal olympisches Gold, neun olympische Podestplätze bei nur 15 Starts und ein so konstant hohes Leistungsniveau, wie man es in der olympischen Biathlongeschichte selten gesehen hat. Wie beeindruckend Fillon Maillets olympische Erfolgsbilanz wirklich ist, lässt sich in Zahlen trotzdem kaum fassen. Bei Olympia sind Nervosität und Leistungsdruck noch mal exponentiell größer, und dennoch lief er mit enormer Beständigkeit immer wieder in die Medaillenränge.
Wenn plötzlich jede Sekunde zählt
Nicht jeder neue Rekord dieser Saison wurde von einzelnen Athletinnen oder Athleten aufgestellt. An einigen Zahlen war abzulesen, wie drastisch der Sport sich wandelt, und so eng wie in diesem Winter war das Feld wohl noch nie zuvor.
In Le Grand Bornand trennten weniger als zehn Sekunden die sechs Bestplatzierten im Sprint der Männer. Es war das erste Mal, dass die Abstände in der Weltspitze so gering waren. Im Massenstart der Frauen war es sogar noch knapper: Hier trennten nur 0,8 Sekunden den ersten Platz vom dritten, was den bisherigen Rekordabstand mehr als halbierte.
Und dann kam Oberhof. Die fünf besten Männerstaffeln gingen innerhalb von 5,4 Sekunden über die Ziellinie. Vor dieser Saison hatten beim knappsten Ausgang einer Staffel in der Geschichte des modernen Biathlon noch über 20 Sekunden Platz 1 von Platz 5 getrennt.
All das waren keine kuriosen Einzelfälle. Es waren Anzeichen dafür, dass der Sport intensiver, schneller und unberechenbarer ist als je zuvor.
In dieser Saison wurde nicht nur Biathlongeschichte geschrieben. Auch die Grenzen des Möglichen haben sich ein wenig verschoben.
Fotos: IBU Photopool