„Ich konnte nicht glauben, was passiert war“ – Wie Giacomel mit der Saison Frieden geschlossen hat

Der italienische Biathlonstar Tommaso Giacomel hat in den vergangenen Monaten viel durchgemacht. Seine Traumsaison wurde aufgrund von Herzproblemen frühzeitig beendet und er konnte nicht mehr um olympisches Gold oder den Sieg in der Weltcupgesamtwertung mitkämpfen. Und all das nur wenige Wochen nach dem Tod seines besten Freundes, Sivert Guttorm Bakken, im Dezember. Der 26-jährige Italiener unterzog sich am 24. Februar einer Operation und kehrte im Frühling langsam wieder in den Trainingsalltag zurück. Bis jetzt läuft alles nach Plan und er hofft auf eine gute nächste Saison. Als wir ihn Ende Mai interviewten, hatte er gerade 27 Stunden Training in fünf Tagen absolviert, womit er sehr zufrieden war.

Training nach der Herz-OP

„Ich habe später als erhofft wieder mit dem Training begonnen“, sagt der Italiener, „Ich wurde am 24. Februar operiert und dachte: ‚Verdammt, Mitte März bin ich wieder voll im Training.‘ Doch aufgrund vieler Sponsorentreffen und Verpflichtungen war der April ziemlich hektisch. Letztendlich bin ich erst Mitte April richtig ins Training eingestiegen. In den letzten beiden Wochen sind einige intensive Einheiten dazugekommen. Alles fühlte sich gut an, also ging es von da an zurück zur Normalität.“

Langsam aber sicher absolviert er wieder seine normale Trainingsroutine.

„Ehrlich gesagt, denke ich nicht, dass sich viel ändern wird. Ich weiß, dass ich wieder ordentlich trainieren kann und ich bin schnell stärker geworden. Ich denke, ich werde in diesem Sommer gute Trainingseinheiten absolvieren können – genauso wie in den anderen Jahren.“

Header iconBI64 - Tommaso Giacomel

Der Moment, als die Saison endete

Biathlonfans hielten den Atem an, als sie auf den großen Bildschirmen verfolgten, wie ein untröstlicher Giacomel neben der Strecke saß, nachdem er im olympischen Massenstart erst geführt hatte und dann gezwungen gewesen war, auszusteigen. Doch die Wochen, die darauf folgten, waren für den Italiener emotional noch schwieriger.

„Es war ein Albtraum, obwohl ich noch hoffte, dass ich wieder in den Weltcup zurückkehren und um den Gesamtsieg kämpfen würde. Als die Ärzte im Operationssaal sagten: ‚Wir haben das Problem gefunden und werden es nun wegbrennen‘, habe ich erst wirklich verstanden, dass es vorbei ist.“

Die 25-minütige Operation war ein Erfolg. Giacomel verfolgte den Eingriff auf einem Monitor, wie die Ärzte sein Herz kartierten und die Stelle absuchten, die das Vorhofflimmern verursachte. Sie wurde schließlich gefunden und verbrannt.

„Sie stimulierten sie, um die Reaktion zu beobachten. Mein Puls schnellte von 50 auf 160, dann plötzlich auf 232. Ich starrte den Arzt an und meinte, meine Brust würde explodieren. Da sagte er mir, dass sie die Ursache gefunden hatten.“

Mentale Genesung

„Ehrlich gesagt, geht es mir gut, weil ich es geschafft habe, das alles hinter mir zu lassen“, gibt er zu. Doch er schreckt nicht davor zurück, über seine schwierige Zeit im Krankenhaus zu sprechen.

„Ich konnte nicht glauben, was passiert ist. Ich habe fast nie ein Rennen ausgelassen und plötzlich lag ich im Krankenhaus und schaute Biathlon im Fernsehen. Das war surreal. Als ich entlassen wurde, hatte ich zum Glück eine liebende Familie und eine wunderbare Freundin um mich. Sie haben mir dabei geholfen zu verstehen, dass meine Gesundheit mehr zählt als Wettkämpfe.“

Diese schmerzhafte Erkenntnis traf ihn im vergangenen Winter gleich zweimal, denn im Dezember verstarb sein guter Freund Sivert Bakken während eines Trainingslagers.

„Diese Saison war geprägt von unglaublichen Höhen und Tiefen. Ich kann immer noch nicht fassen, dass Sivert nicht mehr da ist. Ich habe fast täglich mit ihm gesprochen. Er war ein echter Freund. Was mir passiert ist, ist nichts im Vergleich dazu, ihn zu verlieren. Man kann es gar nicht vergleichen.“

Ein Teil seiner mentalen Genesung, die dazu führte, seine Situation voll und ganz zu akzeptieren, war die Rückkehr zum Weltcupfinale in Oslo – wenn auch nur als Zuschauer.

„Das hat mir gutgetan. Es war schön, denn die Leute hatten gesehen, wie ich in Antholz in einem Krankenwagen abtransportiert wurde. Nach Oslo zu reisen und alle meine Freunde und Trainer wiederzusehen, war wunderbar.“

Das Ende der Heimolympiade

Vor den Olympischen Spielen 2026 in Milano Cortina hatte Giacomel mehrfach gesagt, dass sein Hauptziel der Weltcupgesamtsieg und nicht Olympiagold wäre. Das hatte viele überrascht – vor allem, da nicht viele Athleten die Chance haben, jemals bei einer Heimolympiade an den Start zu gehen.

Nun beginnt ein neuer olympischer Zyklus, der alle in vier Jahren in die französischen Alpen führt. Giacomel hat seine Einstellung aber nicht geändert.

„Ich bin ehrlich gesagt froh, dass der ganze Trubel um die Heimolympiade langsam nachlässt. Egal, ob die Olympischen Spiele nun in Italien oder irgendwo anders ausgetragen werden, meine Welt ändert sich deshalb kaum. Ich schlafe nachts gut. Es war nie überwältigend für mich. Aber es war ermüdend, immer und immer wieder dieselben Fragen zu beantworten: ‚Was denkst du über die Olympischen Spiele in Italien? Was erwartest du?‘ Ich werde wahrscheinlich dieselben Antworten geben, wenn die Olympischen Spiele in Frankreich vor der Tür stehen.“

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